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Restrukturierungs-News: Tricontes360, Flughafen Frankfurt-Hahn, Windeln.de

Der Callcenterbetreiber Tricontes360 mit rund 2.400 Beschäftigten ist insolvent. Foto: .shock - stock.adobe.com

Ströer-Beteiligung Tricontes360 ist insolvent

Der Callcenter-Betreiber Tricontes360 ist insolvent. Das Unternehmen mit rund 2.400 Beschäftigten meldete Anfang vergangener Woche Insolvenz an. Tricontes360 betreibt in Deutschland 13 Standorte, Sitz der Holding des Unternehmens ist Hamburg. Ausländische Töchter des Telekommunikationsunternehmen sind aber bisher nicht betroffen.

Warum es zur Insolvenzanmeldung kam, ist nicht bekannt. Geschäftszahlen liegen aktuell nur bis zum Jahr 2021 vor, damals ging es dem Unternehmen wirtschaftlich gut. Der Tricontes360-Konzern konnte einen Umsatz von rund 106 Millionen Euro ausweisen, ein Plus von knapp 21 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr. Der Jahresüberschuss lag bei rund 15 Millionen Euro.

Tricontes360 ging 2020 aus dem Zusammenschluss der Tricontes-Gruppe und der ehemaligen D+S360-Gruppe hervor. Das Unternehmen D+S wiederum wurde 2018 durch den börsennotierten Werbekonzern Ströer übernommen, Ströer ist auch heute Hauptgesellschafter von Tricontes360. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter im nun laufenden Verfahren wurde Tjark Thies (Reimer Rechtsanwälte) bestellt, der Gesellschafter Ströer wird von der Kanzlei Görg beraten. Die Kanzlei Kanzlei Möhrle Happ Luther berät Tricontes360.

Große Konfusion um Flughafen Frankfurt-Hahn

Vor gut einem Jahr wurde das Insolvenzverfahren um den Flughafen Frankfurt-Hahn eröffnet, der Flughafen in Rheinland-Pfalz hatte im Oktober 2021 Insolvenz angemeldet. Eigentlich schien eine Lösung für den Flughafen gefunden zu sein, das russische Unternehmen NR Holding hatte den Zuschlag bekommen und die Kaufsumme bereits überwiesen.

Die Sache ist jedoch komplex: Mit der Mainzer Immobilien-Firmengruppe Richter gibt es seit kurzem einen zweiten Interessenten, der kurioserweise ebenfalls einen Kaufvertrag unterschrieben und das Geld ebenfalls bereits an den Verkäufer überwiesen hat. Der zweite Kaufvertrag mit dem zweiten Bieter hat Insolvenzverwalter Jan Markus Plathner (Brinkmann & Partner) „für den Fall aufgestellt, dass im ersten Vertrag gesetzte Bedingungen nicht eintreten“.

Den Vortritt hätte eigentlich die russische NR Holding gehabt, da das Unternehmen, hinter dem der russische Oligarch Viktor Charitonin steht, mehr gezahlt hat – laut Dpa rund 20 Millionen Euro. Das Land Hessen, das mit einem Minderheitsanteil am Flughafen beteilig ist, hat sich aber gegen einen Verkauf an den russischen Investor positioniert: „Wir bitten die Bundesregierung, all ihre Möglichkeiten auszuloten, diesen Verkauf zu verhindern“, teilte das Ministerium in Wiesbaden mit. Zudem ist offen, ob der Flughafen Hahn als kritische Infrastruktur einzustufen ist. Dies prüft das Bundeswirtschaftsministerium aktuell.

Am vergangenen Montag gab die NR Holding dann bekannt, dass sie nur noch eine Beteiligung an dem Flughafen von unter 25 Prozent anstrebt. „Damit läge der Anteil der NR Holding AG unter der Sperrminorität und sie hätte kein Vetorecht oder Einfluss auf die operative Geschäftsführung“, teilte der Investor mit.

Endgültiges Aus für Windeln.de

Windeln.de steht vor dem endgültigen Aus. Der Online-Windeln-Versandhändler, dessen Aktie 2021 noch einen Gamestop-artigen Hype auslöste, wird abgewickelt. Das teilte der Insolvenzverwalter Ivo-Meinert Willrodt (Pluta) Ende Januar mit. Man habe keinen Investor für das Unternehmen, das im Oktober vergangenen Jahres Insolvenz angemeldet hatte, finden können.

„Eine dauerhafte Fortführung des Geschäftsbetriebes ist ohne Investor nicht möglich. In den kommenden Wochen und Monaten ist noch ein Abverkauf geplant. Anschließend wird der Betrieb stillgelegt werden müssen“, so Willrodt in einer Mitteilung.

