Die deutsche Industrie wehrt sich gegen den Verlust von Privilegien im Zuge der Energiewende, doch Großvebraucher profitieren dank sinkender Börsenpreise von Erneuerbaren Energien.

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01.10.12
Wirtschaft

Die Industrie profitiert von der Energiewende

Die deutsche Industrie wehrt sich mit Händen, Füßen und Drohungen vor einer industriellen Erosion dagegen, ihre Privilegien zu verlieren. Dabei profitieren die Großverbraucher aufgrund sinkender Börsenstrompreise von der Börsenvermarktung Erneuerbarer Energien. FINANCE hat die wichtigsten Fragen für CFOs zusammengestellt.

Wer kann an der Börse handeln?

Die EEX nennt als Voraussetzung, dass registrierte Unternehmen mit einer Clearingstelle arbeiten. Die EEX bietet dies selbst an. An der EEX sind Stadtwerke, Banken, Energiehändler und Unternehmen aktiv.

Diese müssen wie Börsenakteure eine Börsenhändlerprüfung nachweisen und den Handel mit Eigenkapital unterlegen. Der für die Voraussetzungen erforderliche Aufwand führt dazu, dass Unternehmen nicht direkt, sondern über Broker handeln. Dies gilt selbst für Großkunden, die wie etwa HeidelbergCement ihren gesamten Strombedarf für Deutschland an der Börse decken.

Wie entwickelt sich der Stromhandel an der Börse?

Der Trend geht vom längerfristigen Geschäft (Terminmarkt) zum eher kurzfristigen Geschäft (Spotmarkt). Für den ultrakurzfristigen Handel gibt es sogar ein Intraday-Segment, in dem bis 45 Minuten vor Lieferung gekauft werden kann. Am Spotmarkt hingegen wird jeden Mittag Strom für den Folgetag in Auktionen versteigert.

Am Terminmarkt wurden 2011 1.000 Terawattstunden gehandelt, am Spotmarkt über 300 Terawattstunden. Während das Handelsvolumen am Terminmarkt zwischen 2006 und 2011 schwankte, aber weitgehend konstant blieb, wuchs der Spotmarkt um mehr als 350 Prozent. „Es ist ein klarer Trend zu kürzerfristigen Verträgen erkennbar“, bestätigt eine Sprecherin der EEX zu FINANCE. Auch Terminkontrakte würden immer häufiger als Wochenfutures gehandelt.

Industriekunden und CFOs wiederum würden nie das Risiko einer reinen  Spotmarktversorgung eingehen und wollen den Strompreis langfristig planen. Am Terminmarkt werden Grund- und Spitzenlasten eingekauft, am Spotmarkt Restmengen, die kurzfristig zu planen sind. Dennoch prägt der Spotmarktpreis den Terminmarktpreis: „Der Terminmarktpreis für 2013 ist schließlich nichts anderes als die Erwartung des mittleren Spotmarktpreises des Jahres 2013“, sagt Strompreisexperte Tobias Federico vom Analysehaus Energybrainpool zu FINANCE.

Wie wirken sich die Börsenpreise auf die Stromkosten von Unternehmen aus?

Am Spotmarkt der EEX werden rund 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms gehandelt. Die Erneuerbaren Energien wiederum liefern wiederum ca. 20 Prozent des deutschen Stromverbrauchs und sind laut Gesetz (EEG) über die Börse abzuwickeln. „An manchen Tagen sind bis zu 50 Prozent des am Spotmarkt gehandelten Stroms Erneuerbare Energien“, sagt Analyst Federico.

Das Besondere bei Erneuerbaren: „Weil Wind und Sonne kein Geld kosten, ffallen keine variablen Brennstoffkosten wie im konventionellen Sektor an“, erklärt Norbert Allnoch vom IWR-Institut für Erneuerbare Energien. Zudem stiegen durch die Regenerativen Energien die eingespeisten Strommengen bei mehr oder minder konstanter Nachfrage.

Dadurch sind die Preise seit 2008 von 80 Euro pro Megawattstunde auf derzeit rund 47 Euro stark gesunken. Zwar kauft ein Großteil der Unternehmen den Strom nicht an der Börse, sondern schließt bilaterale Verträge mit den Stromversorgern ab, so Allnoch. „Die Börsenpreise haben aber Signalwirkung für diese bilateralen Verträge“ und bilden  inklusive eines leichten Aufschlags auch die Grundlage der in Verträgen ausgehandelten Preise zwischen Versorgern und Großkunden.

Welche Rolle spielen Erneuerbare Energien?

