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Finanzieren am Abgrund: Ein Drahtseilakt

Nach der Finanzkrise kommen Banken mit ihren bilanziellen Aufräumarbeiten immer weiter voran, die Notwendigkeit großvolumige NPL-Portfolio-Deals abzuschließen schwindet – sehr zum Leidwesen der Distressed-Asset-Investoren, für die lukrative Targets damit seltener werden. Während der europäische Markt im vergangenen Jahr durch große Distressed-Real-Estate-Transaktionen geprägt war, lässt sich 2015 etwas ruhiger an.

Zu diesem Ergebnis kam Deloitte-Partner und Wirtschaftsprüfer Jochen Wentzler auf der diesjährigen Deutschen Distressed-Assets-Konferenz (DAK) in Frankfurt am Main. Insgesamt kippe der Markt wieder klar zugunsten der Verkäufer, wodurch die Anzahl der Investoren künftig deutlich zunehmen wird. „Investoren sollten ihre Renditeerwartungen anpassen, 5 Prozent sind durchaus realistisch“, so Wentzler.

Künftige Treiber und Protagonisten sind nach Meinung von Deloitte vor allem Bad Banks und Non-Core-Units der Banken, wie die Heta (Hypo Group Alpe Adria) oder die EAA Erste Abwicklungsanstalt (WestLB) und der FMS Wertmanagement (Hypo Real Estate).

Auch bei der Refinanzierung von Mittelstandsanleihen erwartet Deloitte weitere Schwierigkeiten. Mit der MS Deutschland, Mifa oder MT Energie sind 2014 wieder einige Mittelstandsanleihen pleite gegangen. Allerdings ist dieses Feld inzwischen eher zu klein für NPL-Investoren, die sich auf größere Schieflagen konzentrieren. Viele Fälle werden vermutlich über den regulären Bankenmarkt oder über Distressed-M&A-Deals gelöst.

Finanzieren am Abgrund: Manager mit zu positiven Prognosen

Trotz guter konjunktureller Ausgangslage stehen auch heute Unternehmen vor dem Abgrund. Besonders für das Management ist dann häufig guter Rat teuer, wenn die Liquidität knapp wird und Banken mit der Kündigung drohen. Die vierköpfige Expertenrunde war sich während der Podiumsdiskussion schnell einig: Die beiden CROs Bernd Köhler (zuletzt CEO/CFO bei Phoenix Solar) und Stefan Gros (zuletzt CFO/CRO bei Juwi) setzten den Abgrund ohne zu zögern mit der Insolvenz gleich. LBBW Work-Out Banker Claus Radünz sieht den Abgrund ein wenig früher: Für ihn steht die Finanzierung am Abgrund, sobald die Kommunikation zwischen Management und Bank nicht mehr läuft und damit das Vertrauensverhältnis zerbrochen ist. Lediglich Rechtsanwalt und Insolvenzspezialist Bernd Depping distanzierte sich von dieser Definition und sieht eine gut vorbereitete Insolvenz nicht zwangsläufig als Abgrund, sondern als Chance für einen Neuanfang.

Um das Ruder in solch einer Situation noch herumzureißen macht die operative Fraktion um Köhler und Gros in erster Linie zwei Schlüsselfaktoren aus: Zum einen müsse der „unbedingte Siegeswille“ im Management und im Unternehmen verankert sein, gleichzeitig müsse das Vertrauen der Finanzierer wieder hergestellt werden. „Banken sind diesbezüglich durchaus ausdauernd“, erklärt Radünz, solange die Kommunikation offen, ehrlich und transparent verlaufe. „Es ist wichtig, dass sich Unternehmen an die Vereinbarungen halten und Abweichungen rechtzeitig kommunizieren“, so Radünz weiter. Informationen zurückzuhalten führe zu einem Vertrauenseinbruch und eskaliere die Probleme.

In einer TED-Umfrage stimmten 30 Prozent des Publikums dafür, dass die schlechte Kommunikation durch das Unternehmen am häufigsten zu Problemen bei der Zusammenarbeit mit den Banken führt. Das Hauptproblem sehen die Praxisvertreter jedoch mit 36,7 Prozent im Management des Unternehmens, das die Lage zu positiv einschätzt. 26,7 Prozent bemängeln zudem die Interessenskonflikte der verschiedenen Stakeholder.

Höhere Professionalität bei Unternehmenssanierung

Insgesamt haben sich die Rahmenbedingen zur Restrukturierung von Unternehmen jedoch spürbar verbessert. Die Insolvenzrechtsreform ESUG, die vor rund drei Jahren in Kraft trat, war für viele ein wichtiger Schritt nach vorne: 36 Prozent empfinden es sogar als gut. Die Mehrheit positionierte sich mit 60 Prozent in der Mitte. Lediglich 4 Prozent des Publikums stuften das ESUG mit schlecht ein.

Alexandra Schluck-Amend, Rechtsanwältin und Partnerin bei CMS Hasche Sigle, empfindet den Restrukturierungs- und Sanierungsmarkt durch das ESUG ein Stück professioneller. „Die Qualität von Beratern und Insolvenzverwaltern hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verbessert“, unterstreicht Schluck-Amend. Es bestehe jedoch weiter Verbesserungspotential: Vor allem bei den gesetzlichen Anforderungen an eigenverwaltende Schuldner und deren Qualifikationsanforderungen wünscht sich Schluck-Amend präzisere gesetzliche Vorgaben. Zudem wünscht sie sich für die Praxis eine genaue Regelung zur Begründung von Masseverbindlichkeiten in der vorläufigen Eigenverwaltung.

Bei all dem Optimismus drücken die Experten am Ende des Tages zum Teil dennoch auf die Bremse: Auf die Frage, wie viele Unternehmen letztendlich nachhaltig den Turnaround schaffen, wenn sie dem Abgrund einmal entgangenen sind lag in den meisten Schätzungen bei weniger als 50 Prozent.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Info

Bereits zum 10. Mal fand die Deutsche Distressed-Assets-Konferenz statt. Im zentral in Frankfurt am Main gelegenen Hotel Jumeirah trafen sich am 16. April Käufer und Verkäufer von NPLs, Interimsmanager, Insolvenzverwalter und weitere Restrukturierungsexperten.

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