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Wie sich Profi-Investoren bei Wirecard verzockten

Wirecard-Investor und Ex-Deutsche-Bank-Aufsichtsrat Alexander Schütz: Gleich doppelt mit Wirecard verloren.
picture alliance / Wolfgang Wolak / Verlagsgruppe News / picturedesk.com

Es mag ein schwacher Trost sein, aber nicht nur Kleinanleger sind auf den „weltweit tätigen Innovationsführer digitaler Finanztechnologie“ (O-Ton Pressemitteilung) hereingefallen. Auch erfahrene und erfolgreiche Investoren haben sich von dem schönen Schein bei Wirecard blenden lassen.

Einer von ihnen ist der ehemalige Wirecard-Aufseher Klaus Rehnig. Nach Informationen von FINANCE haben der mittlerweile 76-Jährige und seine Familie bei dem Skandalkonzern rund 3 Millionen Euro verloren. Auch der Mitbegründer und CEO der Asset Managementgesellschaft C-Quadrat, Alexander Schütz, gehört zu den Geschädigten. Er investierte nicht nur direkt in Wirecard, sondern ist auch Großaktionär bei einem ehemaligen Wirecard-Partner, der finanziell in den Sog der Pleite geriet und dessen Aktienkurs daraufhin abstürzte. Auffallend ist, wie nahe die beiden ausgerechnet Ex-Wirecard-Chef Markus Braun standen.

Klaus Rehnig schuf die Basis von Wirecard

Schon sehr lange tat dies Klaus Rehnig – Anfang der 2000er-Jahre war er einer der Geburtshelfer von Wirecard. Der Manager kehrte damals der Verlagsbranche den Rücken und investierte sein Geld in E-Commerce. 1998 gründete er zusammen mit Paul Bauer-Schlichtegroll die EBS Holding AG, einen Pionier für elektronische Bezahllösungen.

„Nach 30 Jahren in internationalen Konzernen weiß ich, wie eine Bilanz auszusehen hat.“

Klaus Rehnig kontert Wirecard-Kritiker in einem Interview 2018

In den Folgejahren kauften die beiden Investoren unter anderem den damaligen Softwarehersteller Wire Card GmbH aus der Insolvenz sowie den Telefonie-Anbieter Infogenie, der damals bereits am Neuen Markt gelistet war.

Ende 2004 brachte die EBS AG ihre Tochtergesellschaften mit einer Kapitalerhöhung durch Sacheinlage in die Infogenie ein und firmierte sie in Wire Card AG um. Dank dieses „Backdoor-Listings“ konnten Rehnig und Bauer-Schlichtegroll fortan auch einen Teil ihrer Beteiligung über die Börse veräußern. Später benannte sich das Unternehmen dann in Wirecard AG um.

Ihr frühes Engagement bei dieser jungen Firma machte Rehnig und Bauer-Schlichtegroll reich. Über die Jahre schraubte Rehnig seinen Wirecard-Anteil von ursprünglich 20 Prozent nach und nach herunter und kassierte dafür viel Geld. 2006 zum Beispiel verkauften der Unternehmer und seine Ehefrau auf einen Schlag insgesamt 350.000 Aktien. Erlös: rund 1 Million Euro.

Klaus Rehnig schürte Kursfantasie

2008 musste Rehnig aus Altersgründen aus dem Aufsichtsrat von Wirecard ausscheiden, aber als Privatier und Investor blieb er dem Finanzdienstleister eng verbunden. Rehnig dürfte Wirecard und deren Geschäftsmodell so gut wie kaum ein zweiter gekannt haben, das behauptet er zumindest selbst. So gab der Investor 2018 dem „Handelsblatt“ ein Interview, in dem er – auch mit Blick auf die damals schon kursierenden Anschuldigungen gegen den Zahlungsdienstleister – sagte: „Nach 30 Jahren in internationalen Konzernen weiß ich, wie eine Bilanz auszusehen hat.“

In dem Interview stärkte der ehemalige Verlagsmanager dem damaligen Wirecard-Chef Markus Braun nicht nur den Rücken. Er schürte auch noch Kursfantasie, indem er prognostizierte, dass ein internationaler Konzern Wirecard „bald“ kaufen wolle. „Da könnten die Aktionäre einen Zuschlag auf den Börsenwert von 30, 40 oder 50 Prozent erhalten“, stellte er in Aussicht. Sein Wort als Insider hatte Gewicht, nach der Veröffentlichung des Interviews zog der Aktienkurs von Wirecard prompt um fast 4 Prozent an.

Klaus Rehnig schließt sich EY-Klage an

Heute gehört Klaus Rehnig zu den 40.000 geschädigten Aktionären, die viel Geld durch den Bilanzskandal verloren haben. Die FINANCE-Information, dass er und seine Familie fast 3 Millionen Euro in den Sand gesetzt haben, bestätigte Rehnig auf Anfrage. „Es ist ein Trauerspiel, dass die gierigen und übermütigen Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek so abgehoben sind“, sagt der mittlerweile 76-Jährige heute.

Um wenigstens ein Teil seines Investments zurückzubekommen, hat er seine Anwälte in Marsch gesetzt. Der Start-up-Investor hat nicht nur Privatklage gegen den ehemaligen Wirecard-Vorstand erhoben, er beteiligt sich auch an der Sammelklage gegen EY und hat seine Forderungen bei Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffé angemeldet. Klaus Rehnig fühlt sich betrogen: „Ich bin tief enttäuscht. Wer nur einen Hauch von Anstand hat, würde nie eine Bilanz fälschen.“

Schlechtes Ende für Alexander Schütz

Neben Rehnig hat es auch einen anderen bekannten Vertreter aus der Finanzbranche erwischt. Alexander Schütz ist Mitgründer und CEO der Asset-Management-Gesellschaft C-Quadrat. Im Geschäftsjahr 2017 verwaltete das Wiener Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 10 Milliarden Euro. Seit 2017 war der Finanzprofi Aufsichtsrat der Deutschen Bank, bei der Hauptversammlung in der vergangenen Woche legte er sein Amt nieder.

