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Verschleppung, Täter, Treasury: Das Wirecard-Update

Eine Geschichte von Lug und Trug, von Saus und Braus, von Visionären und Schurken: Das sind die wichtigsten Findings aus den „Wirecard Files“.
Wirecard

Es sind nur noch wenige Tage bis zum Zusammenbruch, und im Treasury von Wirecard liegen die Nerven blank: „Mann, sah Markus heute scheisse aus … So hab ich ihn noch nie gesehen, [s]o will der am DO vor die Kamera?“, schrieb Wirecards damaliger Treasury-Chef Thorsten Holten an einen Kollegen. Holtens Chats sind Teil eines riesigen Datenpakets aus dem Innersten von Wirecard, das ein Team von FINANCE um den Investigativreporter Jens Kemle in den vergangenen Monaten durchgearbeitet und in der Online-Serie „Wirecard Files“ veröffentlicht hat. Die Zitate geben wir original und unkorrigiert wieder.

Die „Wirecard Files“ lassen keinen Zweifel zu: In den Tagen vor dem Knall nimmt Holten wahr, wie sich um ihn herum alles aufzulösen beginnt. Die Banken machen Druck, der Wirtschaftsprüfer will nicht testieren, und sein CFO Alexander von Knoop ist ihm keine Hilfe. Doch der Treasurer glaubt, dass sich der Crash noch abwenden lässt – und blickt dabei, ohne es zu wissen, auf die gleiche Geldquelle wie der Abschlussprüfer EY: die Treuhandkonten von Wirecard in Asien, auf denen ausweislich der jüngsten Bilanz 1,9 Milliarden Euro liegen sollen – als Sicherheit für das hochprofitable Drittpartnergeschäft des Konzerns (Third Party Acquiring, TPA).

Holten will an dieses Geld heran: „Für unseren zukünftigen cash out habe ich keine liquiqellen mehr, es muss also liqui vom TPA business fliessen oder ne Kapitalerhöhung von 10%.“ 

Wirecard-CFO wollte TPA-Geschäft abdrehen

CFO von Knoop, der möglicherweise ahnt, dass die Konzernzentrale keinen Zugriff auf die Treuhandmilliarden in Asien bekommen wird, macht einen anderen Vorschlag, der Holten auf die Palme bringt: Um Kapital freizusetzen, will der Finanzchef das TPA-Geschäft herunterfahren.

Daraufhin echauffiert sich der Treasurer gegenüber einem Kollegen: „Schau dir mal unser Business ohne TPA an … also ich meine das profitable … Und dann kommt AVK mit Sprüchen wie ‚zur Not drehen wir das ab‘.“ Wenig später stößt sich Holten auch am Krisenmanagement seines Vorgesetzten: „AVK wollte jetzt ernsthaft die Fragen alle einzeln mit mir durchgehen. Spinnt der?“ 

Wenige Tage später ist der Schwindel aufgeflogen, Wirecard pleite und Holten am Boden zerstört: „Ich weiß nicht mehr was und wem ich noch glauben kann (…) I feel terrible, it’s most difficult time in my life.“ 

„Für unseren zukünftigen cash out habe ich keine liquiqellen mehr.“

Interne Chatnachricht von Treasury-Chef Thorsten Holten

Eine Langversion von Holtens Chats haben wir in einer Folge der Wirecard Files veröffentlicht („Wirecard-Skandal: Die letzten Tage im Treasury“). Was verrät uns diese interne Kommunikation über die Rolle des Treasury-Chefs? 

Den „Wirecard Files“ nach zu urteilen, kann Chef-Treasurer Holten im strafrechtlichen Sinne als entlastet gelten, was die Frage einer möglichen Verstrickung in die kriminellen Vorfälle angeht. Dass der leitende Treasurer eines Dax-Konzerns jedoch keine Ahnung hat, dass der größte Teil der liquiden Mittel, über die er als „Schatzmeister“ wacht, gar nicht existiert und dauerhaft riesige Summen aus dem Konzern herausgeschleust werden, lässt ihn aus professioneller Sicht hingegen in keinem so guten Licht erscheinen. 

