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CFO Harald Wilhelm: Bad Cop greift bei Daimler durch

CFO Harald Wilhelm erntet bei Daimler die Früchte seiner Arbeit.
Daimler

In der CFO-Branche ist Harald Wilhelm als Bad Cop und Aufräumer bekannt. Und genau dafür hat Daimler ihn im Frühjahr 2019 auch als neuen Finanzchef von Airbus geholt. Dort hatte Wilhelm unter anderem im Februar 2014 den Kauf der Salzburg München Bank eingefädelt, die seitdem unter dem Namen „Airbus Bank“ firmiert. Dies brachte dem Flugzeugbauer mehr Flexibilität bei der Finanzierung.

Schon 2011 begleitete er die Mehrheitsübernahme des insolvenzbedrohten Zulieferers Pfalz-Flugzeugwerke und sicherte Airbus damit den Hochlauf der Produktion seines neuen Langstreckenmodells A-350. Vor allem aber erwarb sich Wilhelm bei Airbus einen Ruf als strenger Cashflow-Optimierer. Genau so einen brauchte Daimler nach einer 15-jährigen Amtsdauer des vorherigen CFOs Bodo Uebber, in der sich bei Kosten und Cashflow der eine oder andere Schlendrian eingenistet hatte. Und der 55-Jährige hat geliefert, was Daimler sich von ihm versprochen hat – auch weil er einen wichtigen Machtkampf für sich entscheiden konnte.

Wilhelm gewann Machtkampf mit Mercedes-CFO

Dabei war Wilhelms Start bei dem Autobauer alles andere als angenehm. Gleich dreimal kurz hintereinander musste er eine Gewinnwarnung herausgeben, in erster Linie wegen immer höherer Kosten für die Bewältigung des Dieselskandals.

Dann brach Berichten zufolge auch noch ein interner Machtkampf zwischen Wilhelm und dem Mercedes-CFO Frank Lindenberg aus, der ebenfalls als möglicher Nachfolger Uebbers gehandelt worden war. Wilhelm setzte sich durch, Lindenberg suchte das Weite. Seit Februar vergangenen Jahres verantwortet Wilhelm nun auch die Finanzen von Mercedes, und das sicherte ihm den Durchgriff auf den wichtigsten Bereich des Daimler-Konzerns.

Kostenersparnis pusht Daimlers Quartalszahlen

Das war Gold wert, denn just zu jenem Zeitpunkt brach die Coronapandemie über die gesamte Automobilbranche herein, auch bei Daimler brachen die Umsätze ein. Für Wilhelm war das die Chance, ein rigoroses Kostenregime durchzusetzen, das er ohne Coronakrise wohl kaum in dieser Form hätte aufgleisen können. So kündigte Daimler im Oktober an, dass unter anderem im Stammwerk Untertürkheim Tausende Stellen abgebaut werden sollen – in erster Linie über Abfindungen und Vorruhestandsregelungen. Auch bei den Investitionen sowie im Vertrieb und der Verwaltung haben die Stuttgarter mehrere Milliarden Euro eingespart.

Dass Wilhelms Tritt auf die Kostenbremse seine Wirkung nicht verfehlt hat, beweisen nun die Zahlen des Autobauers für das erste Quartal 2021. Diese fielen – nicht zuletzt dank der Sparmaßnahmen – mit einem operativen Gewinn von 5,7 Milliarden Euro massiv besser aus als erwartet. Die Autosparte erzielte gar eine Ebit-Marge von 15,2 Prozent, so viel wie seit Menschengedenken nicht mehr. Auch der Free Cashflow stieg im Vergleich zum Vorjahresquartal von minus 2,5 auf plus 1,8 Milliarden Euro an, trotz Corona konnte das Management die Dividende von 90 Cent auf 1,35 Euro je Aktie anheben.

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Harald Wilhelm, Daimler AG

Wilhelm ist von 1992 bis 1993 Manager für M&A bei Daimler-Benz Aerospace. 1995 wird er zum Senior Manager für M&A befördert. Anschließend arbeitet Wilhelm bei DaimlerChrysler-Aerospace, von 1998 bis 2000 als Vice President für M&A. In dieser Funktion leitet er verschiedene Projekte, unter anderem die Verschmelzung der einzelnen Airbus-Bereiche zu einem Unternehmen.

