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Transformation trotz Krise: Wie Unternehmen digital erwachsen werden

Viele Unternehmen haben bei der Digitalisierung noch einen weiten Weg vor sich. Die Coronakrise bietet die Chance auf einen Sprung nach vorn.
Alexander Limbach - stock.adobe.com

Unternehmen haben derzeit gleich mehrere Mammutaufgaben zu bewältigen: Neben den kräftezehrenden Marathon des digitalen Wandels tritt in der Coronavirus-Krise für viele ein brutaler Kampf ums nackte Überleben. Akute Ertrags- und Liquiditätsnöte erfordern eine knallharte Repriorisierung der Agenda.

Die zwischenzeitliche Hoffnung, Corona könnte als Katalysator die digitale Erweckung der deutschen Industrie beflügeln, war voreilig. Schließlich hinkt Deutschland nicht bei der Digitalisierung hinterher, weil es bislang zu wenige Videokonferenzen gab.

Vielmehr fehlt es vielerorts an strategischem Weitblick, unternehmerischem Mut und Konsequenz in der Umsetzung der Digitalisierung. Zukunftsfähige digitale Angebote und innovative Geschäftsmodelle zu schaffen ist mühsam und dauert lang. Und es kostet erst einmal viel Geld. Doch gerade das fehlt jetzt an allen Ecken und Enden. 

Zu wenig Geld für digitale Transformation?

Die meisten Unternehmen leiden derzeit unter erheblichen Umsatzeinbrüchen. Viele Investitionen wurden auf Eis gelegt, Kunden sind verunsichert und halten ihre knappen Budgets zusammen.

Zudem steigen vielerorts die operativen Kosten: Unternehmen müssen Teile der Produktion verlagern und Lieferketten neu konfigurieren. Der erneute Anstieg der Fallzahlen im Herbst dürfte für zusätzlichen Aufwand sorgen. 

Und auch die staatlichen Corona-Kredite sind für viele Unternehmen ein Pyrrhussieg: Als „unproduktive“ Schulden zur Verlustfinanzierung belasten die Zins- und Tilgungszahlungen auf diese Kredite für lange Zeit die Profitabilität und schnüren die ohnehin knappen Investitionsspielräume weiter ein.

Eine denkbar schlechte Ausgangssituation, um entschlossen in Plattformökonomie, digitale Ökosysteme oder breite Innovationsportfolios zu investieren, wenn von allen Seiten die Disruption droht. Also den Kopf gleich in den Sand stecken? Oder kann die Pandemie vielleicht sogar den Anstoß geben für einen Turnaround der digitalen Transformation in Deutschland? 

Schluss mit dem Digitalisierungstheater

Fakt ist: Etwa 70 Prozent aller Digitalisierungsinitiativen der zurückliegenden Jahre erreichten ihre Ziele nicht. Viel Geld wurde mit „Digitalisierungstheater“ verbrannt: Hackathons ohne ernsthafte Weiterverfolgung der entwickelten Ansätze, Innovation Labs im Entscheidungsvakuum, aktionistische Insellösungen ohne strategische Relevanz – „Bytewashing“ ist die Schwester des Greenwashing.

Oft lautete das traurige Fazit solcher Aktionen: tolle PR, viel Show, jedoch kaum ökonomischer Mehrwert. Das Gute am „New Normal“: Solche reinen Show-Aktionen sind unbezahlbar geworden, knappe Budgets zwingen zu einer harten Priorisierung.

Auch die Kundenanforderungen haben sich in vielen Branchen fundamental gewandelt. Vieles basiert auf dem Konzept der „low touch economy“ – einer Wirtschaft, in der direkte Nahkontakte und Interaktionen stark begrenzt sind. Auch Modelle, in denen Hersteller sich per Fernzugriff auf Maschinen aufschalten – für viele Kunden noch vor wenigen Monaten undenkbar – sind inzwischen etabliert.

Zudem hat sich die Wettbewerbslandschaft in vielen Branchen verändert: Vormals aggressive Start-ups straucheln, während die starken Player auf Shoppingtour gehen. Vielfach können sie Experten, Teams, Technologien oder ganze Unternehmen günstig übernehmen.

So können Unternehmen Chancen nutzen

Die Pandemie bietet trotz aller Widrigkeiten enorme Chancen für einen digitalen Entwicklungssprung nach vorn, der vor kurzem noch undenkbar schien. Vier konkrete Praxisempfehlungen können helfen, das Potential wirksam zu nutzen:

Tipp 1: die Digitalstrategie neu justieren – oder überhaupt erst einmal erarbeiten. Eine fundierte Digitalstrategie ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren für die digitale Transformation. Sie sorgt dafür, dass die Digitalagenda mit der Unternehmensstrategie im Einklang ist, gibt die Richtung vor, setzt Prioritäten und verleiht den Verantwortlichen die nötige Legitimation innerhalb der Organisation, um Veränderungen anzustoßen.

Die Digitalstrategie sollte die neue Wettbewerbs-, Kunden- und Unternehmenssituation differenziert berücksichtigen und auf den Stärken des Unternehmens aufbauen.

Tipp 2: digitale Liquiditäts-, Vertriebs- und Effizienzmaßnahmen priorisieren. Gerade im Mittelstand liegt häufig erhebliches Potentiale in der Marketing- und Vertriebsdigitalisierung brach. Ein Verkauf über Marktplätze oder eigene Onlineshops findet kaum professionell statt, das Einkaufserlebnis gleicht bisweilen eher einem Hindernislauf. 

Auch die Automatisierung von Produktions-, Logistik- oder Verwaltungsprozessen steckt oft noch in den Kinderschuhen. Eine systematische Übersicht aller Digitalisierungsmöglichkeiten mit Amortisationszeiten, Umsetzungsdauer und finanziellen Effekten hilft, die Prioritäten richtig zu setzen.

„Eine systematische Übersicht hilft, die Prioritäten richtig zu setzen.“

Tipp 3: Analytics und künstliche Intelligenz nutzen. KI-Anwendungen sind keine Zukunftsmusik – einige Use Cases amortisieren sich sogar schon nach kurzer Zeit, beispielsweise in der Pricing-Optimierung. Auch die Nutzung einfacher Big-Data-Tools, etwa zur Durchforstung riesiger Datenmengen, kann in Bereichen wie der Working-Capital-Optimierung erhebliches Potential erschließen.

Tipp 4: Zukunftsfähigkeit sicherstellen. Bei aller Dringlichkeit des kurzfristigen Überlebens sollten Manager das gesamte Geschäftsmodell einem sorgfältigen digitalen Reifecheck unterziehen. Auch Geldgeber fordern dies immer häufiger. Sie wollen keine kurzfristigen Verbesserungen finanzieren, wenn das Unternehmen aufgrund disruptiver Technologien dann in wenigen Jahren vom Markt zu verschwinden droht.

Unternehmen müssen die Balance finden zwischen einem effizienten Kerngeschäft und Investitionen in ein ausreichend großes Innovationsportfolio.

Von der Transformation zur Performance

Covid-19 sollte keinesfalls pauschal als „Durchbruch für die digitale Transformation“ missverstanden werden. Doch klug agierende Unternehmen und strategisch denkende Investoren können jetzt zahlreiche Chancen nutzen, um sich an die digitale Pole-Position ihrer Branche zu katapultieren. Die digitale Transformation wird erwachsen. Sie muss sich jetzt zur digitalen Performance weiterentwickeln und echten Mehrwert liefern.

Info

Jan Rodig verantwortet das Kompetenzfeld Digital Performance bei der Unternehmensberatung Struktur Management Partner.

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