Signale für Kreislaufgeschäfte im TPA-Business

Aber wo ist das Geld, das die Treasurer aus den Augen verloren haben, als es die inneren Kreise der Konzernzentrale verließ und in das dubiose Asien-Geschäft von Ex-Vorstand Jan Marsalek floss? In den „Wirecard Files“ sind wir auf Tausende von Dokumenten gestoßen, die die Hintermänner beleuchten, die eine zentrale Rolle bei dem beispiellosen Milliardenraub gespielt haben dürften.

Aus dem Konzern heraus floss das Geld über ein dichtes Netzwerk sogenannter Partnerfirmen, die „Third Party Acquirers“, die am Ende offiziell für einen Großteil der Konzernerlöse gestanden haben sollen. Die größten Partnerfirmen waren Al Alam in Dubai, Senjo in Singapur und PayEasy in Manila. Hinter ihnen standen Männer, die allesamt enge Vertraute von Marsalek waren: Oliver B. aus Dubai (inzwischen Kronzeuge der Münchner Staatsanwaltschaft), James Henry O’Sullivan und Shan Rajaratnam aus Singapur sowie Christopher B. aus Manila. 

Diese drei Firmen operierten in ganz unterschiedlichen Weltregionen, Tausende Kilometer voneinander entfernt und hatten offiziell nichts miteinander zu tun – außer dem Umstand, dass sie alle in ihren lokalen Märkten Geschäft für Wirecard abwickelten. Doch in den „Wirecard Files“ finden sich Belege, dass zwischen diesen drei Firmen in erheblicher Höhe Gelder hin und her flossen – ein starker Hinweis auf Kreislaufgeschäfte, die halfen, die Umsatz- und Gewinnzahlen des einstigen Dax-Konzerns aufzublähen.

Shan Rajaratnam: Die Spinne im Netz?

Und da ist noch mehr: An vielen Stellen kreuzen sich die Wege der Drahtzieher. Offenbar ist O’Sullivan der Gründer von Senjo. „Secretary“ dieser Firma war ebenjener Shan Rajaratnam, der jahrelang die Treuhandkonten von Wirecard in Singapur führte, bevor die Konten mit einem Volumen von 1,9 Milliarden Euro Ende 2019 nach Manila transferiert wurden. Shans Treuhandfirma Citadelle war unter der gleichen Adresse registriert wie die Modefirma von O’Sullivans Frau.

In Manila agierte Christopher B., offenbar ein echter Goldjunge. Der Deutsche leitete PayEasy. Obwohl B. in dieser Zeit nebenher auch noch ein regionales Reisebusunternehmen namens „Fröhlich Tours“ betrieb, soll PayEasy zwischenzeitlich 15 Prozent des kompletten Konzernumsatzes von Wirecard erwirtschaftet haben. In Manila verliert sich die Spur der 1,9 Milliarden Euro, vier Wochen nach dem Wirecard-Kollaps erlag B. angeblich einer Lebensmittelvergiftung. Sowohl die deutschen als auch die philippinischen Behörden haben Zweifel, dass B. tatsächlich tot ist.

Insgesamt lassen sich mit Hilfe der „Wirecard Files“ Verbindungen des Treuhänders Shan Rajaratnam zu mindestens fünf TPA-Partnerfirmen von Wirecard nachweisen. Dazu zählt auch Ocap, ein Spin-off von Senjo, an das Wirecard 350 Millionen Euro überwies – ohne erkennbare Gegenleistung, wie Insolvenzverwalter Michael Jaffé inzwischen nachgewiesen hat.

Die Behörden haben Zweifel, dass Wirecards Manila-Statthalter Christopher B. tatsächlich tot ist.

Die Namen Shan Rajaratnam und James O’Sullivan tauchen auch im Zusammenhang mit dem ominösen Mauritius-Fonds EMIF 1A auf, der Wirecard 2015 für über 300 Millionen Euro die indische Firma Hermes i Tickets verkaufte – ein Deal, von dem mittlerweile angenommen wird, dass er in erster Linie dazu diente, den Kaufpreis in dunkle Kanäle abzuzweigen. 

