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Was aus unseren Corona-Thesen wurde

Im vergangenen Jahr hat die FINANCE-Redaktion zehn Corona-Thesen aufgestellt. Die Mehrheit ist zum Teil eingetroffen.
Alex J – stock.adobe.com

Der Corona-Schock im Frühjahr 2020 war groß: Auf einmal waren viele Mitarbeiter im Home Office, große Produktionswerke standen still, Reisen und Tourismus kamen zum Erliegen. Auch die Finanzmärkte reagierten gestresst. Die Commercial-Paper-Märkte waren zeitweise tot, Bankbeziehungen wurden einem harten Test unterzogen, einige Geschäftsmodelle funktionierten von einem auf den anderen Tag nicht mehr.

In der massiven Unsicherheit stellte die FINANCE-Redaktion zehn Thesen auf, wie sich wichtige Gebiete im Finanzbereich entwickeln würden. Welche haben sich bestätigt, welche nicht? Der Praxis-Check ein Jahr danach.

Das Treasury erlebt eine Renaissance

Immerhin: Acht der zehn Thesen haben sich ganz oder teilweise bestätigt, bei zwei Thesen lagen wir daneben. Richtig getippt haben wir, dass das Treasury eine Renaissance erlebt. Die Sichtbarkeit und der Stellenwert des Treasury im Unternehmen sind durch die Coronakrise gestiegen. Cash, Liquidität, Bankbeziehungen – zahlreiche Treasurer haben nicht nur die Cash-Puffer ihrer Unternehmen durch Bank- und Kapitalmarktfinanzierungen aufgestockt, sondern sich auch stärker mit dem operativen Geschäft vernetzt, um das Working Capital Management zu verbessern.

Auch mit der These, dass Corona das Thema ESG nicht von der Agenda verdrängen kann, lagen wir richtig. Zwar lag das Augenmerk während der Pandemie kurzzeitig auf Dringenderem, doch der Nachhaltigkeitstrend ist stärker denn je. Ein Beleg dafür ist auch, dass viele neue Unternehmen den Green-Finance-Markt für sich entdeckt haben. Aber auch Investoren und Behörden üben immer mehr Druck aus, wenn Geschäftsmodelle nicht klimafreundlicher transformiert werden.

In den Blick genommen hatten wir auch die Private-Debt-Fonds. Wie würden die neuartigen Debt-Fonds es mit der Treue zu ihren Portfoliounternehmen halten? Das Fazit: Private Debt hat wie erwartet Farbe bekannt. Die Private-Debt-Fonds haben versucht, mit Portfoliounternehmen konstruktiv Lösungen in schwierigen Situationen zu finden. Debt Equity Swaps waren als Ultima Ratio eine seltene Ausnahme. Im Neugeschäft agierten die Fonds risikobewusst, also wenig anders als die Banken agierten.

Wurden Restrukturierer zur Mangelware?

Nicht vollständig, aber zum Teil richtig lagen wir mit fünf Thesen. Eine davon: Gute Restrukturierer werden Mangelware. Milliardenschwere Finanzhilfen und insbesondere eine vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für Corona-bedingt kriselnde Unternehmen haben die Situation zwar entschärft. Doch das Problem hat sich für viele Unternehmen nur verschoben, denn zunehmend laufen Hilfen und Ausnahmeregelungen aus. Spätestens dann werden die Sanierungsexperten alle Hände voll zu tun haben.

Auch die Prognose, dass die Finanzabteilung durch die Coronakrise einen Digitalisierungsschub bekommt, ist teilweise eingetroffen. Insbesondere die Prozesse, die das Arbeiten aus dem Home Office überhaupt möglich machen, wurden innerhalb weniger Wochen digitalisiert. Bei Großprojekten dagegen sind viele Unternehmen noch nicht so weit. Hier ist sowohl das Geld als auch der Aufwand ein Hindernis. Umfragen zeigten, dass besonders Großunternehmen ihre Digitalisierungsprojekte weiter voll durchgezogen haben. Kleinere mussten diese aus Ressourcengründen aber neu fokussieren oder ganz stoppen.

Hat Corona die Zinslandschaft zerrüttet? Die in der Krise hoch gesprungenen Spreads der Corporate Bonds haben sich fast überall wieder normalisiert, auch bei den High Yields und den Fallen Angels. Hier ist es nicht zu der von uns erwarteten Spreizung gekommen. Einzig der Schuldscheinmarkt leidet immer noch unter Corona: Die Volumina sind anhaltend niedriger, die Kupons höher – und das bei einer starken Unterscheidung zwischen guten und schwächeren Bonitäten.

Auslandsbanken haben sich teilweise zurückgezogen

Haben sich Banken wie in der Finanzkrise auf ihre Heimatmärkte zurückgezogen? Teilweise ist es so gekommen. Besonders die UK-Banken sind wegen einer Mischung aus Brexit- und Corona-Effekt nicht mehr so präsent in Deutschland wie einst. Zum Höhepunkt der Krise im Frühjahr hatten die US-Banken Kredite strategisch allokiert. Inzwischen hat sich die Lage wieder normalisiert. Der große Exodus der Auslandsbanken ist ausgeblieben. In- und Auslandsbanken achten nun genau darauf, mit wem sie Neukredite auflegen. Für Teile der Institute steht das Firmenkundengeschäft nicht mehr so im Fokus wie früher.

Teilweise bestätigt hat sich die These, dass Corona den Private-Equity-Markt bereinigen wird. Zwar haben im vergangenen Jahr weniger Deals stattgefunden. Aber nur wenige Portfoliounternehmen sind wirklich umgekippt.

Dabei kam es ganz auf die Aufstellung des Portfolios an – Private-Equity-Investoren mit vielen Unternehmen aus den Bereichen Industrie oder Gastro/Hotel/Veranstaltungen hatten es zum Beispiel schwerer als solche mit Unternehmen aus den Bereichen Healthcare oder Software. Es wurde mehr Portfoliomanagement betrieben. So hat die Krise den Markt insofern „bereinigt“, als dass den Investoren klarer geworden ist, welche Geschäftsmodelle wirklich aussichtsreich sind. Seit dem zweiten Halbjahr 2020 hat sich der Markt aber wieder wie vor Corona entwickelt.

M&A-Markt trotzt Corona

Nicht eingetroffen ist dagegen die erwartete schwere Corona-Delle am M&A-Markt. Einige Deals lagen zwar eine Zeitlang auf Eis, mittlerweile läuft der M&A-Markt aber wieder auf Hochtouren. Mega-Deals, wie etwa die Übernahme des US-Konzerns Varian durch Siemens Healthineers, wurden bereits im Sommer 2020 nach dem ersten Corona-Schock eingetütet.

Auch die Annahme, dass Unternehmensanleihen mit staatlicher Garantie zu einem neuen Finanzierungsinstrument am Markt werden, hat sich nicht bestätigt. Unternehmen sollten im Rahmen des Wirtschaftsstabilisierungsfonds die Möglichkeit dazu bekommen, solche Papiere zu begeben. Doch sie blieben aus, unter anderem weil am Ende aus EU-beihilferechtlichen Gründen keine hundertprozentige Garantie möglich war.

Von dem schweren Corona-Schock haben sich insgesamt wichtige CFO-Bereiche schneller erholt als gedacht. Massive staatliche Eingriffe und das Handeln der Zentralbanken machten dies möglich.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

Info

Wie die Marktteilnehmer mit den Herausforderungen der Coronakrise umgehen und welche Veränderungen diese bringt, das lesen Sie auf unserer Themenseite zum Coronavirus.