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Indien verschreckt CFOs

Für ausländische Firmen werden Geschäfte in Indien zunehmend zur Herausforderung.
iStock / Thinkstock / Getty Images

„Diese Regierung hat weder Rückgrat noch einen Antrieb.“ Fraport, Teil des Delhi-International-Airport-Limited-Konsortiums, das im Auftrag der indischen Regierung den Airport in Delhi ausbaut, sorgte vergangenen Monat für Schlagzeilen, als der indische Geschäftsführer seinem Ärger über die fehlenden Anstrengungen bei der Flughafenprivatisierung Luft machte. Kurz darauf verkündete das Unternehmen, dass man seine Beteiligung am Konsortium verkaufen und das indische Büro schließen wolle. „Bei der aktuellen Situation in Indien rechnen wir nicht damit, dass sich in naher Zukunft weitere Flughafenprivatisierungen ergeben werden“, erklärte das Unternehmen gegenüber FINANCE.

Der indische Seiltrick

Der politische Stillstand auf der Makroebene geht dabei einher mit massiver staatlicher Einmischung auf der Mikroebene. Als sich die Regierung im September weigerte, der Lufthansa die Landerechte für den Airbus A 380 in Delhi einzuräumen, wurde das als Vergeltungsschlag dafür interpretiert, dass der Flag Carrier Air India nicht in die von der Lufthansa mitbegründete Star Alliance aufgenommen worden war.

Ein weiteres Paradebeispiel ist die Geschichte von Vodafone: Die Regierung forderte jüngst rückwirkend 3,75 Milliarden US-Dollar Steuern von dem Unternehmen, weil das Unternehmen die Übernahme von Hutchison Essar, einer indischen Tochter von Hutchison Whampoa aus Hongkong, nicht richtig versteuert habe. Vodafone hielt dagegen, die Transaktion habe nur ausländische Unternehmen betroffen und sei damit gar keine Angelegenheit der indischen Steuerbehörden. Es folgte ein erbitterter Rechtsstreit bis vor den Supreme Court, der die Nachforderung schließlich im Januar ablehnte.

Daraufhin startete das Finanzministerium prompt eine Gesetzesinitiative, die es möglich machen könnte, rückwirkend bis zum Jahr 1962 Transaktionen ausländischer Unternehmen zu besteuern. Nun droht Vodafone, Indien vor ein internationales Schiedsgericht zu zerren. Die Regierung hat auch im Urheberrecht neue Fronten geschaffen. Im März erkannte sie Bayers Patent auf Nexavar – ein Medikament zur Behandlung von Leber- und Nierenkrebs – plötzlich nicht mehr an und vergab gleichzeitig eine „Zwangslizenz“ an ein indisches Unternehmen, das nun ein Generikum herstellen soll. Die Regierung rechtfertigte den Schritt mit der Bedeutung des Medikaments, das sonst für einen Großteil der indischen Bevölkerung nicht erschwinglich sei. Bayer hat gegen die Entscheidung Klage eingereicht. Der Prozess dürfte Jahre dauern.

Indiens Problem sitzt tiefer

An sich sollten hohe Staatsschulden und sinkende Wachstumsraten ausländische Investoren kaum überraschen, nehmen sie die Unsicherheiten doch gegen den Zugang zum riesigen indischen Markt gerne in Kauf. Aber dieses Mal deutet die Lage auf ein tiefergreifendes Problem hin.

Die Beschwerden über die schlechte Regierungsarbeit decken sich mit Zahlen über die Ineffizienz der Verwaltung. Lag Indien 2010 im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International noch auf Rang 87, ist das Land mittlerweile mit 3,1 von 10 möglichen Punkten auf Platz 95 abgerutscht. Im „Ease of Doing Business Index“ der Weltbank belegt Indien bei der Durchsetzbarkeit vertraglicher Rechte von 183 Ländern den vorletzten Platz (siehe Grafiken).

Ein Blick auf die politische Landschaft erklärt, warum Indien bei entsprechenden Rankings durchweg schlecht abschneidet. Die 2014 anstehenden Wahlen werden das Schicksal der aktuellen Regierung besiegeln, einer brüchigen Koalition unter der Leitung des 79 Jahre alten Premiers Manmohan Singh. Die unter dem Namen „United Progressive Alliance“ (UPA) zusammengeschusterte Koalition unter Führung der Kongresspartei hat gerade einmal 35,4 Prozent der Sitze im Parlament inne. Die größte Oppositionspartei schuf ihrerseits mit der „National Democratic Alliance“ (NDA) eine eigene Allianz, die 33,3 Prozent der verfügbaren Mandate auf sich vereinigen kann.

