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Standort Deutschland: Rosige Zukunft unter Vorbehalt

Der Standort Deutschland blüht aus Sicht ausländischer Investoren. Ob das so bleibt, liegt in der Hand der Regierung.
Thinkstock / Getty Images

Wie kein anderes EU-Land trotzt Deutschland der Eurokrise – trotzdem wird die Stabilität hierzulande in der Regel nur mit Vorsicht genossen. International sieht die Sache anders aus: Die deutsche Wirtschaft wird sich auch in den nächsten Jahren robust entwickeln und der Investitionsstandort Deutschland noch mehr an Attraktivität gewinnen. Daran glauben nicht nur mehr als 800 Führungskräfte von Unternehmen aus allen Ländern, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft E&Y im Rahmen der Studie „Standort Deutschland 2013“ befragt hat.

Auch der gerade veröffentlichte Index „BDO International Business Compass 2013“ (IBC), den die Wirtschaftsprüfer von BDO gemeinsam mit dem Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) erstellt haben, prognostiziert ein fast ungetrübtes Bild.

Chinesische Investoren treiben Entwicklung

Insgesamt 624 Direktinvestitionsprojekte – unabhängig von der Höhe der Investition – ausländischer Investoren zählen die Autoren von E&Y für das vergangene Jahr. Das ist eine Steigerung von 5 Prozent gegenüber dem Jahr 2011. Einen höheren Wert erreicht nur Großbritannien mit 697 entsprechenden Projekten. Getrieben wird die Entwicklung im Deutschland entscheidend durch chinesische Investoren: 38 Prozent aller chinesischen Investitionsprojekte in Europa entfallen auf Deutschland.
 
Aber auch global schlägt Deutschland sich beachtlich: Aus Investorensicht ist der Standort der sechstattraktivste weltweit, geschlagen nur von China, Brasilien, den USA, Russland und Indien. Eingeflossen in die Einschätzung der Manager sind dabei Faktoren wie das soziale Klima, politische und rechtliche Stabilität und die vorhandene Infrastruktur. Aufgrund dieser guten Rahmenbedingungen gehen sogar 56 Prozent der von E&Y Befragten davon aus, dass der Standort Deutschland noch weiter an Attraktivität gewinnen wird.

Positive Folgen für CFOs

Ein ähnliches Bild zeigt der Teilindex Produktion des IBC, in welchen den Autoren zufolge alle aus theoretischer Sicht relevanten Aspekte, die sich auf die Qualität eines Produktionsstandorts niederschlagen, eingerechnet wurden. Im Vergleich zu den restlichen OECD-Ländern belegt Deutschland in diesem Abschnitt aktuell Platz 6. Als besondere Stärken werten BDO/HWWI ebenfalls das starke Rechtssystem und die gute Infrastruktur. In diesen beiden Bereichen liegt der für Deutschland errechnete Indexwert jeweils rund 25 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der OECD-Staaten.

Die Folgen dieser Positiventwicklung Deutschlands gerade im direkten Vergleich zu anderen europäischen Ländern bekommen deutsche Unternehmen deutlich zu spüren: Das durch die europäische Krise getragene Niedrigzinsumfeld und die anhaltenden Kapitalzuflüsse nach Deutschland ermöglichen CFOs aktuell immer noch besonders niedrige Refinanzierungskosten; das Interesse der Investoren schafft gleichzeitig die Voraussetzung, die Unternehmensfinanzierung bankenunabhängiger aufzustellen – die Fremdkapitalfinanzierung über den Kapitalmarkt boomt.

Auch der M&A-Markt könnte in den nächsten Monaten wieder in Schwung kommen: Sind die bereits Anfang des Jahres erwarteten verstärkten Deal-Aktivitäten bislang noch ausgeblieben, positionieren sich deutsche M&A-Chefs jetzt allerdings deutlich selbstbewusster als noch in den Vormonaten, wie die aktuelle Befragung des FINANCE M&A Panels zeigt.

Warnung: Drohender Fachkräftemangel

In einem Punkt heben die Autoren der Studien allerdings warnend den Finger: Das deutsche Arbeitsrecht und die Arbeitsmarktpolitik könnten den Positivtrend in absehbarer Zeit ersticken. Denn komplexe und unflexible Vorschriften fordern ihren Tribut, der deutsche Indexwert nach dem IBC rangiert hier sogar 36 Prozentpunkte unterhalb des Durchschnittswerts. Zudem glauben 38 Prozent der Umfrageteilnehmer der Studie „Standort Deutschland 2013“, dass die Regierung die Bereiche Aus- und Weiterbildung nicht stark genug fördert. Ein Fachkräftemangel, sei es, weil hierzulande der qualifizierte Nachwuchs fehlt oder aber ausländischen Arbeitskräften angesichts der arbeitsrechtlichen Vorschriften der Zuzug erschwert wird, könnte als einziger endogener Faktor den Erfolg des Standorts Deutschland beeinträchtigen.

Den Beginn dieser Entwicklung bekommen deutsche CFOs indes jetzt bereits zu spüren: Trotz der händeringenden Suche nach qualifiziertem Personal für die Finanzabteilungen wird es immer schwieriger, geeignete Kandidaten zu finden. Eine gute Option wäre da eine internationaler aufgestellte Finanzabteilung  – wenn die Politik sich gewillt zeigt, die arbeitspolitischen Hürden endlich einzureißen.

sarah.nitsche[at]finance-magazin.de