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Coronajahr sorgt bei Restrukturierern für Ernüchterung

Die diesjährige Distressed Assets Konferenz konnte endlich wieder live stattfinden.
F.A.Z. Business Media GmbH/A. Varnhorn

Die Corona-Pandemie hätte für die Käufer und Verkäufer von Distressed Assets, für Restrukturierungsberater und Insolvenzverwalter einen Boom bringen können. Vor einem Jahr waren die Erwartungen entsprechend hoch: Volle Auftragsbücher für Sanierer und Berater und eine große Auswahl für spezialisierte Distressed-Investoren schienen vorprogrammiert. Doch eine Flut an Hilfsmaßnahmen hat viele Ausfälle bislang verhindert – auch wenn wohl so manche grundlegende Transformation nur aufgeschoben und nicht aufgehoben ist.

Mit dem neuen Verfahren der präventiven Sanierung ist der Restrukturierungsbaukasten seit Jahresbeginn noch einmal größer geworden. Doch kann das Verfahren zu mehr Werterhalt führen? Und wie lässt sich dieses Ziel in einer Restrukturierung erreichen? Darum ging es in der Auftaktdiskussion der diesjährigen Deutschen Distressed Assets Konferenz am 13. Juli in der Villa Kennedy in Frankfurt.

Die Konfliktlinien während dieser Phase zeigte das Beispiel von Esprit: Während der Corona-Phase musste der schon vor der Pandemie angeschlagene Modehändler handeln und im Frühjahr 2020 infolge des Lockdowns für sechs deutsche Gesellschaften Insolvenz in Eigenverwaltung beantragen. Die Gesellschaften wurden dann im Schutzschirmverfahren saniert. 

Restrukturierung braucht mehr Kommunikation

Esprit-CFO Johannes Schmidt-Schultes berichtete in der Diskussionsrunde, wie ernst die Situation war: „Bei Esprit ging es nicht primär um den Werteerhalt, sondern in erster Linie ums Überleben.“ 

Das Thema Werterhalt soll zwar oberstes Ziel einer Neuausrichtung sein, doch häufig scheitert es schon an der Definition, beobachtet Andreas Jaufer, Geschäftsführer des Investors Robus Capital Management. „Eigentlich sollte Werterhalt für alle Beteiligten das Gleiche bedeuten, also die Rettung und Steigerung des Unternehmenswerts – unabhängig von der Kapitalstruktur. Leider verlieren viele Akteure dieses ‚Big Picture‘ jedoch aus den Augen, wenn die Restrukturierung auch Einschnitte in die eigenen Vermögenspositionen erfordert“, beobachtet er. Im Sinne des übergeordneten Ziels sollten alle Beteiligten den Fokus darauf legen, die transformatorischen Themen voranzubringen. Ein Schlüsselelement dabei: Kommunikation.

Das findet auch CFO Schmidt-Schultes: „Es ist für den Erfolg wesentlich, dass man für alle betroffenen Parteien Transparenz und Klarheit darüber schafft, welche Möglichkeiten es gibt und wie man sie umsetzen kann.“

Steffen Reusch, CEO von BDO Restructuring, beobachtet derzeit, dass viele Unternehmen zögern, eine Neuausrichtung anzugehen – und damit möglicherweise entscheidende Zeit verlieren: „Die Krise hat gezeigt, wie wichtig es ist, Maßnahmen früh zu ergreifen und in verschiedenen Szenarien zu planen. Diese Möglichkeit verpassen jedoch viele.“ Eine Herausforderung liegt vielfach darin, dass womöglich ein Gesellschafter die Situation anders einschätzt als das Management. Zudem könnten viele Unternehmen derzeit Hilfsmaßnahmen nutzen – und die Hilfen überdeckten die akuten Probleme oftmals.

Präventive Sanierung: Eher Flop als Top

Eine besonders große Rolle spielt die Kommunikation möglicher Szenarien auch bei dem jüngsten Restrukturierungsverfahren, der präventiven Sanierung. In dieses Verfahren hatte Restrukturierer Steffen Reusch große Hoffnungen gesetzt, ist mit der jetzigen Ausgestaltung aber eher unzufrieden.