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

A.W. Niedemeyer, ein Verkäufer von Boots- und Yachtzubehör, befindet sich im vorläufigen Insolvenzverfahren. Grund für die Insolvenz des Traditionsunternehmens seien Lieferengpässe bei Artikeln, eine Kaufzurückhaltung bei Kunden und steigende Kosten. Als vorläufiger Insolvenzverwalter ist Stefan Denkhaus (BRL) bestellt.

Das mittelständische Unternehmen Metallbau Korsche, das im Aluminium- und Kunststoffbau tätig ist, ist insolvent. Grund für die Insolvenz seien Zahlungsverzögerungen bei Projekten und Aufträgen. Die dadurch entstandene Liquiditätslücke habe zusammen mit den zuletzt stark gestiegenen Kosten für Energie und Materialien zur finanziellen Schieflage des Unternehmens geführt, teilte die mit dem Insolvenzverfahren beauftragte Kanzlei Schultze & Braun mit. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist Volker Böhm. Laut Böhm hat „der Insolvenzantrag für die Kunden von Korsche keine Auswirkungen. Beratung, Fertigung und Montage laufen in der Sanierung vollumfänglich weiter.“

Der Messgerätehersteller Stotz Feinmesstechnik befindet sich in Insolvenz in Eigenverwaltung. Der Grund für die Antragstellung seien erhebliche Umsatzrückgänge und Verluste des Unternehmens, hinzu kämen Lieferprobleme bei einigen Materialien und die anhaltend hohen Rohstoffpreise. Restrukturierungsexperte Steffen Beck (Pluta) unterstütz die Stotz-Geschäftsführung als Chief Restructuring Officer (CRO). Zum vorläufigen Sachwalter ist Dietmar Haffa (Schultze & Braun) bestellt.

Das Insolvenzverfahren um den Bauprojekteentwickler Fakt.ag ist am 1. Februar eröffnet worden. Das Immobilienunternehmen hatte im Dezember für sechs Tochtergesellschaften Insolvenz angemeldet, mittlerweile läuft das Insolvenzverfahren für neun Töchter der Gruppe. Mit der Eröffnung des Verfahrens wird der Geschäftsbetrieb der Fakt-Gruppe stillgelegt und abgewickelt, die Beschäftigten werden entlassen. Die Immobilien der Fakt-Gruppe werden unter Aufsicht des vorläufigen Insolvenzverwalters Gregor Bräuer (Hww) weiter bewirtschaftet, um deren Wert zu erhalten und bestenfalls zu steigern. Bräuer hat in Abstimmung mit den betroffenen Grundpfandrechtsgläubigern entsprechende Strukturen geschaffen. Ebenfalls insolvent ist das mit der Fakt-Gruppe in Verbindung stehende Unternehmen Agriculture Park.

Das Agrarunternehmen Salmet hat wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Salmet habe seit Anfang 2020 massive Umsatzeinbrüche verzeichnet. Ziel der Eigenverwaltung sei der Einstieg eines Investors, erste Gespräche verliefen „ermutigend“. Als vorläufige Sachwalterin ist Julia Kappel-Gnirs (Hww) bestellt.

Distressed M&A-Deals

Die Industrieholding Max Valier übernimmt den insolventen Automobilzulieferer ETM im Rahmen einer übertragenden Sanierung. Ein Großteil der 340 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter soll weiter beschäftigt werden. Laut Insolvenzverwalter Rolf Rombach (Rombach Rechtsanwälte) konnte der Geschäftsbetrieb von ETM stabilisiert werden. Der Käufer Max Valier, eine auf Engineering- und Industrieunternehmen spezialisierte Industrieholding, plant weitere Investitionen am ETM-Standort Saalburg-Ebersdorf in Thüringen. ETM hatte im Oktober 2021 Insolvenz anmelden müssen.

Alles zum Thema

Distressed M&A

Die Coronakrise bringt einen Boom an Distressed M&A-Deals. Die wichtigsten Besonderheiten bei den Transaktionen und aktuelle Fälle gibt es hier im Überblick.

Der Finanzinvestor SOL Capital Management hat die Maschinenbauunternehmen Polar Mohr und Adolf Mohr übernommen. Die Schneidemaschinenhersteller befanden sich zuvor in einem Schutzschirmverfahren, das sie im August 2022 aufgrund von Lieferengpässen beantragt hatten. Der Kauf durch den Investor erfolgt nun im Rahmen eines kombinierten Share- und Asset-Deals. Mit dem Kauf ist das Schutzschirmverfahren beendet, alle 300 Beschäftigte werden übernommen. Das aus der Übernahme hervorgegangene Unternehmen firmiert nun unter dem Namen Polar Cutting Technologies. Im Vorfeld der Einigung mit dem Investor SOL Capital hatte die Polar-Gruppe ihr 50.000 Quadratmeter großes Werksgelände in Hofheim verkauft. Die Gruppe will ein neues Werk errichten, das „heutigen Produktionsanforderungen“ entsprechen soll.  SOL Capital wurde bei dem Distressed-Deal von der Kanzlei Görg beraten.

