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Emissionshandel: Stahlindustrie befürchtet ihren Niedergang

Die geplante Novelle des Emissionshandelssystem treibt die Stahlindustrie auf die Barrikaden. Sie sieht ihre Wettbewerbsfähigkeit existenziell gefährdet.
Photosampler/iStock/Thinkstock/Getty Images

Die deutsche Industrie bangt um ihre Wettbewerbsfähigkeit: Schuld daran sind mutmaßlich höhere Kosten für CO₂-Emissionen, die im Kyoto-Protokoll festgelegt sind. Die Menge an Emissionsberechtigungen (Zertifikaten) wird der jüngst beschlossenen EU-Vorgabe zufolge demnach um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 reduziert.

Gleichzeitig fallen mehr Industrieanlagen unter die Emissionserlaubnispflicht. Laut Angaben der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) hat sich die Anzahl der Anlagen mit 82 neuen Anlagen gegenüber der zweiten Handelsperiode beinahe verdreifacht. Auch die Auflagen für die freie Vergabe werden strenger.

Das entscheidende Steuerungsinstrument bei der Umsetzung dürfte dabei der Emissionshandel sein: Konkret bedeutet dies für die Industrieunternehmen eine Reduktion von 43 Prozent gegenüber dem Jahr 2005. Erfolgte laut der DEHSt die Zuteilung in der zweiten Handelsperiode überwiegend kostenlos, sollen diese nun zunehmend versteigert werden.

Weniger CO₂-Zertifikate, erschwerte Vergabe

Von 2014 bis 2016 sollen dem Zertifikatemarkt 900 Millionen Zertifikate entzogen werden, die dann 2019 und 2020 wieder zugeführt werden (Back Loading) sollen. Die Industrie muss sich zudem ab dem Jahr 2021 auf eine weitere Einschränkung vorbereiten: Dann nämlich soll die Obergrenze der Zertifikatsmenge (Cap) jährlich nicht wie bisher um 1,74 Prozent, sondern um 2,2 Prozent reduziert werden.

Die Menge der kostenfreien Zuteilung orientiert sich künftig an sektorspezifischen Benchmarks und soll damit einen größeren Bezug zum jeweiligen Produktionsniveau der Sektoren herstellen. Der Interessenverband Wirtschaftsvereinigung Stahl (WV Stahl) kritisiert jedoch, dass nach jetzigem Stand „keine Anlage weltweit die Benchmarks der Stahlerzeugung erfüllen kann“.

Schuld daran sind laut Stahl-Präsident Hans Jürgen Kerkhoff maßgeblich Abzüge in der Zuteilung für Emissionen aus der Verwertung von in der Produktion anfallenden Kuppelgasen. Er schlägt vor: „Die Zuteilung von CO₂-Zertifikaten sollte kostenfrei in Höhe der Emissionen der zehn Prozent effizientesten Anlagen erfolgen“ – und nicht durch Kürzungs- und Korrekturfaktoren abgeschwächt werden.

Kerkhoff kritisiert weiter, dass die freie Zuteilungsmenge nach der geltenden Regelung durch solche Korrekturfaktoren jährlich reduziert werde, wodurch die Stahlindustrie 2030 nur noch für rund 60 Prozent ihrer Emissionen Zertifikate erhalten würde. Daran würden auch die überschüssigen Zertifikate aus den Jahren 2008 und 2009 nichts ändern, so Kerkhoff weiter.

Stahlverband: Existenzbedrohung der Industrie

Die Europäische Stahlindustrie sieht sich durch die EU-Klimapolitik in weiten Teilen in ihrer Existenz bedroht. Aditya Mittal, CEO bei ArcelorMittal Europe, warnt vor dem „Niedergang der europäischen Stahlindustrie“, da die Branche zwischen 2020 und 2030 durch von der Stahlindustrie kolportierte Mehrkosten 58 Milliarden Euro ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren würde, sollte die EU am aktuellen Kurs festhalten.

Die WV-Stahl beziffert die Zusatzkosten für die deutsche Stahlindustrie durch den Kauf zusätzlicher Zertifikate und Stromnebenkosten bis zum Jahr 2030 auf rund 1,4 Milliarden Euro (Details dazu in der Info-Box). Der Berechnung liegt laut Angaben einer Verbands-Sprecherin ein angenommener zukünftiger Zertifikatspreis von 40 Euro zugrunde. Damit könne die Branche mit diesen Regelungen im globalen Wettbewerb nicht bestehen, sagt WV-Präsident Hans Jürgen Kerkhoff.