Neben fremdem Geld investiert Alexander Schütz auch sein eigenes Vermögen: Sein Schuetz Family Office, das manchmal auch unter dem Namen Alex Schütz Familienstiftung auftaucht, ist einer der aktivsten PE-Investoren Österreichs. Der 55-Jährige steckte sein Geld lange in Fintechs, derzeit aber vor allem in die Entwicklung von Immobilien in Wien, Belgrad und auf Mallorca, wie der Website zu entnehmen ist.

Zu den Kernbeteiligungen von Schütz gehört neben C-Quadrat auch eine Münchener Firma für digitale Sicherheitslösungen, die börsennotierte Cyan AG. Zwischen diesem Unternehmen und Wirecard gibt es ebenso eine Verbindung wie zwischen Alexander Schütz und Markus Braun – eine Liaison, die für Schütz schmerzhafte Folgen hatte.

Wirecard schwächte die Cyan AG

Aber von vorne. 2019 schloss Cyan einen Deal über 2 Millionen Lizenzen einer Endpoint-Security-Lösung im Wert von 5 Millionen Euro mit Wirecard ab. Die Zahlung für die erste Rate ging jedoch aufgrund der Insolvenz von Wirecard nie ein und bescherte Cyan offene Forderungen (Contract Assets) in Höhe von 5 Millionen Euro.

Der drohende Forderungsausfall schlug schnell auf das Ergebnis und den Aktienkurs durch, im vergangenen Geschäftsjahr musste das IT-Haus Wertberichtigungen auf Forderungen in Höhe von 4,8 Millionen vornehmen. Der Umsatz brach um mehr als ein Fünftel ein und drückte Cyan mit über 9 Millionen Euro in die roten Zahlen. Die Ebit-Marge stürzte ab auf minus 52 Prozent, die Aktie hat sich in den zurückliegenden zwölf Monaten halbiert. Der Hauptleidtragende ist Alexander Schütz. Der 55-Jährige ist mit 19,4 Prozent immer noch größter Aktionär von Cyan.

Doch die Wertverluste bei seiner Cyan-Beteiligung sind nicht die einzigen Wirecard-Auswirkungen, die Schütz in finanzieller Hinsicht hinnehmen muss. Eine E-Mail zeigt, dass der Finanzjongleur vor dem Kollaps auch noch zusätzlich Wirecard-Aktien kaufte. In einer E-Mail vom 17. Februar 2019 an Markus Braun, die FINANCE vorliegt, heißt es: „Habe übrigens 3 x wirecard aktien gekauft.“ Wegen der E-Mail und seines Engagements ermittelt nun die BaFin gegen Alexander Schütz. Es geht um den Verdacht des Insiderhandels in seiner Funktion als Aufseher der Deutschen Bank. Alexander Schütz wollte sich auf Anfrage von FINANCE nicht dazu äußern, wie hoch sein finanzieller Verlust ist.

Im Wirecard-Sog: Die Cyan-Aktie (3-Jahres-Chart)

Reger Austausch zwischen Schütz und Braun

Ist es Zufall, dass Schütz Großaktionär bei einem mittelständischen IT-Haus ist, das wiederum ein großes Geschäft mit einem Dax-Konzern eingegangen ist, an dem der Investor ebenfalls beteiligt war? Es gibt keinen Beweis, dass Schütz und Braun den Deal persönlich eingefädelt haben, aber es ist zumindest auffällig, dass sich Schütz und Braun regelmäßig per E-Mail über interessante Marktteilnehmer austauschten.

So erkundigte sich Schütz bei dem Wirecard-Chef nach dessen Meinung zu dem deutschen Start-up Getsafe und dem britisch-irischen Kreditkartenanbieter Curve. Braun wiederum wollte wissen, was Schütz von dem österreichischen Online-Shop Etoxx hielt. Man kann davon ausgehen, dass nur ein Bruchteil dieses Austauschs dokumentiert ist. Wie interne E-Mails und entsprechende Einladungen zeigen, die FINANCE ebenfalls vorliegen, trafen sich beide Manager auch persönlich zu Zusammenkünften im kleinen Kreis.

Daneben könnten auch noch private Begegnungen hinzugekommen sein, denn Schütz und Braun sind praktisch Nachbarn in Kitzbühel. Am Sonnenhang, einer der exklusivsten Lagen in dem österreichischen Nobelkurort, stehen die Häuser der beiden Multimillionäre fast nebeneinander. Alexander Schütz wollte sich auch nicht dazu äußern, ob der Kauf von Wirecard-Aktien Thema war, wenn sich beide in dem Nobelkurort begegneten. Als guter Nachbar redet man in dessen Abwesenheit eben nicht schlecht über den anderen.

redaktion[at]finance-magazin.de

Info

Dies ist ein Teil unserer laufenden Enthüllungsserie. Alle Artikel finden Sie auf unserer Spezialseite zu den „Wirecard Files“. Mehr News und Hintergründe zum Wirecard-Skandal gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu Wirecard, alle aktuellen Entwicklungen in unserem Wirecard-Ticker.

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