Beendete Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Das Spremberger Krankenhaus wird in den Besitz der lokalen Kommune zurückgeführt. Die Gläubigerversammlung hatte dem Insolvenzplan Anfang Februar zugestimmt. Mit der nun verabschiedeten Lösung liegen ab sofort 80 Prozent der Gesellschaftsanteile bei der Stadt Spremberg/Grodk, 20 Prozent der Anteile bleiben beim Förderverein Krankenhaus Spremberg. Teil des Sanierungskonzepts ist zudem, dass die Stadt Spremberg den Klinikbetrieb für die kommenden zwei Jahre finanziert. Zuvor war das Hospital laut dem „Rbb“ deutschlandweit das einzige Krankenhaus, das mehrheitlich von den Mitarbeitern über einen Förderverein geführt wurde. Die Stadt hatte bisher 49 Prozent der Anteile gehalten. Das Krankenhaus befand sich seit September 2022 in einem Schutzschirmverfahren. Als Generalbevollmächtigter agierte Mark Boddenberg (Eckert), Sachwalter war Torsten Martini (Görg).

Die Insolvenz in Eigenverwaltung des Einzelhandelsunternehmens Reformhaus Bacher ist beendet. Teil der Restrukturierung war die Schließung von zehn defizitären der bundesweit ehemals 100 Filialen der Gruppe, rund 550 Arbeitsplätze bleiben erhalten. Weitere Sanierungsschritte umfassten Maßnahmen zur Kostensenkung, Neuverhandlungen von Mietverhältnissen, die Stärkung des Online-Geschäfts sowie die Reorganisation der bestehenden Gesellschaftsstruktur. Zudem ist ein Konsortium von Investoren in die Reformhaus-Bacher-Gruppe eingestiegen. Der Insolvenzplan war von den Gläubigern einstimmig angenommen worden. Das Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf hatte im vergangenen Juli Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Im Verfahren wurde die Reformhaus-Bacher-Geschäftsführung von der Kanzlei ATN d’Avoine Teubler Neu beraten, finanzwirtschaftlich wurde das Unternehmen von Anchor unterstützt. Als Sachwalter agierte Dirk Andres (Andrespartner).

Weitere Restrukturierungen und Branchen-News

Im Schutzschirmverfahren der Kaufhauskette Galeria Karstadt Kaufhof gibt es eine Einigung zwischen Unternehmensleitung und Beschäftigten. Das Galeria-Management und der Gesamtbetriebsrat haben sich auf einen Interessensausgleich sowie auf einen Sozialplan verständigt. Die nun erzielte arbeitsrechtliche Grundsatzeinigung für alle rund 17.000 Beschäftigten des Unternehmens ist eine Voraussetzung dafür, dass der Insolvenzplan, der am 1. Februar 2023 bei dem zuständigen Amtsgericht eingereicht wurde, umgesetzt werden kann. Laut der Kanzlei Seitz, die Galeria berät, sollen damit deutlich weniger Filialen geschlossen werden. Der Galeria-Betriebsrat wurde von der Kanzlei BBL beraten.

Zudem haben am vergangenen Freitag die Tarifgespräche zwischen Galeria und der Gewerkschaft Verdi begonnen. In der ersten Runde hat es keine Einigung gegeben: Man habe die Verdi-Forderungen zur Kenntnis genommen, teilte das Unternehmen seinen Beschäftigten mit. Sie seien aber nach einer ersten Bewertung nicht mit dem Insolvenzplan in Einklang zu bringen. Die Gespräche sollen am 22. Februar 2023 fortgesetzt werden.

Der Verkaufsprozess für die Prophete-Gruppe entwickelt sich laut Insolvenzverwalter Manuel Sack (Brinkmann & Partner) positiv. Es lägen mehr als zehn indikative Angebote aus dem In- und Ausland für den Fahrradhersteller vor. Die Übernahme des Geschäftsbetriebs durch einen neuen Investor soll zum 1. März 2023 erfolgen. Die Prophete-Gruppe hatte im Dezember vergangenen Jahres Insolvenzantrag gestellt.

Roland Berger hat das Team der Münchener Management-Beratung Candidus übernommen. Damit will der Restrukturierungsspezialist den Geschäftsbereich Restructuring, Performance & Transaction in der DACH-Region weiter ausbauen.

Info

Paul Siethoff ist Redakteur bei Finance und schreibt vorrangig über Transformations-Themen. Er hat Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Erfurt und in Mainz studiert. Vor seiner Zeit bei FINANCE schrieb Paul Siethoff frei für die Frankfurter Rundschau für die Ressorts Wirtschaft und Politik.