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Corona: Weltärztepräsident Montgomery mahnt zur Geduld

FINANCE-Chefredakteur Michael Hedtstück im Gespräch mit Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery.
F.A.Z. Business Media GmbH/A. Varnhorn

Wann bekommen wir das Coronavirus endlich in den Griff, und wie sind die aktuellen Nachrichten an der Impfstoff-Front zu werten? Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, stellte sich zum Abschluss des ersten Tages der Structured FINANCE Digital Week per Video-Schalte diesen und weiteren Fragen von FINANCE-Chefredakteur Michael Hedtstück.

Entwarnung wollte der Mediziner, der mit seiner Meinung über Impfgegner und Maskenverweigerer nicht hinterm Berg hielt, trotz der positiven Nachrichten mehrerer Impfstoffhersteller noch nicht geben. „Wir sehen das Licht am Ende des Tunnels. Wir wissen nur noch nicht, wie lang der Tunnel ist“, so Montgomery.

„Wir sehen das Licht am Ende des Tunnels. Wir wissen nur noch nicht, wie lang der Tunnel ist“

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes

Die Erfolge, die etwa die Impfstoffentwickler Biontech und Pfizer, der US-Hersteller Moderna und gerade gestern der britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca verkündet hatten, seien vielleicht noch nicht der Wendepunkt, aber ein „riesiger Fortschritt“. Montgomerys Zurückhaltung liegt auch darin begründet, dass bislang aus fachlicher Sicht noch nicht ausreichend Informationen über die Impfstoffe veröffentlicht wurden. „Die bisherigen Meldungen sind für die Börse gemacht“, glaubt der Weltärztepräsident.

Montgomery: Herdenimmunität braucht Zeit

Zudem mahnt Montgomery zur Geduld, denn es werde Zeit brauchen, die Bevölkerung so zu impfen, dass eine Herdenimmunität entstehe. Der Arzt rechnet vor: Würde man alle Bewohner der Bundesrepublik in den geplanten 60 Impfzentren impfen wollen, bräuchte man bei zwei notwendigen Impfungen pro Person zwei Jahre. Das ist aber ohnehin nur eine theoretische Zahl: „Es sieht im Moment danach aus, als müssten wir mit bis zu 40 Prozent Impfverweigerern rechnen“, ärgert sich Montgomery.

Auch die Zuschauer der Structured FINANCE Digital Week rechnen damit, dass es noch eine Weile dauern wird, bis Deutschland die Herdenimmunität erreicht. In einer Kurzumfrage ging lediglich ein Viertel davon aus, dass dieses Stadium im Spätsommer/Herbst 2021 erreicht werden wird. Die Mehrheit rechnet mit Winter 2021/2022 oder dem Jahresverlauf 2022.

Mit Impfstoff sind leichte Lockerungen denkbar

Doch Montgomery macht den Zuhörern auch Hoffnung darauf, dass es schon vor der Herdenimmunität Erleichterungen und Lockerungen bei den Einschränkungen geben kann. Voraussetzung dafür sei, dass in besonders sensiblen Bereichen wie beispielsweise Altenheimen und Krankenhäusern, bei der Polizei sowie den Risikogruppen schnell viel geimpft werde. Dann könnten die Einschränkungen gelockert werden, glaubt der Ärztepräsident. „Denn man darf nicht vergessen, dass 80 Prozent der an dem Virus Sterbenden über 80 Jahre alt sind“, erklärt er.

Gerade in den Risikogruppen sei die Bereitschaft für eine Impfung relativ hoch. „Einen harten Kern an Impfstoffverweigerern muss man einfach ertragen“, fügt Montgomery hinzu. Dass manche sich Sorgen um die Sicherheit des neuen Impfstoffs machen, wischt er allerdings nicht einfach beiseite. Risiken seien nie auszuschließen. „Aber das Risiko der Impfung muss immer deutlich geringer sein als das der Erkrankung, die man riskiert“, erklärt er.

Längerer Shutdown wahrscheinlich

Bis die besonders relevanten Gruppen geimpft sind, bleiben die bisherigen Regeln laut Montgomery aber von zentraler Bedeutung: Abstand, Masken, Hygiene. Er rechnet – ebenso wie die überwiegende Mehrheit der Zuschauer – fest damit, dass die geltenden Einschränkungen in Deutschland noch länger gelten werden und es einen dritten Lockdown geben wird. Montgomery selbst lehnt den Begriff Lockdown allerdings ab. „Wir haben hier in Deutschland eher einen Shutdown.“ Von Ausgangssperren und  Einschränkungen wie in anderen europäischen Ländern sei man weit entfernt.

Der Weltärztepräsident hofft auf die Politik. Tragfähige Konzepte für Schulen, etwa durch bessere Digitalisierungsstrategien oder Wechselunterricht müssten her. Auch bei dem Einsatz von Schnelltests bei ärztlichem Personal sieht er noch großen Nachholbedarf und klagt über verschwendete Zeit.

Allerdings hat er auch Lob für den deutschen Gesundheitsminister übrig. „Jens Spahn hat früh reagiert und uns darauf eingestellt, was kommen wird“, so Montgomery. Deswegen stehe Deutschland immer noch besser da als viele andere Industrienationen.

Was bringt die Zukunft?

Der Rückkehr in unser „altes Leben“ vor der Pandemie erteilt der Mediziner trotz allem eine Absage. „Wir bekommen es nicht zurück, aber wir werden trotzdem gut leben“, sagt er versöhnlich. Masken könnten auch in Zukunft Teil unseres Lebens bleiben. Genauso wie sich die Weltbevölkerung insgesamt auf weitere Pandemien einstellen müsse. „Dafür sorgen die Reiseaktivitäten, die dichte Bevölkerung und die enge Verbindung von Mensch und Tier.“

„Die aktuelle Pandemie ist für uns alle ein Lehrstück“, meint Montgomery. Die Zukunft wird zeigen, wie viel Politik und Gesellschaft daraus gelernt haben – und was mit der noch jungen mRNA-Technologie in Sachen Impfstoffentwicklung möglich sein wird.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

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Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.