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CFO des Monats: Hermann Jung

Erst Triton, jetzt Midea: Freigiebige M&A-Player sanieren die Finanzen von Voith. CFO Hermann Jung freut es.
Voith

Voith-Finanzchef Hermann Jung geht mit deutlich mehr Rückenwind auf seine letzten Meter als CFO des 150 Jahre alten Familienunternehmens, als vor einem halben Jahr selbst die kühnsten Optimisten es für möglich gehalten hätten. Im Herbst wird sich Jung in den Ruhestand verabschieden und den Stab an seinen Nachfolger Toralf Haag übergeben. Doch vorher muss er gemeinsam mit Konzernchef Hubert Lienhard noch ein Luxusproblem lösen.

Das milliardenschwere Übernahmeangebot des chinesischen Industriekonzerns Midea für Kuka dürfte auch für Voith überraschend gekommen sein. Eigentlich wollte der Heidenheimer Maschinen- und Anlagenbauer über die Ende 2014 erworbene Sperrminorität bei dem Augsburger Roboterhersteller einen Fuß in die Tür des Boomthemas Industrie 4.0 bekommen. Vor allem Kukas hohe Kompetenz in der Automatisierung könnte für Voith bei dem Versuch, sich selbst zukunftsfähig aufzustellen, langfristig von erheblichem Wert sein. Beigeistert klang Konzernchef Lienhard jedenfalls nicht, als er sich gestern bei der Bilanzvorlage sehr reserviert zu dem Vorstoß der Chinesen äußerte.

Voith hat seinen Einsatz bei Kuka fast verdoppelt

Andererseits bietet sich Voith jetzt die große Chance, sich auf einen Schlag finanziell aller Sorgen zu erledigen. Dafür müssten Lienhard und Jung nur die Kuka-Beteiligung an Midea verkaufen – mit einem satten Gewinn. Voith investierte insgesamt rund 600 Millionen Euro, jetzt würde man bei einem Verkauf an Midea rund 1,1 Milliarden Euro kassieren und damit den Einsatz in nur eineinhalb Jahren fast verdoppeln.

Hätte Jung in den zurückliegenden zwei Jahren nicht so gute Arbeit geleistet, hätte Voith heute wohl keine andere Wahl, als das Angebot anzunehmen – angenommen, der Konzern wäre finanziell überhaupt dazu in der Lage gewesen wäre, bei Kuka einzusteigen. Doch jetzt kann das Familienunternehmen in Ruhe seine Optionen abwägen.

Das liegt zum einen daran, dass Voith seine schweren Jahre, in die der Zusammenbruch des Papiermaschinenmarktes das Unternehmen gestützt hatte, so gut wie überwunden hat. Jung hat ein Sparprogramm durchgesetzt, das mit Kostensenkungen von 220 Millionen Euro pro Jahr nicht nur den Problembereich Papiermaschinen, sondern den ganzen Konzern über Wasser gehalten hat. Im Geschäftsjahr 2014/15 lag das Betriebsergebnis bei 270 Millionen Euro, was zeigt, in welche Lage Voith ohne die tiefen Einschnitte abgerutscht wäre. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres stagnierte der Umsatz noch, aber der Auftragseingang zieht bereits spürbar an.

Auch an der Finanzierungsfront hinterlässt Jung seinem  Nachfolger geordnete Verhältnisse: Mit der Platzierung eines 300 Millionen Euro schweren Schuldscheindarlehens Ende vergangenen Jahres hat Jung die Liquidität von Voith deutlich aufgepolstert. Die Refinanzierung der 600-Millionen-Euro-Anleihe, die im Juni 2017 fällig wird, dürfte damit gesichert sein. Voith kann sein Kuka-Paket nun verkaufen, muss es aber nicht.

CFO Hermann Jung: „Voith gehört ins Investmentgrade“

Noch ein zweiter aktueller M&A-Deal bringt Voith bei Kuka in eine gute Position: Vor wenigen Wochen verkaufte Voith 80 Prozent seiner Industrieservicesparte an den PE-Investor Triton. Der Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht, aber allen Hinweisen zufolge liegt er in etwa dort, wo ihn Voiths Ratingagentur Moody’s im Vorfeld kalkuliert hatte: 350 bis 400 Millionen Euro. Damit allein könnte Voith schon einen nennenswerten Teil seiner Nettofinanzschulden von 734 Millionen Euro abtragen.

Ein Verkauf der Kuka-Beteiligung würde den Kassenbestand sogar in eine deutliche Net-Cash-Position drehen. Damit könnte Jung zu guter Letzt vielleicht sogar noch die größte Scharte seiner Karriere ausmerzen: den Verlust des Investmentgrade-Ratings im vergangenen September. Aktuell bewertet Moody’s Voith mit Ba1. „Voith gehört ins Investmentgrade“, hatte Jung im Januar im Gespräch mit dem FINANCE-Magazin proklamiert.   

Hermann Jung hat Voith die Unabhängigkeit gesichert

Jungs größte Prämisse würde aber auch dann nicht in Gefahr geraten, wenn der Konzern der Verlockung widersteht, bei Kuka Kasse zu machen: „Wir wollen und werden unabhängig von externen Eigenkapitalgebern bleiben“, so lautet das Credo des Borussia Dortmund-Fans, der seit 30 Jahren für Voith arbeitet, die Hälfte davon als Finanzchef.

Doch für ein Dilemma müssen Lienhard und Jungs Nachfolger Toralf Haag so oder so eine Lösung finden, zu der Jung nicht mehr viel beitragen kann: Wie macht sich Voith nun, da bei Kuka bald die Chinesen den Ton angeben, fit für die Industrie 4.0? Das Familienunternehmen braucht Input und Optionen von außen. Voith-Chef Lienhard liebäugelt erklärtermaßen mit Zukäufen, denn das organische Wachstum Voiths ist gegenwärtig schwach.

Am Geld werden neue Beteiligungen jedenfalls so schnell nicht mehr scheitern. Und dieses muss nicht zwingend von Kuka kommen, sondern könnte auch aus dem Investment in SGL Carbon zurück nach Heidenheim fließen. An SGL hält Voith knapp 10 Prozent, die rund 100 Millionen Euro wert sind. Dort hatte Jung aber kein so gutes Händchen: Die Krise des Graphitspezialisten aus Wiesbaden dürfte Voith bislang einen Buchverlust im Ausmaß eines hohen zweistelligen Millionenbetrags beschert haben. 

Info

Für herausragende Leistungen, besonderen Spürsinn oder mutige Entscheidungen zeichnet FINANCE jeden Monat einen Finanzvorstand aus. Welche Finanzchefs die Auszeichnung bislang erhalten haben, lesen Sie auf unserer Themenseite CFO des Monats.

Die Titelstory der FINANCE-Ausgabe 1/2016 haben wir einer ausführlichen Analyse des Konzernumbaus von Voith gewidmet. Erhältlich ist sie als ePaper in unserem Webshop

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