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Risikofaktor Energiepreise: Was ändert sich nach der Wahl?

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Hü und hott: Eigentlich wollte EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia ein Verfahren gegen Deutschland wegen illegaler Strombeihilfen für Industrieunternehmen anstrengen. Dieses kommt nun offenbar erst nach der Bundestagswahl  –  wahrscheinlich im Paket mit einer Neuordnung des gesamten Energiemarktes.

Im Fokus der Brüsseler Kritik steht die umstrittene Teilbefreiung für Unternehmen der energieintensiven Industrien vom Entgelt für den Netzausbau. Darin sieht die EU-Kommission offenbar einen Wettbewerbsverstoß. Im für CFOs am wenigsten nachteiligen Fall würden die Beihilfen zukünftig verboten, im schlechtesten Fall müssten Unternehmen auch die erhaltenen Beihilfen zurückzahlen. Dann gingen die gesamten Forderungen in die Milliarden. Eine Nachforderung gilt jedoch als unwahrscheinlich, da es „existenzbedrohend“ für viele Unternehmen wäre, wie EU-Energiekommissar Günther Oettinger glaubt. Die Unsicherheiten sind groß, sowohl  für die Energiewirtschaft –  Vattenfall schrieb zunächst Milliarden auf sein Europageschäft ab und stellte es dann ins Schaufenster – wie auch für die Industrie.

Energiepreise: Industrie kämpft um Deutungshoheit

Im Zuge der Neuordnung des Energiemarktes und der Förderung der Erneuerbaren Energien kommt auch die Lastenverteilung für die Kosten der Energiewende zur Sprache: Im Kampf um die Deutungshoheit läuft sich seit Wochen die Industrie warm und setzt sich vorsorglich an die Spitze der Bewegung. So schrieb etwa Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger unlängst in einem Gastbeitrag: „Energie ist für alle zu teuer.“ Auch Eon-Chef Johannes Theyssen und der damalige Siemens-Chef Peter Löscher übten sich in einem gemeinsamen Interview mit dem Handelsblatt als Kritiker der bisherigen EEG-Gesetze und gaben sich als Verbraucherfreunde.  „Wir brauchen mehr Markt, Regulierung nur da, wo sie notwendig ist und deutlich mehr Energieeffizienz“, sagte Löscher.  Im besonderen Fokus der Kritik des im Windgeschäft aktiven Siemens-CEO stand naturgemäß die Solarförderung. Es sei eine Radikalreform notwendig.

Bisher hatte die Industrie die Ausnahmeregelung, die etwa die Befreiung von der EEG-Umlage umfasst, mit dem Hinweis auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stets gerechtfertigt. Die „besondere Ausgleichsregelung“ soll die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie im europäischen Vergleich schützen. Für 2014 haben 2367 Industriestandorte eine solche Ausnahmeregelung beantragt, wie eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag ergab. In den vergangenen Jahren haben rund 4.000 Unternehmen davon profitiert.

Industrieller Standortfaktor Energiepreise

Im europäischen Vergleich liegen die deutschen Strompreise für Industriekunden in etwa im Mittelfeld. Strom ist in Deutschland  deutlich teurer als in Frankreich, und auch gegenüber den USA, wo das Fracking derzeit die Spielregeln der Branche verändert, fällt die Stromrechnung für deutsche Industriekunden deutlich höher aus. Nach Zahlen des Branchendienstes NUS Consulting lagen die industriellen Strompreise 2012 in Deutschland bei 15,15 Cent, in Frankreich und den USA bei 8,89 Cent pro Kilowattstunde.

Die größten Unsicherheiten für deutsche Industriekunden kommen nicht vom Markt, sondern von der Regulierung“, sagte Energieexerte Florian Haslauer unlängst zu FINANCE-TV. Weder an den Strombörsen noch am Markt für CO2-Zertifikate erwartet er dramatische Änderungen. Moderate Änderungen sieht er gleichwohl: „Die Kostenbelastungen werden leicht steigen, vermutlich auch wieder die Preise der CO2-Zertifikate“, meint Haslauer. Industrieunternehmen setzten schon heute verstärkt auf Eigenherstellung, etwa wenn sie auf umweltfreundliche Technologie setzen  oder auf das Strompreishedging – „je nach ihrer vorhandenen Kompetenz“, so Haslauer.

marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de