Verstrahlte Bilanzen: Den deutschen Atomkonzernen droht der finanzielle Super-GAU.

Jiri Kabele/Thinkstock/Getty Images

16.09.15
Wirtschaft

Deutschen Stromriesen droht der Bilanz-GAU

Die Stromriesen E.on, RWE, EnBW und Vattenfall müssen ihre Atomrückstellungen womöglich um bis zu 30 Milliarden Euro aufstocken. Für ihre Bilanzen wäre das verheerend. Die Investoren ergreifen die Flucht.

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Die drei deutschen Stromriesen E.on, RWE, EnBW sowie die deutsche Tochter des schwedischen Vattenfall-Konzerns stehen vor einer existenziellen Krise, sollten sich ihre Atomrückstellungen tatsächlich als unzureichend herausstellen. Presseberichten zufolge hat ein bisher unveröffentlichtes Gutachten der WP-Gesellschaft Warth & Klein Grant Thornton ergeben, dass die Atomrückstellungen der Konzerne um bis zu 30 Milliarden Euro zu niedrig sind.

Der Grund dafür liegt in den Abzinsungsfaktoren. Während die Konzerne dem Vernehmen nach – die genauen Zahlen sind nicht öffentlich bekannt – bei der Berechnung ihrer Rückstellungen einen Diskontierungssatz zu Grunde legen, der auf einem Durchschnittszins der vergangenen 25 Jahre basiert, hat Warth & Klein sich an den aktuellen Abzinsungsfaktoren für die Berechnung von Pensionsrückstellungen orientiert, die 2 bis 3 Prozent betragen. Der Unterschied zwischen beiden Diskontraten dürften rund 200 Basispunkte betragen. Weil die Zeiträume sehr lang sind, in denen die Kosten für die Entsorgung des Atommülls und der abgeschalteten Meiler anfallen, fällt dies stark ins Gewicht.

Droht RWE die Ausradierung des Eigenkapitals?

Geringere Diskontierungssätze wären Sprengstoff für die ohnehin schon angeschlagenen Bilanzen der Stromkonzerne. E.on wies zuletzt ein Eigenkapital von 28,8 Milliarden Euro aus. Die Neuberechnung der Atomrückstellungen soll bei dem Dax-Konzern eine Lücke von 9 bis 12 Milliarden Euro ausgemacht haben. Zudem hat E.on in der vergangenen Woche angekündigt, wegen der gesunkenen Strom- und Ölpreise eine Sonderwertberichtigung „im hohen einstelligen Milliardenbereich“ verbuchen zu müssen. Beide Posten addiert, könnte sich E.ons Eigenkapitalpolster auf 10 Milliarden Euro oder sogar noch weniger dritteln. Die Eigenkapitalquote läge dann unter 10 Prozent.

Noch größeres Ungemach droht RWE-CFO Bernhard Günther. Von den aktuell bilanzierten 13,9 Milliarden Euro Eigenkapital entfallen 2,7 Milliarden Euro auf Hybridanleihen, die nicht als hartes Eigenkapital angesehen werden können. Zieht man von dem harten Eigenkapital die kolportierten drohenden zusätzlichen Atomrückstellungen von 7,5 bis 10 Milliarden Euro ab, stünde RWE im schlimmsten Fall beinahe die komplette Auslöschung des Eigenkapitals bevor – zumal sich auch bei RWE möglicherweise noch Abschreibungsbedarf im konventionellen Strombereich ergeben wird.

EnBW verfügt aktuell über ein Eigenkapital von 5,3 Milliarden Euro bei einer Bilanzsumme von 81 Milliarden Euro. Auch die Karlsruher waren und sind eine Größe im deutschen Atomenergiegeschäft. Stimmen die in der Presse kursierenden Schätzungen, könnten auf EnBW zusätzliche Rückstellungen im mittleren einstelligen Milliardenbereich zukommen. Damit stünde auch EnBW-CFO Thomas Kusterer vor einem erheblichen Bilanzproblem.

Die Investoren nehmen Reißaus

Die Kursbewegungen am Kapitalmarkt zeigen, dass auch die Geldgeber der Konzerne nervös werden. Die E.on-Aktie hat seit Mitte vergangener Woche rund 20 Prozent eingebüßt und steht nur noch bei 8 Euro, fast 40 Prozent niedriger als Mitte Juli. Die RWE-Aktie hat fast genauso schlecht abgeschnitten, der Börsenwert des einstigen Vorzeigekonzerns beträgt nur noch 7 Milliarden Euro. Damit droht RWE mittelfristig der Abstieg aus dem Dax. Der Großaktionär Blackrock hat in den vergangenen Wochen seinen gesamten RWE-Anteil von mehr als 5 Prozent auf den Markt geworfen.

Auch die Bonds von E.on und RWE mussten Federn lassen, sie notieren aber immer noch bei über 100 Prozent. Die Kurse der Hybridanleihen von RWE hingegen sind auf Kurse zwischen 75 und 85 Prozent abgestürzt. Bei EnBW zeigt sich das gleiche Bild: Die Senior-Bonds haben ihre Kurshochs längst hinter sich gelassen und nähern sich von oben der 100-Prozent-Marke. Der voriges Jahr aufgelegte EnBW-Hybrid mit einem Volumen von 1 Milliarde Euro hat Ende August den Nennwert durchbrochen und notiert heute bei weniger als 96 Prozent des Ausgabekurses. Alle Chartbilder im Aktien- wie im Bondbereich sind angeschlagen.

Die Konzerne versuchen die Panik unter ihren Investoren einzudämmen. „Unsere Rückstellungen sind sachgerecht und angemessen bilanziert“, erklärt ein E.on-Sprecher. Die von Warth & Klein dem Vernehmen nach angenommene negative Realverzinsung halten die Konzerne für übertrieben konservativ. „Der Entwurf enthält offenbar ein Szenario, das zu einer nicht realistischen Rückstellungssumme kommt“, kritisiert E.on.

Noch ist für E.on, RWE und EnBW nicht alles verloren

Offiziell vorgelegt werden soll das Gutachten zu den Atomrückstellungen im Herbst, das genaue Datum ist noch nicht bekannt. Gleichwohl ist noch völlig offen, ob die Politik daraus Konsequenzen zieht und die Konzerne tatsächlich anweist, ihre Abzinsungsfaktoren zu senken. Dies könnte die Konzerne in die Pleite treiben, woran Berlin kein Interesse haben dürfte.

Zudem ist unklar, ob die Konzerne tatsächlich für alle Folgekosten der Atomstromerzeugung aufkommen müssen. Zumindest bei der angestrebten Suche nach einem neuen Endlager ist das umstritten. Die Politik hatte den weitgehend abgeschlossenen Plan, ein Endlager im niedersächsischen Gorleben zu errichten, vor ein paar Jahren fallengelassen und die Suche nach einem neuen Standort angekündigt. Die Konzerne hatten dies hart kritisiert.

Und auch die Abzinsungsfaktoren selbst könnten die Zwangslage der Konzerne auf mittlere Sicht lindern. Steigen die Kapitalmarktzinsen, steigen auch die Diskontraten. Der mächtige Hebel auf die Bilanzqualität, der im augenblicklichen Worst-Case-Szenario so vehement nach unten wirkt, würde die Konzerne in einem veränderten Zinsumfeld auch um Milliardensummen entlasten. Doch ob sie alle bis dahin durchhalten, ist so ungewiss wie nie zuvor.      

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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