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Gerry-Weber-CFO Florian Frank: „Es ist ein Kampf“

Banken sind keine Option, staatliche Hilfen nur schwer zu bekommen: Gerry-Weber-CFO Florian Frank sprach mit FINANCE über die schwierige Finanzierung des Modehändlers im Shutdown.
Gerry Weber

Herr Frank, noch zum Ende des dritten Quartals 2020 hatte Gerry Weber eine revolvierende Kreditlinie über 17,5 Millionen Euro nicht beansprucht. Seitdem kam ein neuer Shutdown, und im Februar mussten Sie eine weitere Kreditfazilität über bis zu 12 Millionen Euro abschließen, die bis zu 6 Millionen Euro frische Mittel in die Kasse spülen soll. Wie sieht das Konstrukt genau aus?
Es handelt sich um eine vorsorgliche Liquiditätsaufnahme, um uns im anhaltenden Shutdown Luft zu verschaffen. Anleihegläubiger, die ein Mindestvolumen von 100.000 Euro halten, können ihre Anleihen in eine Beteiligung an der Kreditfazilität tauschen. Voraussetzung ist eine Barzuzahlung in gleicher Höhe: Wer 100.000 Euro Anleihevolumen in den Kredit einbringt, legt zugleich 100.000 Euro an frischer Liquidität ein. Unsere Anteilseigner Robus, Whitebox und JP Morgan haben über einen Backstop mindestens 5 Millionen Euro an frischer Liquidität zugesichert – für uns ein wichtiges Signal, dass sie an das Unternehmen glauben.

Wie sieht es mit Zinsen und Sicherheiten aus?
Der Kredit ist besichert, etwa mit dem Warenlager und Forderungen. Die Verzinsung liegt analog zu unserer mit den Plansponsoren bereits bestehenden Kreditlinie bei 12 Prozent, davon können bis zu 8 Prozent als PIK-Komponente kapitalisiert werden.

Banken waren vermutlich keine Option?
Nicht wirklich. Die Unsicherheiten darüber, wann und für wie lange Geschäfte aus der Modebranche überhaupt öffnen und damit Umsätze erzielen dürfen, ist derzeit einfach zu groß. Unsere Kreditfazilität war eine gemeinsame kreative Idee mit den Anteilseignern, die wir innerhalb weniger Wochen umgesetzt haben. Auf diese Zusammenarbeit und das Ergebnis bin ich stolz. Wenn man immer wieder Planaktualisierungen vornehmen muss, ist das auch für die Shareholder durchaus anspruchsvoll. Und im aktuellen Umfeld ohne den Staat Geld einzusammeln ist auch eine Kunst und zeigt, dass unsere Anteilseigner hinter Gerry Weber stehen.

Gerry Weber

Zum 31. Dezember 2019 wurde das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung über Gerry Weber aufgehoben. Robus und Whitebox (je 42 Prozent Anteile) und JP Morgan (16 Prozent) stellten frische Mittel von bis zu 49 Millionen Euro bereit. Im Mai 2020 stundeten die Insolvenzgläubiger 35 Prozent ihrer Forderungen bis Ende 2023. Gerry Weber setzte in den ersten drei Quartalen 2020 gut 227 Millionen Euro um. 

Gerry Weber prüft Bürgschaften und WSF

Sind staatliche Hilfen eine Möglichkeit?
Wir nutzen Kurzarbeit für unsere Beschäftigten und sind im Beantragungsprozess für die Überbrückungshilfe III, mit der betriebliche Fixkosten bezuschusst werden. Auch eine Landesbürgschaft oder ein Antrag beim Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) könnten für uns eine Option sein.

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Florian Frank, Gerry Weber International AG

Florian Frank beginnt seinen beruflichen Werdegang im Jahr 2000 als Assistant Manager Corporate Restructuring bei KPMG in Düsseldorf und Hamburg. Zu seinen Aufgaben gehören Audits insbesondere im Einzelhandelssektor. 2006 wechselt er zu Hanse Management Consulting in Hamburg und ist dort vier Jahre als Projektleiter Restrukturierung und Ertragssteigerung mit Schwerpunkt auf den Handels- und Bausektor tätig. Ab Juli 2010 ist er bei Dr. Wieselhuber & Partner in Hamburg verantwortlich für Restrukturierung und Performance Improvement.

Im Rahmen seiner betreuten Mandate wird Florian Frank mehrfach als CFO und Chief Restructuring Officer (CRO) eingesetzt. Seit Oktober 2018 ist er als CRO und Mitglied des Vorstands bei dem insolventen Modekonzern Gerry Weber in Halle/Westfalen tätig. Dort ist er für die Entwicklung und Umsetzung aller operativen Maßnahmen der Restrukturierung und der Performance-Verbesserung im Unternehmen verantwortlich.

