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Kaufpreisfinanzierung bei Distressed M&A: Das Zünglein an der Waage

Wenn Banken sich bei der Finanzierung von Distressed M&A querstellen, sind objektbasierte Finanzierungen eine Alternative.
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Dank staatlicher Hilfsmaßnahmen entwickeln sich die Insolvenzzahlen noch moderat: Nach einem relativ starken zwischenzeitlichen Anstieg im März fielen die Zahlen im April 2021 wieder etwas, wie der Insolvenztrend des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle zeigt. Selbst nach der vollständigen Wiedereinführung der Insolvenzantragspflicht Anfang Mai blieb die befürchtete Insolvenzwelle bislang aus. Hilfen wie das Kurzarbeitergeld halten offensichtlich nach wie vor viele Betriebe über Wasser.

Dennoch steht eine ganze Reihe von Unternehmen nach einem Winterhalbjahr im Zeichen von Corona massiv unter Druck. Ein Notverkauf wird für manche in nächster Zeit wohl unumgänglich sein, zeigt auch die Deloitte Distressed-M&A-Studie 2021. Für das zweite Halbjahr geht der große Teil der Befragten von einer deutlichen Zunahme der Distressed-Verkäufe aus. 83 Prozent der 2.000 Umfrageteilnehmer aus Beratung, Finanzierung und Restrukturierung erwarten aufgrund von Corona mehr Distressed M&A. Kein Wunder: Für 94 Prozent der Experten ist Covid-19 dieser Tage das Hauptrisiko für die deutsche Wirtschaft.

Distressed M&A: die Auswahl zählt

Natürlich betrifft die aktuelle Wirtschaftsentwicklung nicht alle Bereiche gleich stark. Entsprechend sind auch bei den Distressed-Transaktionen manche Branchen stärker beeinträchtigt als andere. Die Befragten der Deloitte-Studie sehen Automobilindustrie, Handel, Textil- und Bekleidungsbranche sowie den Tourismus als „Krisenbranchen“ ganz besonders betroffen.

Käufer, die in notleidende Unternehmen investieren, müssen ihre Auswahl sorgfältig treffen. Sie erhoffen sich bei einer steigenden Zahl an Distressed-Fällen auch mehr potentielle Kaufobjekte mit gesundem Kern. Allerdings sind Experten zufolge derzeit auch viele Unternehmen am Markt, die bereits vor Corona mit strategischen und strukturellen Problemen zu kämpfen hatten. Aufgrund der Transformation vieler Branchen kommt auf die Investoren bei der Auswahl und Neuausrichtung von Distressed-Fällen eine anspruchsvolle Aufgabe zu.

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Distressed M&A

Die Coronakrise bringt einen Boom an Distressed M&A-Deals. Die wichtigsten Besonderheiten bei den Transaktionen und aktuelle Fälle gibt es hier im Überblick.

Distressed-Fall als Herausforderung für Investoren

Wer als strategischer Käufer ein Unternehmen mit Potential erkannt hat und dessen Arbeitsplätze, Know-how und Wirtschaftskraft durch eine Übernahme erhalten möchte, braucht zunächst einmal eine belastbare Transaktionsfinanzierung. Diese zu bekommen, könnte sich im aktuellen Umfeld jedoch als schwierig erweisen: Strategische Investoren stehen als Unternehmen aus verwandten oder verknüpften Branchen zumeist vor ähnlichen Herausforderungen wie ihre Targets. Freie Mittel und Eigenkapital benötigen viele zurzeit für den Erhalt des eigenen Geschäftsbetriebs.

Auch Banken werden die Hürden bei der Kreditvergabe wohl weiter anheben. Grund ist zum einen die Angst vor toxischen Darlehen, außerdem gelten strikte gesetzliche Regulierungen. Angespannte Branchen stehen bei vielen Geldhäusern bereits auf der roten Liste. Beim Kauf eines notleidenden Automobilzulieferers dürfte ein Investor beispielsweise Schwierigkeiten haben, ein Engagement einer Bank an Land zu ziehen.

An dieser Stelle können bankenunabhängige Finanzierungsoptionen wie Asset Based Finance eine Alternative sein. Bei diesen objektbasierten Ansätzen treten Faktoren wie Bonität oder Branchenzugehörigkeit in den Hintergrund. Für Modelle wie Sale-and-Lease-Back (SLB) oder Asset Based Credit zählen vor allem die werthaltigen Vermögensgegenstände eines Betriebes.

Finanzierung über gebrauchte Maschinen

Der Asset-basierte Finanzierungsansatz Sale-and-Lease-Back kann Unternehmen helfen, Liquidität durch eine reine Innenfinanzierung zu erzeugen. Dazu werden werthaltige, mobile und fungible Maschinen, Anlagen oder Fuhrparks an einen Finanzierer verkauft und umgehend wieder zurück geleast. Die Produktionsmittel sind ohne Unterbrechung nutzbar.

Mit SLB können Unternehmen stille Reserven heben und Liquidität für anstehende Distressed Deals freisetzen. Von der ersten Anfrage bis zur Auszahlung des Kaufpreises vergehen in der Regel nur wenige Wochen. Ein Investor muss zudem nicht zwingend sein eigenes Anlagevermögen nutzen – bei einer entsprechend strukturierten Zwischenfinanzierung kann er auch den Maschinenpark des Zielunternehmens für die Kaufpreisfinanzierung einsetzen.

„Ein Investor muss nicht zwingend sein eigenes Anlagevermögen nutzen.“

Bandbreite an Sicherheiten

Ein Baustein in der Distressed-M&A-Finanzierung kann auch der Ansatz Asset Based Credit sein. Bei diesem Spezialkredit können unterschiedliche Objekte aus dem Anlage- und Umlaufvermögen zur Besicherung dienen: von Maschinen und Fahrzeugen über Rohstoffe und das Handelswarenlager bis hin zu Sachwerten und Immobilien. Entscheidend für die Vergabe der kurz- bis mittelfristigen Darlehen sind bei diesem Modell die Werthaltigkeit und die Marktgängigkeit der zu besichernden Assets.

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Carl-Jan von der Goltz ist geschäftsführender Gesellschafter von Maturus Finance, einem Anbieter für objektbasierte Finanzierungslösungen.

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