Insolvenzverwalter Jaffé kann nichts mehr machen

Mit welch kleinem Hebel die Hintermänner ein riesengroßes Rad drehten, zeigt sich am Beispiel von Al Alam in Dubai. Diese Firma stand zwischenzeitlich offiziell für über 30 Prozent des gesamten Wirecard-Geschäfts. Anzahl der Mitarbeiter: 4.

Al Alam, Senjo und PayEasy überwiesen angeblich regelmäßig Gebühren, die Wirecard zustanden, auf die Treuhandkonten. Ihre Einzahlungen machen nahezu die komplette Summe von 1,9 Milliarden Euro aus, die Wirecard am Ende dort auswies. Von dem Geld fehlt jede Spur. Im Netzwerk der Hintermänner könnte ein nennenswerter Teil davon versickert sein. Für Insolvenzverwalter Jaffé ist bei diesen Briefkastenfirmen aber nichts mehr zu holen.

Wie Jan Marsalek auf Zeit spielte

Wie sich Jan Marsalek, das angebliche Mastermind des Wirecard-Betrugs, in dieses Netzwerk einfügt, ist noch ungeklärt. Fakt ist jedoch, dass Marsalek nachweislich enge persönliche Beziehungen zu allen dieser dubiosen Figuren mit Ausnahme von Shan Rajaratnam pflegte. Auch bei der Übernahme von Hermes aus den Händen des Mauritius-Fonds war Marsalek im Vorstand von Wirecard der maßgebliche Treiber.

Wenige Tage nach dem Wirecard-Kollaps verschwand Marsalek mit einem Kleinflugzeug nach Weißrussland, wo sich seine Spur verliert. Es gibt Vermutungen, er habe sich in die Hände russischer Geheimdienste begeben, mit denen er offenbar vielfach zusammengearbeitet hat. Seitdem gab es kein Lebenszeichen mehr von dem ebenso smarten wie skrupellosen Österreicher.

Wie Marsalek in den Tagen vor dem Wirecard-Kollaps agierte, zeigt seine interne Kommunikation über den Messenger-Dienst Telegram, die FINANCE ebenfalls vorliegt und in einer weiteren Folge der „Wirecard Files“ in Auszügen dokumentiert ist. Marsalek war zu vorsichtig, um sich zu strafrechtlich heiklen Aussagen via Telegram hinreißen zu lassen. Aber wie er mit seinen Mitarbeitern kommunizierte, zeigt, wie er seine Leute immer wieder bremste, wenn diese versuchten, den Wirtschaftsprüfern von EY und KPMG zu helfen oder diesen Material zur Verfügung zu stellen. In zahlreichen Chats amüsierte sich Marsalek über die Arbeit der Prüfer, nannte einen EY-Mitarbeiter „Fichtwichtl“ und spielte konsequent auf Zeit.

„Ich habe nebenbei noch andere und wichtigere Sorgen als KPMG. Ich kann damit nicht meine ganze Zeit verbringen“, schrieb Marsalek beispielsweise an eine Mitarbeiterin, als diese Marsalek wegen der Nachforschungen der Wirtschaftsprüfer um mehr Einsatz bat. Es entspann sich folgender Dialog:

Mitarbeiterin 
KPMG macht [den Sonderbericht] zu … Es ist 5 nach 12 … Die letzte Sekunde war letzte Woche.

Marsalek
Nein. Markus [Braun] entscheidet, wann die letzte Sekunde ist.  

Mitarbeiterin
Doch nicht für die Bank.

Marsalek
DOCH. 

Der Österreicher beendete die Sache in Chefmanier: „Ich kann nicht regelmäßig Deine Sorgen, Befindlichkeiten und Enttäuschungen in Sachen Oliver [B.] und KPMG managen.“

Aus heutiger Sicht ist davon auszugehen, dass Marsalek zu diesem Zeitpunkt schon sein Untertauchen plante.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Dies ist ein Teil unserer laufenden Enthüllungsserie. Alle Artikel finden Sie auf unserer Spezialseite zu den „Wirecard Files“. Mehr News und Hintergründe zum Wirecard-Skandal gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu Wirecard, alle aktuellen Entwicklungen in unserem Wirecard-Ticker.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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