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Borgers geht an Schweizer Automobilzulieferer

Borgers wird an Autoneum verkauft
Der insolvente Automobilzulieferer Borgers wird an Autoneum verkauft. Foto: Borgers

Rettung für Borgers und seine rund 4.500 Mitarbeiter: Der insolvente Automobilzulieferer wird für 117 Millionen Euro an den schweizerischen Konkurrenten Autoneum verkauft. Das teilten beide Unternehmen mit.

Autoneum übernimmt die Vermögenswerte der Borgers-Gesellschaften in Deutschland sowie die Anteile an den Tochtergesellschaften in Frankreich, Polen, Schweden, Spanien, Tschechien, dem Vereinigten Königreich sowie den Vereinigten Staaten. Der größte Teil des Verkaufserlöses dürfte an die Gläubigerbanken um die Commerzbank gehen.

Kapitalerhöhung finanziert Borgers-Kauf

Das in Winterthur ansässige Unternehmen Autoneum finanziert den Kauf zunächst über eine neue Kreditlinie, die zusätzlich zu dem im Oktober 2022 erneuerten Syndikatskredit in Höhe von 350 Millionen Schweizer Franken zur Verfügung steht. Langfristig soll die Übernahme mit einer Kapitalerhöhung von 100 Millionen Schweizer Franken finanziert werden. Autoneums Großaktionäre Artemis und PCS haben dem schon zugestimmt.

Das Bocholter Traditionsunternehmen Borgers hatte nach einigen Krisenjahren und missglückten Restrukturierungsversuchen im Oktober 2022 für die Borgers SE & Co. KGaA, die Borgers Management SE, die Johann Borgers GmbH, die Johann Borgers Berlin GmbH sowie die Borgers Süd GmbH schließlich Insolvenz angemeldet.

„Nach den Insolvenzanträgen haben wir neben der sehr anspruchsvollen Organisation der abrissfreien Betriebsfortführung auf allen Ebenen die Fortführungslösung für die gesamte Gruppe mit rund 4.500 Arbeitsplätzen dynamisch vorangetrieben“, sagt Insolvenzverwalter Frank Kebekus von der Kanzlei Kebekus Et Zimmermann.

Autoneum und Borgers ergänzen sich

Die Produktpaletten der beiden Automobilzulieferer dürften gut zueinander passen. Borgers fertigt textile Innenausstattungen, Autoneum ist auf das Akustik- und Wärmemanagement spezialisiert. „Die Technologien und Produktportfolios ergänzen sich in idealer Weise“, lässt sich Autoneum-CEO Matthias Holzammer in beiden Mitteilungen zitieren.

Borgers soll in die bestehende globale Produktentwicklungs- und Kundenstrategie von Autoneum integriert werden. „Wir sehen den Standort Bocholt als technisches Kompetenzzentrum für die Produktlösungen Radlaufschalen, Kofferraumsysteme sowie für die Produkt- und Prozessentwicklung von textilen Trägermaterialien auf Basis der Nadelvliestechnologie“, so Holzammer weiter.

Preiserhöhungen für Borgers Kunden erwartet

Für den aus Deutschland stammende Holzammer dürfte es die letzte größere Transaktion als CEO von Autoneum gewesen sein. Er wird das Unternehmen Ende März aus familiären Gründen verlassen. Der 57-jährige Manager ist seit 2019 CEO von Autoneum, zuvor leitete er das Europageschäft. Auf ihn wird Eelco Spoelder folgen, der zurzeit noch das Autositz-Geschäft des französischen Autozulieferers Faurecia leitet.

Die zum Kundenstamm von Borgers gehörenden Automobilhersteller müssen sich auf höhere Preise einstellen. Wie Autoneum mitteilt, habe man Borgers Kunden „neue Preisstellungen und Lieferbedingungen angekündigt. Diese stellen sowohl kurz- als auch langfristig eine nachhaltige Profitabilität und die Weiterentwicklung von Produkt- und Prozesstechnologien sicher“.

Eine nachhaltige Profitabilität würde auch Autoneum nicht schaden. Das Unternehmen schwächelt seit einigen Jahren. Neben den Lieferschwierigkeiten von Elektronikchips sowie infolge des russischen Angriffskriegs deutlich gestiegene Kosten für Materialien, Energie und Transportdienstleistungen, die der gesamten Automobilindustrie zusetzen, ist es vor allem das schwächelnde Nordamerikageschäft, das Umsatz und Ertrag belastet.

Autoneums Profitabilität unter Druck

Seit 2019 sind sowohl Umsatz als auch Ertrag unter Druck. Erwirtschaftete Autoneum 2019 noch rund 2,3 Milliarden Schweizer Franken, waren es 2020 mit rund 1,7 Milliarden Euro fast 25 Prozent weniger. Im ersten Halbjahr 2021 sank der Umsatz noch einmal leicht um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das Konzernergebnis rutschte mit fast 13 Millionen Schweizer Franken in die Verlustzone, nachdem es im ersten Halbjahr 2020 noch rund 25 Millionen Schweizer Franken betragen hatte.

Die Borgers-Unternehmensgruppe erwirtschaftete ohne die bereits im Sommer 2022 verkaufte Maschinenbausparte im Geschäftsjahr 2022 nach vorläufigen Berechnungen voraussichtlich einen Jahresumsatz von rund 710 Millionen Euro. Der letzte im Bundesanzeiger einsehbare Jahresabschluss aus dem Jahr 2020 wies Verbindlichkeiten in Höhe von 182 Millionen Euro auf.

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.