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07.05.18
Wirtschaft

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn droht der Ruin

Der Abgasskandal könnte den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn sein gesamtes Privatvermögen kosten. Der Aufsichtsrat prüft enorme Schadensersatzansprüche gegenüber dem Ex-VW-Manager, den gleichzeitig die US-Justiz jagt.

Der ehemalige Vorstandschef des VW-Konzerns, Martin Winterkorn, gerät im Zuge des Abgasskandals massiv in Bedrängnis. Der Aufsichtsrat prüft, ob Winterkorn für den entstandenen Schaden des Unternehmens haftbar gemacht werden kann. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (F.A.S) unter Berufung auf VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Ansprüche gegenüber ehemaligen oder amtierenden Vorständen würden „vorbehaltlos und ohne Ansehen der Person“ geprüft, teilte VW-Aufsichtsratssprecher Michael Brendel am Sonntag mit.

VW hat der Abgasskandal bisher rund 26 Milliarden Euro gekostet. Im schlimmsten Fall könnte Martin Winterkorn durch die Untersuchung also sein gesamtes Privatvermögen verlieren. Der Manager hat in seiner Zeit bei dem Autokonzern über 100 Millionen Euro verdient, seine Pensionsansprüche belaufen sich auf rund 30 Millionen Euro. Er kassiert eine Betriebsrente von über 3.000 Euro – pro Tag. „Dieses Geld wäre im Extremfall komplett weg“, sagte der Berliner Rechtsprofessor Gregor Bachmann gegenüber der „F.A.S“.

Winterkorn der fahrlässigen Pflichtverletzung schuldig?

Der Aufsichtsrat prüft konkret, ob sich Winterkorn der sogenannten „fahrlässigen Pflichtverletzung“ schuldig gemacht hat. Die Untersuchungen des VW-Aufsichtsrats und der Staatsanwaltschaft Braunschweig drehen sich dabei im Kern um eine Frage: Seit wann wusste der Ex-CEO von den Abgasmanipulationen bei dem Dax-Konzern? Die US-Justiz wirft Winterkorn vor, bereits im Mai 2014 von den illegalen Vorgängen innerhalb des Unternehmens gewusst zu haben.

Sollte dies der Fall gewesen sein, hätte der 70-Jährige unter Vorsatz gehandelt. Sollte sich herausstellen, dass er bis zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis von den betrügerischen Vorgängen hatte, dann hätte er sich womöglich „nur“ der Fahrlässigkeit schuldig gemacht. Der 70-Jährige selbst behauptet, erst im September 2015 in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Aus Winterkorns Umfeld verlautete heute, der Ex-VW-Chef wolle sich zu gegebener Zeit umfassend erklären.

Laut Informationen der Zeitung „Die Welt“ werden die Haftungsansprüche gegenüber Winterkorn bereits seit zwei Jahren geprüft. Schlecht für Winterkorn: Nach deutschem Recht liegt die Beweislast bei ihm: Er muss nachweisen, dass er alles ihm Mögliche getan hat, um den Konzern vor Schaden zu schützen. Dazu ist er unter der sogenannten „Organhaftung“ verpflichtet.

US-Justiz: „Winterkorn ist auf der Flucht“

Winterkorn drohen nicht nur in Deutschland rechtliche und finanzielle Konsequenzen. Wie vergangenen Donnerstag bekannt wurde, haben die US-Justizbehörden Anklage gegen Winterkorn erhoben. Sie werfen Winterkorn vor, sich der Verschwörung zur Täuschung der Behörden über Abgasmanipulationen schuldig gemacht zu haben. In den Augen der US-Behörden befindet sich der ehemalige Manager auf der Flucht. Sollte er in den USA für schuldig erklärt werden, drohen Winterkorn bis zu 25 Jahre Haft. Um einer Auslieferung  an die USA zu entgehen, dürfte Winterkorn Deutschland de facto nie wieder verlassen.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt in Sachen Dieselaffäre nicht nur gegen Winterkorn, sondern auch noch gegen 38 weitere Beschuldigte. Der zuständige Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe teilte mit, dass man eng mit den US-Behörden zusammenarbeite. „Die Quellen der Erkenntnis sprudeln auf beiden Seiten des Atlantiks“, teilte Ziehe mit.

andreas.mehring[at]finance-magazin.de