Die Höhe der EEG-Umlage bemisst sich an der Differenz zwischen der Einspeisevergütung einer Kilowattstunde Grünstrom und dem für diesen Strom an der Börse erzielbaren Preis.

An der Börse senken die Erneuerbaren Energien die Spotmarktpreise seit Längerem, wodurch die EEG-Umlage bei konstanter Einspeisevergütung steigt. Dadurch zahlen Endverbraucher und nicht von der EEG-Umlage befreite Unternehmen  genauso viel für ihren Strom wie zuvor und profitieren nicht von den gesunkenen Börsenstrompreisen. Aktuell verbrauchen die Energieintensiven Industrien Stahl, Chemie und Papier 18 Prozent der gesamten Strommenge in Deutschland. Ihr Beitrag zur Refinanzierung indes liegt laut einem Evaluierungsbericht der Bundesnetzagentur zufolge bei nur 0,3 Prozent. Wenn alle umlagepflichtigen Verbraucher gleichberechtigt beteiligt würden, könnte die Umlage um über 0,7 Cent je Kilowattstunde niedriger liegen.

Wie profitiert die Industrie?

Die energieintensive Industrie profitiert zweifach. Zunächst dadurch, dass immer mehr Strom über die Börse (Spot- & Terminmarkt) eingekauft wird, dessen Kosten durch die niedrigen Grenzkosten Erneuerbaren Energien immer weiter sinken. Andererseits dadurch, dass sie die dafür anfallenden Umlagekosten nicht tragen müssen. Durch die EEG-Novelle 2012 sinkt die Mindestschwelle, ab der Unternehmen von der EEG-Umlage befreit werden, zum Jahreswechsel 2012/2013 von 10 GWh auf 1 GWh Stromverbrauch pro Jahr.

„Es fallen immer mehr Unternehmen raus, so dass die Umlage auf einen kleineren Personenkreis verteilt wird und dadurch pro Stromverbraucher steigt“, sagt Allnoch. Laut dem Mengentestat der Übertragungsnetzbetreiber vom Juli 2012 wurde die EEG-Umlage in 2011 auf rund 377 Milliarden Kilowattstunden Strom verteilt. Durch die Gesetzesänderung könnten auf der Grundlage der bisherigen Anträge beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle bis zu 17 Milliarden Kilowattstunden aus der Umlage fallen. Das würde die EEG-Umlage nach IWR-Berechnungen um rund 0,3 Cent pro Kilowattstunde erhöhen. Auch von Netznutzungsentgelten sind die industriellen Großverbraucher laut Paragraph 19.2 der Stromnetznutzungsverordnung befreit.

Was sagt die Industrie?

„Jede weitere Belastung für die Industrie schadet unserer Wettbewerbsfähigkeit als Exportnation Nr. 1 in Europa“, heißt das Mantra etwa in einem entsprechenden Positionspapier der Energieintensiven Industrien Deutschlands. Und weiter: „Es ist die Industrie, die uns durch die Krise bringt. Der Erhalt der Industrie ist daher auch ein Teil der sozialen Dimension der Energiewende.“ Die Effekte auf die Strompreise seien ein Konstruktionsfehler des EEG.

Das ganze Industrienetzwerk sei bedroht, an Industriearbeitsplätzen hingen demnach noch weitere dran durch die enge Einbindung der Wirtschaft in begleitende Netzwerke. Diese stehen inklusive der industrienahen Dienstleistungen immerhin für 31 Prozent des BIP. Die Industrie dürfe nicht überfordert werden.

Stimmt das?

Nur theoretisch. Rein praktisch stehen indes auch energieintensive Branchen wie die Metallindustrie in Deutschland vor einer Renaissance. So werden sogar schon stillgelegte Aluschmelzen in Deutschland wiederbelebt. Mit Ulrich Grillo, Eigentümer der Zink und Schwefel verarbeitenden Grillo-Werke, steht ein Vertreter der Energieintensiven Industrien vor dem Sprung an den Spitzenlobbyverband BDI. In seiner Wahl kann man auch ein Zeichen erkennen, wie wichtig der deutschen Industrie die Deutungshoheit in der Energiedebatte ist. Seit Wochen feuern die Verbände aus allen Rohren.

„Der Strompreis in Deutschland liegt etwa im europäischen Mittelfeld“, ordnet Strompreisanalyst Tobias Federico ein. So gesehen, ist für Deutschlands Konzerne noch nicht alles verloren – solange die Rechnung für ihre Privilegien an andere geht.


marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de