„Die Möglichkeiten zur operativen Sanierung sind sehr stark eingeschränkt.“ Das teilen auch die Besucher der Distressed-Assets-Konferenz. Eine deutliche Mehrheit geht einer Umfrage zufolge davon aus, dass das StaRUG in der jetzigen Ausgestaltung nicht zu mehr Werterhalt führen wird. Schmidt-Schultes hätte das Verfahren bei Esprit ebenfalls nicht weitergeholfen: „Wir hatten kein unmittelbares Finanzierungsproblem, vielmehr stand die operative Sanierung im Fokus.“

Investor Andreas Jaufer von Robus Capital hat eine differenzierte Meinung: „Das StaRUG kann für mehr Werterhalt sorgen, wenn das Unternehmen eine komplexe Kapitalstruktur mit verschiedenen Fremdkapitalgebern hat.“ Durch die Möglichkeit von Mehrheitsentscheidungen können einzelne Gläubiger Restrukturierungen nicht mehr so einfach blockieren. Jaufer sieht aber auch: „Für kleine Unternehmen ist das Verfahren zu komplex und zu teuer.“

Im On-Stage-Interview teilt Rolf Leithaus, Partner der Wirtschaftskanzlei CMS, die Beobachtungen zum StaRUG. Er mahnt Geschäftsführer insbesondere mit Blick auf Haftungsthemen zur Vorsicht: Dass die Haftungsregelungen im StaRUG nicht explizit verschärft wurden, sei im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass sämtliche denkbaren Fälle bereits rechtlich abgedeckt seien. Eine gute Dokumentation sämtlicher Annahmen und Planungen sei daher unerlässlich.

Blick in die Praxis: Heideldruck und ZIM Flugsitz

Marcus A. Wassenberg, Finanzvorstand von Heidelberger Druckmaschinen, lieferte in seiner Keynote einen spannenden Einblick in die Neuausrichtung des Konzerns. Er schaffte es, den Heidelbergern durch einen Kniff finanziell Luft für die Transformation zu verschaffen: Dank einer Öffnungsklausel konnte er 380 Millionen Euro aus dem Pensionsfonds des Konzerns zurück auf die Bilanz holen. Für den Druckmaschinenhersteller war dies ein Glücksgriff: Das Unternehmen verfügte damit plötzlich wieder über ein Liquiditätspolster und konnte teure bestehende Finanzierungen ablösen.

Wie stark Corona so manche laufende Transaktion im vergangenen Jahr getroffen hat, zeigt das Praxisbeispiel von ZIM Flugsitz, das Raffael Rogg vom Investor Aurelius und Maximilian Pluta von der gleichnamigen Kanzlei auf der Distressed-Assets-Konferenz vorstellten. Das Timing war denkbar ungünstig: Aurelius hatte die ZIM-Übernahme Anfang 2020 und damit kurz vor Ausbruch der Pandemie abgeschlossen. Rund drei Monate später hatte der Investor anstatt des erwarteten Mittelständlers mit Wachstumschancen plötzlich einen Distressed-Fall im Portfolio. Seitdem hat der Flugsitzhersteller eine Insolvenz in Eigenverwaltung durchlaufen und sich neu aufgestellt. Bis die Luftfahrtbranche das Vorkrisenniveau wieder erreicht, ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Flaute am Distressed-M&A-Markt

Während Aurelius mit ZIM unwissentlich einen Distressed-Fall gekauft hat, sind andere Investoren auf das Segment spezialisiert. Doch was geht eigentlich am Markt für Distressed M&A? Thomas Sittel von Deloitte macht klar: bislang wenig, sehr wenig. Im Gegensatz zum regulären M&A-Markt gibt es kaum Transaktionen, und das dürfte seiner Einschätzung nach auch noch einige Zeit so bleiben. Einen Aufschwung erwartet er, sobald die Refinanzierungen der bewilligten Hilfsmaßnahmen anstehen. Außerdem hätten viele Konzerne unprofitable Tochterunternehmen in ihren Portfolien, die sie ausgliedern und verkaufen könnten. Bis die Entscheidungen darüber gefallen sind, dürften allerdings noch einige Monate ins Land gehen.

Auch beim Kauf und Verkauf von Non-performing Loans hat das Coronajahr nicht die von manchen herbeigesehnte Belebung gebracht. Die Expertenrunde um die beiden Bankenvertreter Sven Guckelberger (LBBW), Florian Joseph ( Helaba) sowie den Investor Martin Hoeller (Octane Capital) zeichnete ein aus den Vorjahren bekanntes Bild: Der Markt bleibt ruhig, der Handel mit Non-performing Loans läuft auf niedriger Flamme. Bis ein spürbarer Aufschwung kommt, brauchen Marktteilnehmer einen langen Atem: Die Experten rechnen damit, dass es erst von 2023 an wieder mehr Transaktionen geben wird.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

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Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln studiert. Sarah Backhaus arbeitete während ihres Studiums unter anderem für Onlinemagazine von Gruner + Jahr und schrieb als freie Journalisten für die Handelszeitung, faz.net und Impulse.

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