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Angespannte Finanzlage in der Bundesliga

Akut angeschlagen: Wie tiefe Spuren werden die Geisterspiele in den Bilanzen der Bundesligaklubs hinterlassen?
Synto / stock.adobe.com

Den Klubs der Fußballbundesliga steht eine weitere Verschärfung der angespannten Finanzlage ins Haus. Das erwartet der Fußballfinanzexperte Henning Zülch: „Die Coronakrise mit vielen Spielen ohne Zuschauer hat die Finanzlage der Fußballklubs definitiv noch weiter verschärft“, sagt der Professor und Vice-Dean der HHL Leipzig Graduate School of Management.

Um zu messen, wie stabil die Ausgangsbasis zu Beginn der Coronakrise war, haben Zülch und sein Forschungsteam die Geschäftsergebnisse der Fußballklubs mit dem sogenannten „Altman Z-Score“ untersucht, einer international anerkannten Methode, die gute Resultate bei der Beurteilung von Insolvenzgefahren und Ausfallwahrscheinlichkeiten produzierender Unternehmen geliefert hat. Sie misst die Gewinn- und Bilanzstärke im Vergleich zur Größe des Unternehmens sowie dessen Working-Capital-Intensität.

„Natürlich ist Altman-Z nicht ohne weiteres auf eine Industrie wie den Profifußball übertragbar. Die Anwendung dieser Methode auf die Geschäftsberichte der Bundesligaklubs liefert keine perfekten Prognosen, aber durchaus interessante Trendaussagen“, ordnet Zülch seine Methodik ein.

Schon im vergangenen Sommer klassifizierte Altman-Z in Zülchs Anwendung neun Klubs aus der Ersten und Zweiten Bundesliga in einer prekären „Grauzone“, für acht zeigte die Auswertung sogar eine hohe Insolvenzgefahr an, darunter drei Bundesligisten. „Die Insolvenz des 1. FC Kaiserslautern hat die Methode zum Beispiel korrekt vorausgesagt“, sagt Zülch.

„Die Zahlen werden knallen“

Die meisten Profiklubs bilden mit ihrem Bilanzjahr die Spielsaison ab, also den Zeitraum von Juli bis Juni. Nur einige wenige berichten im Kalenderjahr. Dies bedeutet, dass die meisten Zahlen für die erste „volle“ von Corona geprägte Spielzeit 2020/21 im Herbst dieses Jahres vorgelegt werden. „Rund 13 Prozent der Umsätze der deutschen Profiklubs entfallen traditionell auf Ticketeinnahmen, diese sind in der abgelaufenen Saison praktisch komplett weggefallen. Auch Sponsoren waren zurückhaltend“, hat Zülch beobachtet. Er rechnet damit, dass die Bilanzvorlagen erhöhte Fehlbeträge und eine nochmals verschärfte negative Eigenkapitalsituation zeigen werden. „Die Zahlen werden knallen“, befürchtet Zülch.

Borussia Dortmund hat in der vergangenen Woche als erster Klub über die Geschäfte in der Corona-Saison berichtet: Die Borussen erlitten einen Umsatzeinbruch um knapp 10 Prozent und einen Fehlbetrag von 73 Millionen Euro (Vorjahr: minus 44 Millionen Euro). In gleicher Höhe reduzierte sich auch das Eigenkapital, wenngleich die Eigenkapitalquote des wirtschaftlich zweitstärksten Bundesligaklubs mit 52 Prozent immer noch sehr solide ist.

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Dritte Halbzeit – der FINANCE-Blog von Michael Hedtstück zu den Finanzkapriolen unserer Fußballklubs.

Ob einzelne Klubs in eine echte Schieflage geraten sind, wird sich schon in wenigen Wochen zeigen. Bis Mitte September haben die Klubs, die im Frühjahr noch keine ausreichende Liquidität für die neue Saison nachweisen konnten, noch Zeit, diese Löcher zu stopfen. Dann schließt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) das Lizenzierungsverfahren ab. Zwei Wochen davor schließt das Transferfenster. Spielerverkäufe dürften für einige Klubs das letzte Mittel sein, um sich kurzfristig durch zu finanzieren. Klubs, die diese Prüfung nicht bestehen, droht der sofortige Abzug von sechs Punkten.

Viele Klubs haben negatives Eigenkapital

Jenseits der teils angespannten Liquiditätslage sieht Zülch auch große strukturelle Finanzlücken im deutschen Profifußball: „Am Bilanzstichtag Ende Juni 2020 hatten in der Ersten Liga drei Klubs ein negatives Eigenkapital, elf Vereine wiesen in der GuV Jahresfehlbeträge aus. In der Zweiten Bundesliga hatten vier Vereine negatives Eigenkapital, und neun Vereine schrieben rote Zahlen. Schon vor Corona ist negatives Eigenkapital im deutschen Profifußball zum Standard geworden.“ Zülch befürchtet, dass durch die Fehlbeträge des Corona-Jahres noch weitere Klubs in die Bilanzunterdeckung rutschen werden.

Doch der Spielraum der DFL für harte Sanktionen jenseits von Punktabzügen ist klein, meint Zülch. „Wer würde für die finanziell nicht solide wirtschaftenden Klubs denn nachrücken, wenn diese ausgeschlossen würden? Die Bundesliga ist ‚too popular to fail‘, und das gilt auch für die allermeisten Klubs.“ Dennoch attestiert der Hochschuldozent der DFL durchaus den Willen, den Klubs trotz des schwierigen Umfelds mit Geisterspielen nicht alles durchgehen zu lassen. „Die DFL versucht schon, die Krise dafür zu nutzen, die Klubs zu einem systemkonformen Verhalten zu bringen.“

„Die Bundesliga ist ‚too popular to fail‘, und das gilt auch für die allermeisten Klubs.“

Henning Zülch, Dozent, HHL Leipzig

Zülch ist skeptisch, dass alle Klubs die Coronakrise überstehen werden. „Diejenigen, denen das Wasser bis zum Hals steht, werden sich bemühen, bis Mitte September noch stille Reserven zu heben, zum Beispiel durch Spielerverkäufe. Nur leider liegt der Transfermarkt darnieder.“

Eine andere Möglichkeit sieht er darin, Immobilien zu verkaufen – eine interessante Option vor allem für Klubs, die Eigentümer des Stadions sind, in dem sie spielen. „Langfristig werden viele Klubs aber nicht umhin kommen, strategische Investoren hereinzuholen, um die Eigenkapitalbasis nachhaltig zu verstärken.“

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Noch ein Artikel zu Fußballfinanzen heute


In einem zweiten Artikel von heute geht um die „Investor Readiness“ der Bundesligaklubs. Wie es um die Investitionswürdigkeit in der Bundesliga bestellt ist, erfahren Sie hier.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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