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Jo Forfang: „Wir halten die Maschine am Laufen“

In Oslo brummt das Geschäft mit Highyield-Bonds. Die Skandinavier haben Vieles richtig gemacht, was am deutschen Mini-Bond-Markt falsch läuft.
Thinkstock/Getty Images

Herr Forfang, Skandinavien hat einen sehr gesunden Markt für Mittelstandsanleihen aufgebaut, das Geschäft boomt, internationale Investoren strömen an den Markt. Die Institution „Nordic Trustee” scheint ein Eckpfeiler dieser erstaunlichen Entwicklung zu sein. Was genau ist Nordic Trustee, und was sind Ihre wesentlichen Aufgaben?
Das norwegische Trustee-System ist mehr als 100 Jahre alt und ein allgemein akzeptierter Grundsatz am norwegischen Bondmarkt. Die Organisation Nordic Trustee selbst wurde 1993 gegründet. Davor agierten die Banken als eine Art Trustee, doch während der Bankenkrise in den frühen Neunzigern traten nicht vertretbare Interessenkonflikte zu Tage. Seitdem vertritt Nordic Trustee die Interessen der Anleihegläubiger bei fast allen norwegischen Bonds, mit der Ausnahme von norwegischen Staatsanleihen.

Wie machen Sie das?
Wir verfolgen die Anleihen vom Anfang bis zum Ende und werden nicht nur dann aktiv, wenn es für einen Emittenten eng wird. Dazu gehört, dass wir – in Kooperation mit anderen Marktteilnehmern –  eine aktive Rolle spielen, wenn es um die Definition und Veröffentlichung von allgemein geltenden Grundsätzen von Bondemissionen geht, zum Beispiel in punkto Dokumentation. Seit ein paar Jahren haben auch andere skandinavische Länder dieses Trustee-Modell übernommen.

Highyield-Markt: Skandinavien goes London

Sind Ihre Standards für die Marktteilnehmer verbindlich?
Nein, aber normalerweise werden sie geachtet. Wir haben keine Rechtsmacht, stellen aber eine gemeinsame Arbeitsgrundlage zur Verfügung, die Best-Practise-Standards reflektiert. Selbstverständlich handeln die Emittenten und Investoren die spezifischen Bedingungen einer Transaktion immer noch selbst untereinander aus. Viele Emittenten – vor allem solche aus dem Ausland – ergänzen ihre Transaktion um weitere rechtliche Verpflichtungen und Dokumentationen. Diese Deals weisen dann schon eine gewisse Ähnlichkeit zu klassischen internationalen Highyield- Transaktionen auf. Für Nordic Trustee und die traditionellen Investoren im nordischen Highyield-Markt ist das schon eine gewisse Herausforderung.

Warum?
Die Hälfte des Marktes besteht aus internationalen Emittenten und Investoren von außerhalb Skandinaviens. Es ist bekannt, dass die internationalen Bondinvestoren für gewöhnlich viel aktiver sind als die skandinavischen. Das ist nicht einfach für einen Trustee, dessen Aufgabe es ja ist, selbst im Namen der Investoren aktiv zu werden, wann immer das nötig ist.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Anzahl von internationalen Großinvestoren ist es nicht einfach, den einzigartigen Charakter des nordischen Highyield-Marktes zu bewahren, denn dessen Herzstück sind ja eben die schlanken Dokumentationen und Emissionsprozesse. Die meisten Marktteilnehmer haben kein Interesse daran, dass der nordische Markt eine Nachbildung des angloamerikanischen Highyield-Marktes wird. 

Ähnlich hohe Ausfallrate wie bei deutschen Mittelstandsanleihen

Der Markt hat nach der Finanzkrise 2008 und dem anschließenden Ölpreisverfall sehr harte Jahre durchlebt. Wie wurden diese Herausforderungen gemeistert?
Diese Zeit war sehr hart. Es gab mehr als 60 Emittenten mit über 120 ausstehenden Anleihen, die insolvent gingen oder deren Bonds restrukturiert werden mussten. Aber nach einer Weile haben wir gelernt, mit dieser Situation umzugehen, und geeignete Prozesse etabliert, um die Recovery-Aussichten der Investoren in Distressed-Situationen zu maximieren.

Was haben die Marktteilnehmer dabei gelernt?
Als die notleidenden Anleihen restrukturiert wurden, haben Investoren durchschnittlich 59 Prozent ihrer Forderungen wiederbekommen. Bei Anleihen, deren Emittenten in die Insolvenz gingen, waren es nur 36 Prozent. Folge: Seitdem versuchen wir immer als erstes eine rechtzeitige Bondrestrukturierung zu erreichen. Dabei haben wir viel Erfahrung gesammelt, und normalerweise lassen sich Anleihen jetzt relativ schnell restrukturieren, sofern die Emittenten die Investoren rechtzeitig über aufkommende Zahlungsschwierigkeiten informieren. Dann können wir frühzeitig beginnen, die beste Lösung zu finden.

Und Nordic Trustee vertritt in solchen Restrukturierungsfällen die Interessen aller Bondholder?
Ja das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir managen den Dialog zwischen Emittenten und Investoren. Aber natürlich sind es immer die Investoren, die am Ende die Entscheidungen treffen. Einerseits verhindert dieses System, dass einzelne Anleihegläubiger einseitige Schritte gegen einen Emittenten einleiten – das ist etwas, das in anderen Bondmärkten häufig ungeordnete Ausfälle provoziert.

Andererseits führt die gebündelte Vertretung der Investoreninteressen durch eine erfahrene Institution wie Nordic Trustee dazu, dass schnell und pragmatisch Lösungen gefunden werden können, die die Mehrheit der Gläubiger begrüßen, die zur Umsetzung aber nicht die Zustimmung aller benötigen. Mit diesem Mandat und unseren Best-Practice-Standards ölen wir die Maschine, die den nordischen Highyield-Markt jetzt schon seit 22 Jahren am Laufen hält.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Ein langer Bericht mit vielen zusätzlichen Infos und Hintergründen über das nordische Highyield-Wunder wartet auf Sie in der aktuellen Ausgabe des FINANCE-Magazins.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.