Politische Ökonomie im Emissionshandel

In der Folge eines massiven Überangebots ist der Preis stark gefallen. Laut dem Bundesumweltministerium betrug der Angebotsüberhang Anfang 2013 rund 2 Milliarden Zertifikate. Die drastische Senkung der Zertifikatsmenge könnte nun nach Berechnungen der WV-Stahl einen überproportionalen Preisanstieg bis zum Jahr 2030 nach sich ziehen. Der Interessenverband der Stahlindustrie rechnet mindestens mit einer Verfünffachung des Preises von derzeit knapp 6 Euro pro Zertifikat auf 30 bis 50 Euro.

Zum Vergleich: Der historische Höchststand notiert mit gut 17 Euro aus dem Jahr 2011. Ein möglicher Anstieg auf 30 Euro würde nahezu eine Verdopplung, eine Preissteigerung auf 50 Euro sogar eine Verdreifachung gegenüber dem historischen Höchstwert bedeuten.

 

Was zunächst völlig utopisch erscheint ist laut Tobias Kurth, von der Berliner Beratungsfirma Energie Brainpool, nicht einmal abwegig – unter der Annahme, dass das aktuelle Klimaziel durch den Zertifikathandel tatsächlich durchgesetzt werden soll. Um etwa einen Fuel-Switch von Kohle auf Erdgas mit Zertifikaterlösen zu finanzieren, wäre laut dem Energieexperten ein Preis von rund 60 Euro nötig.

Dieses Szenario hält Kurth gleichwohl für unrealistisch, da der Zertifikatmarkt nicht fundamental, sondern stark politisch gefärbt sei. Eine genaue Preisprognose sei derzeit aber schwer möglich, da die Brüsseler Beschlüsse längst nicht in nationales Recht umgewandelt sind. Kurth bezweifelt, dass die Politik einen Preisanstieg auf 60 Euro zulassen wird.

Teilerfolg für Industrie

Ein Teilziel haben die Industrie-CFOs erreicht: Die freie Zuteilung von Zertifikaten soll auch nach 2020 bestehen bleiben, um eine CO₂ -Kosten bedingte Produktionsverlagerung ins Ausland (Carbon Leakage) zu verhindern. Betroffene Unternehmen sollen laut EU-Rat „angemessen unterstützt“ werden. Auch soll eine Stabilitätsreserve eingeführt werden, die dem Markt überschüssige Zertifikate entziehen und in Zeiten großer Nachfrage wieder zuführen soll.

Die Stahlbranche setzt auf die Aussage des EU-Rates, dass den effizientesten Anlagen in den Sektoren zur Wahrung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit keine unangemessenen CO₂-Kosten entstehen sollen. Auch sollen Förderprogramme als Innovationsanreize bestehen bleiben und die administrative Komplexität nicht weiter erhöht werden. Bis die Umsetzung der Brüsseler Beschlüsse in nationales Recht erfolgt ist, bleibt der Industrie noch einige Zeit. Die Tür für Lobbyarbeit steht der Industrie daher noch weit offen.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Info

Die von der WV-Stahl kolportierten Mehrkosten von 1,4 Milliarden Euro in 2030 ergeben sich wie folgt:

 

Zugrunde liegt ein Zertifikatspreis von 40 Euro pro Tonne ausgestoßenem CO₂. Die Prognosen, die von der WV-Stahl ausgewertet wurden, gehen bis 2030 von Preisen zwischen 30 und 50 Euro aus.

 

In die 1,4 Milliarden Euro sind sowohl die emissionshandelsbedingten Stromzusatzkosten (Strombezug 15 TWh/a, keine Kompensation) einbezogen wie auch der Kauf von Zertifikaten (jährliche Emissionen der Stahlindustrie 57 Millionen Tonnen CO₂/Jahr, konstante Produktion, jährliche Reduktion der Zuteilung um 1,74 Prozent), so dass 2030 ein Minus von ca. 40 Prozent besteht.

 

Zu beachten ist, dass der lineare Reduktionsfaktor nach dem jüngsten Ratsbeschluss auf 2,2 Prozent /Jahr angehoben werden soll.

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