Schon 2001, als die derzeitige NDA-Regierung versuchte, diverse Staatsfirmen zu privatisieren, beklagte der Minister Arun Shourie, dass jeder genug Macht habe, alles zu blockieren, aber keiner genug Macht, irgendetwas durchzuziehen. Die Unzufriedenheit über die schlechte Regierungsarbeit verbreitet sich immer mehr. In der jährlichen Untersuchung der Deutsch-Indischen Handelskammer gaben 41 Prozent der Befragten an, dass die Korruption sich verschlimmert habe. 39 Prozent hatten zudem eine Verschlechterung des Investitionsklimas beobachtet.

Keine Chance für die Zentralbank

„Alles deutet auf eine Stagflation hin. Trotz hoher Inflation stehen bei der Regierung angesichts der Wahlen in zwei Jahren längst wieder neue Ausgaben auf der Agenda. In Anbetracht der Tatsache, dass sich das Haushaltsdefizit im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt auf 10 Prozent nahezu verdoppelt hat, ist das besorgniserregend“, sagt Maya Bhandari, Director of Global Macro Strategy bei der Citigroup. Im Juni weigerte sich die Reserve Bank of India trotz des öffentlichen Drucks, die Zinsen zu senken. „Die Hände der Zentralbank sind durch die Inflation gebunden. Diese steigt und steigt und beeinflusst auch den Arbeitsmarkt“, fügt Bhandari hinzu.

Schlaflose Nächte für CFOs

Die wichtigste Lehre für Investoren dürfte daher sein, dass die indische Regierung allen innenpolitischen Schwierigkeiten zum Trotz ausländischen Unternehmen keine Sonderrechte einräumt. Hartes Vorgehen gegen scheinbar manipulative ausländische Investoren scheint vielmehr einer der letzten gemeinsamen Nenner vieler politischer Kräfte zu sein. Sosehr die Ereignisse aus der jüngsten Zeit ausländischen CFOs in Indien schlaflose Nächte bereitet haben, so stellt sich auch für potentielle Investoren die Frage nach dem richtigen Timing für einen Markteinstieg neu. Die Antwort hängt natürlich von den Besonderheiten der jeweiligen Branche ab. Als Faustregel sollten CFOs sich aber merken, dass Regierungen in Indien sich vor anstehenden Wahlen nicht vorrangig um Regierungsarbeit kümmern, sondern Allianzen schmieden und innenpolitische Geschenke verteilen.

Die nächsten Wahlen stehen 2014 an. Es ist unwahrscheinlich, dass die Regierung bis dahin ihren Kurs ändern und plötzlich solide Wirtschaftspolitik betreiben wird. CFOs, die ihre Fühler nach Indien ausstrecken oder dort neue Projekte planen, sollten sich deshalb am besten so lange zurückhalten, bis sich die politische Lage nach den Wahlen sondiert hat.

Im konkreten Investitionsfall sollte der CFO vor allem hinter die harten Fakten schauen, empfiehlt Ivana Mikešic, Partnerin bei Salans. „Bei der Due Diligence schauen ausländische Unternehmen typischerweise auf technische und finanzielle Besonderheiten ihrer indischen Partner. Es ist aber genauso wichtig, auf Themen wie die Arbeitskultur zu achten und bei der Formulierung von Verträgen genauso viel Wert auf Abstimmungsregeln und Corporate-Governance-Fragen zu legen wie auf finanzielle Aspekte“, sagt Mikešic, die ausländische Firmen in Indien berät.

Abschwung als Anstoß

Mit langsamerem Wachstum und steigender internationaler Kritik ist Indien daran gelegen, ausländische Investoren nicht zu verschrecken. Vor kurzem wurden neue Projekte und Investitionen angekündigt, die die Bedenken hinsichtlich der politischen Passivität ein wenig abschwächen könnten. Außerdem gibt es derzeit Gespräche über ein Freihandelsabkommen mit der EU, Indiens wichtigstem Exportmarkt, der indischen Unternehmen allein in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres über 33 Milliarden Euro an Waren und Dienstleistungen abnahm.

Zu bedenken ist außerdem, dass Indien seit jeher nicht gerade mit guten Ratings oder einem investitionsfreundlichen Geschäftsklima aufwarten konnte. So viel hat sich also gar nicht geändert, und Optimisten betonen, dass die jüngsten Herabstufungen des Ratings und der Rückgang ausländischer Investitionen sogar zu einem erneuten Umdenken in der Politik führen könnten. Schließlich wurden die wirtschaftlichen Reformen von 1991, die ironischerweise auf den jetzt vielkritisierten Manmohan Singh zurückgehen, von einem Kollaps der Zahlungsbilanz ausgelöst. Dieses Mal hofft die Welt, dass der strauchelnde Elefant am Himalaya nicht wieder eine ausgewachsene Krise braucht, um wieder in Tritt zu kommen.

ritobaan.roy[at]finance-magazin.de