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Viele staatliche Hilfen stehen nur Firmen offen, die Ende 2019 kein Krisenfall waren. Gerry Webers Insolvenz in Eigenverwaltung wurde zum 31. Dezember 2019 aufgehoben. Disqualifiziert Sie das nicht?
Unserer Auffassung nach nicht, schließlich war unsere Restrukturierung zum Jahresende 2019 abgeschlossen. Allerdings gibt es andere Hürden. Wer Landesbürgschaften nutzen möchte, braucht eine Fronting Bank, die den Prozess federführend begleitet. Wir führen Gespräche mit Banken, die aber bislang nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben.

Und der Wirtschaftsstabilisierungsfonds?
Dessen Angebot ist interessant, allerdings ist das keine kurzfristige Option. So ist etwa das Antragsverfahren recht umfassend. Noch herausfordernder wäre aber wohl die Struktur: Der Bund möchte auch als stiller Teilhaber bei vielen Themen wie Covenants oder Verzinsungen mitreden, zugleich sind wir ein Unternehmen mit Private-Equity-Shareholdern. Da müssten wir eine Struktur finden, die allen zusagt. Das ist nicht unmöglich, geht aber nicht auf die Schnelle. Wir wollen sowohl die Landesbürgschaft als auch einen WSF-Antrag weiterverfolgen.

Sie haben 2020 noch einmal an den Kosten gearbeitet, 200 Stellen gekürzt und Verträge mit Vermietern nachverhandelt. Gibt es in der Kostenstruktur jetzt überhaupt noch Luft?
Derzeit stehen Cashflows im Fokus. Größere Restrukturierungsmaßnahmen sind nicht mehr drin. Bei der Personaldecke sind wir „ausoptimiert“, Möglichkeiten sehe ich noch bei den Prozessen, etwa mit Blick auf Digitalisierung. Allerdings drehen wir aufgrund der fehlenden Visibilität gerade jeden Cent dreimal um, bevor wir ihn ausgeben. Anstelle von Restrukturierungen gilt „Cash is King“. Dazu gehört, dass wir uns früh auf mögliche Ladenöffnungen vorbereiten und dass wir den E-Commerce stärken, etwa über höhere Warenverfügbarkeiten.

„Größere Restrukturierungsmaßnahmen sind nicht mehr drin.“

Florian Frank, CFO, Gerry Weber

Gerry Weber will E-Commerce ausbauen

Auch ein E-Commerce-Shop erfordert Investitionen. Können Sie dort so viel reinstecken, wie Sie wollen?
Das ist der einzige Bereich, in dem wir nicht kürzen, sondern nach Möglichkeit noch Mittel hin verlagern. Das lohnt sich, weil die Budgets recht schnell in positive Cashflows drehen. Zum Jahresanfang 2020 lag der Umsatzanteil aus dem E-Commerce erst bei 7 Prozent, das muss deutlich mehr werden. Wir erleben gerade, dass auch Warenhäuser, die für uns wichtige Absatzkanäle sind, in einer Krise stecken. Auf lange Sicht helfen uns steigende E-Commerce-Umsätze, unabhängiger zu werden.

Seit Oktober ist Gerry Weber wieder am Kapitalmarkt. Die Equity Story dürfte derzeit nicht ganz einfach zu verkaufen sein.
Unser Ziel ist es, uns perspektivisch Refinanzierungsoptionen am Kapitalmarkt zu erarbeiten. Derzeit machen wir Basisarbeit: Wir veröffentlichen die erforderlichen Reportings, sprechen mit Investoren und Analysten. Natürlich ist die Situation schwierig. Im dritten Quartal 2020, als wir von Corona weniger beeinträchtigt waren, haben wir ein positives Ebitda gemäß IFRS erzielt. Das zeigt für mich, dass unsere Strategie funktioniert. Allerdings wird sie durch Corona immer wieder verlangsamt.

Sie sind trotz abgeschlossener Restrukturierung mit Gerry Weber nie in wirklich ruhiges Fahrwasser gekommen. Ist das nicht frustrierend?
Natürlich ist es ärgerlich, wenn man seine Hausaufgaben erledigt hat und die Erfolge durch externe Faktoren zunichtegemacht werden. Es ist ein Kampf, weil immer neue Szenarien hinzukommen. Ich sehe aber auch die Unterstützung unserer Shareholder und das große Engagement vieler Mitarbeiter. Das motiviert ungemein.

Wann rechnen Sie wieder mit einem normalen Geschäftsjahr?
Wir rechnen für 2021 mit einem Umsatz von 260 bis 280 Millionen Euro, das entspricht der Prognose für 2020. Beim Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, dem normalisierten Ebitda, werden wir uns in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr verbessern, es wird aber wohl unter dem Strich noch ein negativer niedriger zweistelliger Millionenbetrag stehen. 2022 rechnen wir wieder mit einem normalen Jahr. Das brauchen wir dann auch: 2023 steht die große Refinanzierung an. Da möchte ich aus möglichst vielen Optionen wählen können.

Info

Mehr über die jüngste Restrukturierungsgeschichte des Modehauses lesen Sie auf unserer Themenseite zu Gerry Weber. Weitere Infos zum Werdegang des amtierenden Finanzchefs gibt es im FINANCE-Köpfe-Steckbrief zu Florian Frank.