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„Die Bundesliga ist noch nicht investor ready“

Nur bedingt investorenfähig? Fußballfinanzexperte Henning Zülch sieht große strategische und organisatorische Lücken im Management vieler Klubs der Fußball-Bundesliga.
HHL Leipzig

Die deutschen Profiklubs sind nur bedingt „investor ready“. So lautet das Urteil des Fußballfinanzexperten Henning Zülch, der den Bundesligaklubs im heutigen FINANCE-Interview auch eine prekäre Finanzlage attestiert hat (separater Artikel). „Wir haben versucht, uns mit Hilfe des Altman Z-Score – gemessen über drei Jahre – einen Überblick über die Investitionswürdigkeit der Klubs zu verschaffen. Die Ergebnisse sind dürftig“, resümiert er. In FINANCE stellt er seine Ergebnisse vor.

Für die Einordung der Ergebnisse hat Zülchs Forschungsteam von der HHL Leipzig eine Ratingskala entwickelt. Der finanzstärkste Klub Bayern München wurde als Benchmark „AAA“ definiert, alle Klubs mit einem Rating im A-Bereich bekamen die Einstufung „Investment Grade“. Das Resultat: „Nur acht Klubs aus der Bundesliga und fünf Klubs aus der Zweiten Liga können wir auf Basis der Altman Z-Betrachtung derzeit als investitionswürdig bezeichnen.“

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Das sind wenige, dafür finden sich überraschende Namen in der Spitzengruppe: „Den SC Freiburg und Holstein Kiel hätte ich zum Beispiel nicht im Spitzenfeld erwartet“, gibt Zülch zu. Für beide Klubs ergibt sich aus dem Altman-Z-Scoring tatsächlich ein Rating von AAA.

Die Kehrseite: 20 Klubs aus der Ersten und Zweiten Bundesliga haben von Zülchs Forschungsteam ein spekulatives Rating bekommen. Der finanzschwächste Klub, dessen Namen der Forscher nicht nennen möchte, liegt bei CCC+.

Sind die Bundesligaklubs zu schlecht organisiert?

Zülch glaubt, dass die Risikoanalyse – Altman Z wäre nur eine mögliche Methode dafür – unbedingt in das Lizenzierungsverfahren der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mitaufgenommen werden sollte: „Die reine Betrachtung, ob ein Klub für die nächste Saison genügend Liquidität nachweisen kann, ist für ein Multi-Milliarden-Business wie den deutschen Profifußball zu wenig.“ Sollte die DFL als „Regulator“ der Bundesliga auf die Ergänzung durch Risikoanalysen verzichten, würden spätestens potentielle Investoren auf solche Methoden zurückgreifen, bevor sie sich ernsthaft mit einem Einstieg bei einem deutschen Profiklub befassen, erwartet der Wissenschaftler.

„Es gibt immer noch Klubs, die glauben, alles im Griff zu haben, und sich Veränderungen verweigern.“

Und nicht nur mit Blick auf die Ergebnisse seiner Modellrechnungen kommt Zülch zu einem ernüchternden Schluss: „Viele Klubs kämen Stand jetzt als Target für langfristige strategische Investoren überhaupt nicht infrage, schlicht weil bei ihnen die organisatorischen Grundbedingungen nicht stimmen. Ein solider langfristiger Ankerinvestor will auch strategischen Einfluss nehmen. Damit das nicht zu Konflikten führt, muss es vorher Konsens über die langfristige Unternehmensstrategie geben. Und um diese umsetzen zu können, braucht es eine professionelle Organisationsstruktur.“

Bei beiden Dimensionen – Strategie und Organisation – sieht Zülch in der Bundesliga noch Luft nach oben. „Im deutschen Profifußball gibt es drei Arten von Klubs: die fortschrittlichen und innovativen – die sind ‚investor ready‘. Dann die hemdsärmeligen, die Veränderung zwar wollen, bei denen aber der letzte Professionalisierungsschritt noch fehlt. Und schließlich noch jene Klubs, die glauben, alles im Griff zu haben, und sich Veränderungen verweigern.“

Die Managementqualität hat Zülchs Team anhand von 66 unterschiedlichen Kriterien und KPIs entlang von Finanzkennzahlen, sportlichem Erfolg und Governance-Faktoren gemessen. Besonders gut schneiden im so genannten „FoMa-Q-Score“ für 2021 Borussia Dortmund, Bayern München, Eintracht Frankfurt, RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach ab. Die Schlusslichter unter den letztjährigen Bundesligisten sind Arminia Bielefeld und der FC Augsburg.

Bundesligaklubs brauchen starke Finanzabteilung

Um sich fit zu machen für Verhandlungen mit guten Investoren – „keinen Glücksrittern“, wie Zülch sagt –, müssten die Klubführungen spätestens jetzt mit dem Abflauen der Coronakrise die Weichen stellen: „Sie müssen nicht nur eine klare Strategie entwickeln, sondern diese dann auch operationalisieren und mit finanziellen Eckdaten untermauern, so wie es in erfolgreichen Großunternehmen üblich ist. Dazu gehört auch, neue Umsatzquellen zu erschließen, um sich weniger abhängig vom sportlichen Erfolg zu machen. Der VfB Stuttgart und Schalke 04 zum Beispiel erzielen trotz aller finanziellen Schwächen seit Jahren überragende Ergebnisse beim ‚Player Development‘, der Entwicklung und Veräußerung von Talenten, die in Topligen spielen.“

Wichtig für jeden seriösen Investor sei neben der Strategie auch die Organisationsstruktur: „Fußballunternehmen müssen die Kompetenzen klar verteilen. Sie benötigen außerdem ein professionelles Finance & Accounting, das in der Lage ist, mit Steuerungskennzahlen und KPIs zu arbeiten – und dies auch gepaart mit einer permanenten Wettbewerbsanalyse. Jedes gut geführte Unternehmen weiß genau, wie es komparative Wettbewerbsvorteile erzielen kann.“

„Die Bundesliga ist eine geschlossene Gesellschaft, die keinen frischen Wind hineinlässt.“

Die Notwendigkeit, „investor ready“ zu werden, könnte in Zülchs Augen nicht größer sein als jetzt, da die finanziellen Folgen einer kompletten Saison ohne Zuschauer abgefedert werden müssen. „Der Veränderungsdruck kommt jetzt mit der Brechstange“, glaubt der Fußballfinanzexperte.

Doch er erwartet, dass es ohne Widerstand nicht gehen wird, und übt Kritik: „Die Bundesliga ist eine in sich geschlossene Gesellschaft, die den frischen Wind einfach nicht hineinlässt. Selbst wenn die DFL Veränderungen forcieren würde, wäre die Autonomie der Klubs immer noch so stark, dass der Ligaverband die notwendigen Reformen zur nachhaltigen Sanierung der Klubs nicht durchsetzen könnte.“

Auf der Ebene der Klubs würden Veränderungen und Kritik vielfach emotional abgelehnt, „anstatt den Input intellektuell zu reflektieren“, wie Zülch moniert. Das hält der HHL-Professor für problematisch: „Um nach Corona eine gesunde Bundesliga zu erhalten, brauchen wir einen starken nationalen wie auch internationalen Regelungsrahmen. Doch der lässt weiter auf sich warten.“

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Noch ein Artikel zu Fußballfinanzen heute

In einem zweiten Artikel von heute präsentieren wir eine Analyse der Finanzlage der Bundesligaklubs. Warum die demnächst kommenden Geschäftszahlen „knallen“ werden, erfahren Sie hier.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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