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Die neue Politik des Glücks und Wachstums

Geld allein macht nicht glücklich. Der Volksmund weiß das schon, jetzt lernt es auch die Politik.
Thinkstock / Getty Images

Vergangene Woche wies Sir Robert Skidelsky in einem von CFO-Insight moderierten Webinar  auf die merkwürdige Tatsache hin, dass die Briten in den letzten 4 Jahrzehnten zwar sehr viel reicher, aber nicht viel zufriedener geworden sind. Der renommierte Ökonom argumentierte, dass der engstirnige Fokus auf das BIP als Staatsziel mit einem viel breiteren, und letztlich befriedigenderem Streben nach Zufriedenheit getauscht werden sollte.

Die Erkenntnis, dass Pro-Kopf-Einkommen und Zufriedenheit nicht unbedingt miteinander verbunden sind, wächst schon seit Jahren. Mittlerweile gibt es sogar einen ganzen neuen Zweig der Wissenschaft, der sich der Entdeckung der wahren Wurzeln des Glücks widmet. Jüngste Beispiele sind nicht nur Skidelskys Buch „Money and the Good Life“, sondern auch „Finance and the Good Scoiety“ vom Yale-Ökonomen Robert J. Shiller oder auch „What Money Can’t Buy“ von Michael J. Sandel von der Harvard-Universität.

Jedoch hat diese wachsende Literatur erst vor kurzem begonnen, konkret die Politik zu beeinflussen. Frankreich begann vor etwa 3 Jahren, das Maß an Zufriedenheit zusätzlich zum BIP zu berechnen, und diesen Monat schloss sich auch Großbritannien an.. Ende November veröffentliche die britische Statistikbehörde ihren ersten "Measuring Well-being" Report,  der 10 Gebiete identifiziert, die für die Zufriedenheit von entscheidender Bedeutung sein sollen. Auch wenn der Bericht noch keine direkten Auswirkungen auf die Politik haben wird, signalisiert er den ersten Versuch einer britischen Regierungsbehörde, die flüchtigen Konzepte von Glück und Wohlbefinden greifbarer zu machen.

Warum es für Finanzchefs wichtig ist

Aus mehreren Gründen sollten Finanzchefs diesen Entwicklungen ihre Aufmerksamkeit widmen. Erstens sind der Bericht und ähnliche Publikationen wie der First World Happiness Bericht, der im April von der Columbia Universitys vorgestellt wurde eine lehrleiche Lektüre,  bieten sie doch einen wertvollen Einblick in viele Länder, ihre Menschen und deren Selbstwahrnehmung.

Von wahrscheinlich noch wichtigerer Bedeutung ist aber, dass der wachsende staatliche Fokus auf das Wohlbefinden wichtige Auswirkungen auf ihre Wirtschaftspolitik haben könnte. Bereits jetzt gibt es eine wachsende Überzeugung, dass Unternehmen ihren Standorten mehr als nur Arbeitsplätze schulden. Der neueste Aufschrei gegen Steuervermeidung in Großbritannien sowie die Tiraden des französischen Wirtschaftsministers gegen ArcelorMittal sind nur die jüngsten Beispiele.

Wenn sich diese Gewichtsverschiebung von BIP in Richtung Glück fortsetzt, könnte es zu politischen Entscheidungen führen, die zum Beispiel die Zufriedenheit am Arbeitsplatz über die Förderung des Wirtschaftswachstums stellen. Das muss für Unternehmen nicht schlecht sein. Glücklichere Menschen neigen auch dazu, produktiver zu sein. Doch die staatliche Förderung des Glücks könnte auch eine starke Regulierungswut nach sich ziehen. Es ist etwas, was Finanzvorstände im Auge behalten sollten. Andernfalls könnte es ihr Glück sein, das letztendlich leidet.

steven.arons[at]finance-magazin.de