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Vom Coase-Theorem zu CO2-Zertifikaten – Ein Nachruf

CO2-Handel und Outsourcing: Coase pragmatische Denkansätze sind aktueller denn je
Courtesy of the Ronald Coase Institute. Photographer: David Joel.

“You are in possession of much intelligence”. Mit dieser dezenten Aussage über den damals elfjährigen Coase traf der zuständige Gutachter ins Schwarze: Siebzig Jahre später ehrte das Nobelpreiskommittee 1991 den Briten Coase, der für seine Arbeiten zur Transaktionskostentheorie und über Verfügungsrechte ausgezeichnet wurde.

Von Beginn an hatte den Pragmatiker eine Frage beschäftigt: Wieso entstehen Unternehmen, wenn der Markt Angebot und Nachfrage doch in Einklang bringt? Wo Anhänger von Adam Smith an ihre Grenzen stießen, setzte Coase an. Schon 1931 fand er bei Feldforschungen der US-Ostküste heraus, dass jede Transaktion am Markt von Kosten geprägt ist, die den reinen Kaufpreis des Wunschobjekts deutlich übersteigen. Informationen suchen, Angebote vergleichen, Verhandlungen führen – das alles kostet Zeit und Geld. Je öfter dies jedoch geschieht, je routinierter der Arbeitsablauf wird, desto geringer werden diese Kosten. Unternehmen entstehen, um diese Reibungsverluste zu minimieren.

Outsourcing und CO2-Zertifikate gehen auf Coase zurück

So banal diese Erkenntnis klingt, so bedeutend ist sie nach wie vor – zum Beispiel beim für CFOs so wichtigen Thema Outsourcing. Einzelne Aktivitäten oder gar ganze Geschäftsbereiche auszugliedern lohnt sich nur, wenn die Kosten für den gesamten Vorgang deutlich unter den erhofften Einsparungen liegen. Je höher die Transaktionskosten, mit denen sich ein Unternehmen konfrontiert sieht, desto wahrscheinlicher wird es, dass das Outsourcing-Projekt abgeblasen wird.  Im Zuge des technologischen Fortschritts wird es jedoch immer günstiger, die nötigen Informationen beispielsweise für einen Einkauf zu sammeln. Die sinkenden Transaktionskosten machen Marktkontrakte, also das Outsourcen bestimmter Geschäftsvorgänge, zunehmend attraktiv. Auch relativ neue Arten der Kooperation wie Joint Ventures oder Franchising resultieren zum Teil aus der Transaktionskostentheorie.

Angesichts seiner bestechend klaren Sicht auf die Dinge ist es erstaunlich, dass Coases zweites Essay „The Problem of Social Cost“ vierzig Jahre brauchte, bis es die breite Öffentlichkeit erreichte. Coase wandte sich darin gegen das vorherrschende Verursacherprinzip.

Nach dem Ökonomen Arthur Cecil Pigou zahlt, wer den Schaden herbeiführt. Doch diesen negativen externen Effekten begegnet das Coase-Theorem anders: Dem Verursacher werden – meist finanzielle –  Anreize geboten, die es lukrativer machen, den Schaden selbst zu begrenzen. Der CO2-Zertifikathandel basiert ganz entscheidend auf dieser Idee des verstorbenen Nobelpreisträgers. Unternehmen, denen es gelingt ihren Schadstoffausstoß zu reduzieren, können mit den verbleibenden Zertifikaten Geld verdienen. Es greift ein neuer Marktmechanismus, wenn der alte versagt. Dass der Emissionshandel gerade versagt und die Preise abgestürzt sind, belegt, dass Coase mit seiner Annahme Recht hatte, dass nur stringente Anreize in einem klar definierten, transparenten System dazu führen können, soziale Kosten durch direkte Mithilfe der Verursacher zu reduzieren.
Der große Ökonom verstarb am Montag im Alter von 102 Jahren in seiner Wahlheimat Chicago.

christiane.durner[at]finance-magazin.de