Seit 2000 ist Wilhelm bei der EADS-Sparte Airbus tätig, zunächst als Vice President für Accounting, Tax und Financial Services, ab 2003 dann als Senior Vice President Financial Control. Im Januar 2007 wird Wilhelm zum Chief Controlling Officer und stellvertretenden CFO von Airbus ernannt. Seit Februar 2008 ist er dort CFO und Mitglied des Führungsausschusses. Diese Positionen hat er weiterhin inne, obwohl er im Juni 2012 zusätzlich zu seiner CFO-Tätigkeit bei der Flugzeugsparte auch noch die Aufgaben des Konzern-CFOs übernimmt. Im Mai 2018 kündigt er an, zusammen mit Konzernchef Thomas Enders Airbus im Frühjahr des folgenden Jahres verlassen zu wollen. Im Mai 2019 wird Wilhelm neuer CFO des Autobauers Daimler.

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Wilhelm muss sich auf Kostenanstieg einstellen

Doch mit der Erholung der Wirtschaft werden auch die Kosten beim Stuttgarter Autobauer wieder steigen. So dürfte mit steigender Nachfrage etwa das Ende der Kurzarbeit näher rücken, die Daimler nach Angaben von Wilhelm rund 700 Millionen Euro an Kostenersparnis gebracht hat. Gleichzeitig sorgen die Lieferengpässe bei Halbleitern für hohe Sonderkosten und Produktionsausfälle. Analysten schätzen die Ergebniseinbußen für Daimler auf mehrere hundert Millionen Euro.

Die größte Herausforderung liegt für Daimler jedoch unverändert im Wandel hin zur Elektromobilität, der den Autobauer zwingt, sich neu erfinden und auch künftig viele Milliarden zu investieren. Dass die Schwaben das Zeug dazu haben, sich auch in diesem Segment einen Spitzenplatz zu sichern, zeigen die Lobeshymnen auf die jüngst vorgestellte neue Elektro-S-Klasse EQS, die als das beste Auto gilt, das Mercedes seit vielen Jahren konzipiert hat.

CFO Wilhelm sieht Green Finance als „Must-have“

Doch die Investitionsoffensive bei Elektroautos eröffnet Daimler auch neue Finanzierungsquellen. Dank Projekten wie dem EQS oder einer voll digitalisierten neuen Flaggschifffabrik in Sindelfingen („Factory 56“) kann Wilhelm im großen Stil den Green-Finance-Markt anzapfen. Im September platzierte der CFO den ersten Green Bond in der Geschichte des Unternehmens mit einem Volumen von 1 Milliarde Euro. Und Wilhelm ist von einer dauerhaft starken Nachfrage im Bereich Green Finance überzeugt, wie er in einem langen FINANCE-Interview im Oktober ausführte: „Die Investmentkriterien werden so stark anziehen, dass Green Finance irgendwann nicht mehr ein ,Nice-to-have‘ ist, sondern ein ,Must-have‘. Andernfalls wird man als CFO Probleme beim Zugang zu Finanzierungen haben.“

Dass ein exzellenter Zugang zum Kapitalmarkt wichtig ist, hatte sich im April des vergangenen Jahres gezeigt, als Daimler einige Wochen lang wegen geschlossener Werke und unterbrochener Lieferketten in den finanziellen Abgrund blickte. Damals rüstete CFO Harald Wilhelm den Konzern mit einer Kreditlinie über 12 Milliarden Euro für das Schlimmste – zusätzlich zu einer schon bestehenden, aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht gezogenen Linie über 11 Milliarden Euro.

Diesen Notgroschen musste Daimler nicht in Anspruch nehmen, aber das Wissen, ihn zu haben, sorgte dafür, dass die wichtigen Entwicklungsprojekte nicht ins Stottern geraten sind. Mit diesen Ergebnissen zeigt sich auch Wilhelms Arbeitgeber zufrieden: Daimler teilte vergangene Woche mit, dass der Konzern den Vertrag mit dem CFO vorzeitig bis 2027 verlängert hat.

thomas.holzamer[at]finance-magazin.de

Info

Vita, Hobbys, Karriere-Highlights: Mehr über den Daimler-CFO finden Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Harald Wilhelm.
Weitere Portraits aus dieser Rubrik gibt es zu finden auf der Themenseite CFO des Monats.

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Thomas Holzamer ist Redakteur bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Banken-Sektor, speziell das Firmenkundengeschäft. Er hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Thomas Holzamer mehr als 12 Jahre in den Redaktionen der Mediengruppe Offenbach-Post, zunächst als verantwortlicher Redakteur für Sonderpublikationen, später im Lokalen.

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