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ESUG im Test: Kinderkrankheiten bleiben

Als eines der ersten Unternehmen hat Solarwatt das Schutzschirmverfahren nach dem ESUG durchlaufen.
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Ein gutes halbes Jahr nach der Einführung ziehen Unternehmen und Sanierungsexperten eine weitgehend positive Bilanz über das Gesetz zur Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG). Das zeigt die „ESUG-Studie 2012“, für die die Kanzlei Noerr gemeinsam mit Roland Berger Strategy Consultants rund 250 Experten befragt hat. Neben Beratern, Investoren, Richtern und Insolvenzverwaltern war die Gruppe der Gläubiger mit 47 Prozent aller Befragten am stärksten vertreten.
 
Die zuvor gehegten Erwartungen an die Reform des Insolvenzrechts haben sich aus Sicht von 86 Prozent der Teilnehmer zumindest eingeschränkt erfüllt. „ Vor allem aufgrund der Tatsache, dass unter den Umfrageteilnehmern auch viele Gläubiger und Richter waren, hätte ich eine so positive Resonanz im Vorfeld nicht unbedingt erwartet“, bilanziert Christian Pleister, Leiter der Restrukturierungspraxis bei Noerr. „In der Fachöffentlichkeit gab es ja auch kritische Stimmen, vor allem zu einigen Verfahrensentwicklungen unter dem ESUG.“

Skepsis beim Schutzschirmverfahren

Gerade im Hinblick auf das neue Schutzschirmverfahren sind die Stimmen der Teilnehmer geteilt. Das Verfahren erlaubt es Unternehmen, die Sanierung drei Monate lang ohne Zugriff der Gläubiger vorzubereiten, wenn das Unternehmen noch nicht zahlungsunfähig ist. Große Unternehmen wie Neumayer Tekfor, Centrotherm und Solarwatt haben sich in den vergangenen Monaten bereits unter den Schutzschirm gerettet. Ein Drittel der befragten Studienteilnehmer befürchtet allerdings trotz positiver Beispiele, dass das Schutzschirmverfahren das Risiko der Gläubiger erhöhen könnte. Dazu trügen vor allem zum Teil voreilig ausgestellte Bescheinigungen über die vermeintliche Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens bei, meint Pleister: „Einige Unternehmen dürften den Antrag auf Eröffnung des Schutzschirmverfahrens stellen, obwohl sie schon zahlungsunfähig sind.“ Ansonsten seien diese Entwicklungen typische Kinderkrankheiten eines Gesetzes.

Ein weiterer Dauerbrenner ist die „Insolvenz in Eigenverwaltung“: Die im Vorfeld oft geäußerte Befürchtung, der „Bock werde zum Gärtner“ gemacht, wenn das frühere Management bei der Sanierung die Fäden weiter in der Hand behalte, ist offensichtlich noch nicht vollständig entkräftet. Das Risiko für die Gläubiger, am Ende mit leeren Händen dazustehen, schätzen die Befragten ähnlich hoch ein wie beim Schutzschirmverfahren. Hinzu kommt: Viele Anträge scheitern an formellen Fehlern – das treffe allerdings vor allem kleinere Unternehmen, die die Unterlagen eigenständig vorbereiten, glaubt Pleister.

Insgesamt zeigt sich der Restrukturierungsexperte nach der Befragung aber zuversichtlich: „Der Gesetzgeber wollte die Sanierungskultur in Deutschland tiefgreifend verändern, da werden sich Beteiligte auch immer mal wieder eine blutige Nase holen. Vieles muss sich einfach noch einspielen.“

sarah.nitsche[at]finance-magazin.de

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