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Insolvenzrecht: Unternehmen tun sich mit ESUG schwer

Antrag auf Eigenverwaltung gescheitert: Wie dem Fahrradhersteller Mifa geht es vielen Unternehmen. Die Regelinsolvenz ist der Normalfall.
Mifa

Das Insolvenzrecht ESUG hat in der Praxis nur geringe Bedeutung: Seit das ESUG im März 2012 in Kraft getreten ist, wurden gerade einmal 2,7 Prozent der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland in Eigenverwaltung durchgeführt. Das hat die Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) anhand von Zahlen aus Insolvenzdatenbanken ermittelt. „Für die große Mehrheit der Unternehmensinsolvenzen wird es auf absehbare Zeit nicht das Standardinstrument werden“, prophezeien die Studienautoren.

Es gibt jedoch eine Ausnahme: Bei Großpleiten scheint sich die Eigenverwaltung als probates Mittel  zu etablieren. An den größten 50 Insolvenzverfahren seit 2012 betrug ihr Anteil laut BCG rund ein Drittel. Zu den prominenten Beispielen gehören etwa der Solarmodulhersteller Solarwatt, der Photovoltaikkonzern Centrotherm und die Modekette Strenesse, die sich allerdings noch mitten in der Sanierung befindet.

Hürden für ESUG-Antrag: Komplexität und Rechtsunsicherheit

Kleinere Unternehmen scheinen vor allem mit der komplexer gewordenen Antragsstellung Probleme zu haben. In einer ebenfalls gerade erschienen Befragung der Unternehmensberatung Roland Berger unter 1.400 Gläubigern, Insolvenzverwaltern, Beratern und Managern sagen rund 60 Prozent der Befragten, dass die Komplexität der Antragsstellung durch die ESUG-Reform gestiegen ist. Das sind noch einmal 5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

Die Befragten kritisieren vor allem die Vielzahl der Beteiligten, was die Abstimmungsprozesse erschwere, sowie die erhöhten Anforderungen an die Dokumentation der Antragstellung und Rechtsunsicherheit. „Viele Unternehmen tun sich schwer, ein vollständiges, schlüssiges und überzeugendes Sanierungskonzept vorzulegen. Das verunsichert die Gläubiger“, sagt Roland-Berger-Partner Rainer Bizenberger.

BCG: Immer mehr Eigenverwaltungen landen in Regelinsolvenz

Da überrascht es kaum, dass laut BCG-Zahlen immer mehr Eigenverwaltungsanträge scheitern: Seit 2012 sind über 40 Prozent der beantragten Eigenverwaltungsverfahren am Ende in die Regelinsolvenz übergegangen. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei rund 35 Prozent.

Als Grund führt BCG unter anderem die wachsende Zahl an problematischen Verfahren an. In der Tat scheinen sich nach den erfolgreich verlaufenen Sanierungen von Solarwatt und Centrotherm in den Jahren 2012/2013 die Problemfälle zu häufen: Bei dem Brühwürfelhersteller Zamek ordnete das Insolvenzgericht ein Regelverfahren an, nachdem sich Gläubiger und Sachverwalter überworfen hatten. Auch bei dem Fahrradhersteller Mifa hob das Insolvenzgericht die Eigenverwaltung auf. Hier hatte der Gläubigerausschuss für ein Regelverfahren votiert.

ESUG: Erfahrungen der Beteiligten besser als Zahlen

Interessanter Randaspekt: Die Erfahrungen der Beteiligten mit ESUG sind offenbar besser, als es die Zahlen nahelegen. Die Roland-Berger-Studie, die auf einer Befragung der Beteiligten beruht,  hat zwar ebenfalls ergeben, dass die Gläubiger häufiger Anträge ablehnen. „Grundlegende Kritik am ESUG wird von Gläubigerseite aber nur sehr vereinzelt geäußert“, sagt Bizenberger. Richter und Insolvenzverwalter würden zwar eher Bedenken anmelden, so der Berater. Doch auch in diesen beiden Gruppen seien die Zustimmungsraten zu den einzelnen ESUG-Neuregelungen gegenüber den Vorjahren gestiegen.

Über alle Stakeholder hinweg habe sich das Stimmungsbild daher zum Positiven gewendet, interpretiert Roland Berger die Ergebnisse. Gleichwohl sei auch eine Polarisierung der Meinung zu erkennen: Nach drei Jahren Praxis, an der fast jeder Insolvenzprofi teilnahm ( über 90 Prozent der Befragten haben das ESUG 2014 in ein bis fünf Insolvenzfällen angewendet) sinkt die Zahl der Meinungslosen deutlich.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

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