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Energieintensive Unternehmen unter Druck

Die Energiekrise setzt Branchen wie der Metallindustrie zu. Für die Unternehmen braucht es individuelle Lösungen. Foto: DedMityay - stock.adobe.com

Zahlreiche Unternehmen teilen derzeit – neben den anhaltenden Lieferkettenproblemen –eine Besonderheit: die überdurchschnittlich hohen Energiekosten. Dabei arbeiten viele dieser „energieintensiven Unternehmen“ seit Jahrzehnten sehr erfolgreich, gelten teilweise als „Hidden Champions“, gehören also zu den Marktführern in ihrem Nischenmarkt, und produzieren hochwertige Produkte in Deutschland.

Solche Betriebe sind unter anderem Chemie- und Metallunternehmen, Gießereien oder Hersteller von Glas, Keramik, Papier und Pappe. Und sie stehen derzeit, wie es sich in der Sanierungspraxis zeigt, stark unter Druck. In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages nannten drei Viertel der Unternehmen den Anstieg der Strom- und Gaspreise als Belastung für ihr laufendes Geschäft. Knapp die Hälfte der rund 600 befragten Betriebe aus allen Branchen befürchtet sogar den Verlust der eigenen Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland.

Energieintensive Unternehmen müssen neu verhandeln

Für energieintensive Unternehmen ist die Lage besonders angespannt. Die hohen Preise für Energie, allen voran des Strompreises, verschlechtern die Standortbedingungen. Im Jahr 2022 hat sich der Preis verdoppelt oder sogar verdreifacht, auch wenn zuletzt die Preise wieder etwas gesunken sind. Die beschlossenen Strom-, Gas- und Wärmepreisbremsen der Bundesregierung helfen den KMUs. Jedoch zeigt der Deckel nicht bei allen Unternehmen die erwünschte Wirkung, da es viele Ausnahmen und Bedingungen gibt.

Einfacher haben es Unternehmen, die noch vor der drastischen Preiserhöhung einen festen Vertrag mit ihrem Energielieferanten abgeschlossen haben. Dies dürfte jedoch mittlerweile nur noch eine Minderheit sein. Für die Energielieferanten sind diese Unternehmen mit hohem Strombedarf derzeit kaum berechenbar und bisherige Preisvereinbarungen lohnen sich mit Blick auf die Preisentwicklung nicht mehr. Die Folge: Verträge werden nur noch kurzfristig – natürlich dann zu deutlich höheren Preisen – mit den energieintensiven Betrieben abgeschlossen oder zum Beispiel Stromeinheiten direkt über den sogenannten Spotmarkt bezogen. Dann ändert sich der Preis für die Einheit mehrmals täglich für das Unternehmen. Somit wird die Kostenkalkulation deutlich schwieriger, Produktionsaufträge müssen unter Umständen nachverhandelt werden.

Erste Unternehmen reagieren hierauf bereits und erwägen ihre Produktionsstätten in andere Länder, in denen die Energiekosten günstiger sind, auszulagern. Zu nennen sind beispielsweise Standorte in der Nähe der EU-Außengrenzen, wie auf dem Balkan. Einige Unternehmen verlagern Standorte aber auch in Regionen außerhalb von Europa – mit weiteren kostengünstigeren Faktoren, zum Beispiel beim Lohnniveau oder bei der Regulierung.

Nachhaltigkeit künftig auch wichtig bei Finanzierungen

Neben der kritischen Kostenentwicklung müssen die Unternehmen auch andere Herausforderungen meistern. Dazu gehört auch das Thema Nachhaltigkeit im Rahmen der sogenannten ESG-Kriterien. Mit den europaweit gültigen Reporting-Standards schafft die Europäische Union in Zukunft einen einheitlichen Rahmen für die nicht-finanzielle Berichterstattung von Unternehmen, begleitet von Berichtspflichten, die künftig eingehalten werden müssen. Aber bereits heute haben diese Vorgaben einen Einfluss auf die Unternehmen.

Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass Finanzierungspartner wie Banken schon jetzt Vorgaben für die Kreditvergabe an die ESG-Faktoren koppeln. Bedeutet: Kann ein Betrieb die Einhaltung der Vorgaben heute noch nicht vorweisen, auch wenn keine Berichtspflicht vorliegt, vergibt die Bank meistens keine Finanzierungszusage. Der Betrieb muss dann alternative Finanzierungswege finden, dazu zählen Private Equity oder Debt Fonds mit anderen Investitionskriterien, wobei diese auch immer strenger auf die ESG-Vorgaben achten.

Und auch Sanierungen von Krisenunternehmen können dadurch erschwert werden. Der aktuelle Entwurf des IDW S6  („Anforderungen an Sanierungskonzepte“) weist ausdrücklich auf die Relevanz von ESG-Aspekten für die Beurteilung einer Sanierungsfähigkeit hin. Fehlen diese Perspektiven, wird die Sanierungsfähigkeit bzw. -würdigkeit nicht angenommen, was jedoch eine Grundvoraussetzung zur Finanzierung von Krisenunternehmen darstellt.

Distressed Due Diligence essentiell bei M&A-Deals

Angesichts der Herausforderungen für die energieintensiven Unternehmen, wird es zu Marktbereinigungen in Form von Distressed-M&A-Deals oder Schließungen kommen. Die Marktmacht einzelner Betriebe wird steigen, wenn nur noch wenige Unternehmen im Segment übrigbleiben. Bereits heute zeichnet sich zum Beispiel in der Gießereibranche eine Entwicklung in diese Richtung ab. Dabei ist eine Abwanderung dieser Industrien ins Ausland zu befürchten.

Wichtiger denn je werden somit für erfolgreiche Marktteilnehmer auch Übernahmen krisenbehafteter Unternehmen, um die eigene Marktposition zu sichern. Beim Erwerb solcher Unternehmen sind neben regulären Themen einer Due Diligence insbesondere „Distressed“-Aspekte zu beachten, um Risiken in dieser Sondersituation genau einschätzen und bewältigen zu können. Nur dann können solche Transaktionen erfolgreich sein.

Sanierungsexperte Ludwig Stern ist Partner der PLUTA Management GmbH. Der Diplom-Betriebswirt und Restrukturierungsmanager ist seit 2015 bei PLUTA in München im Geschäftsbereich Sanierung und Restrukturierung tätig.