Bafin und Staatsanwaltschaft wollen härter gegen Shortseller vorgehen. Den betroffenen Unternehmen können die Ermittlungen helfen.

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14.08.18
Wirtschaft

„Fälle wie Steinhoff spielen Shortsellern in die Hände“

Nach einem Shortseller-Angriff auf ProSiebenSat.1 ermittelt die Staatsanwaltschaft, doch der Weg zu einer Verurteilung ist weit. Hengeler-Mueller-Partner Hendrik Haag spricht mit FINANCE über die Strategien der Shortseller und die Möglichkeiten der Bafin.

Der dubiose Research-Bericht von Viceroy Research, der im Frühjahr einen Kurssturz bei ProSiebenSat.1 ausgelöst hatte, hat ein juristisches Nachspiel. Die Münchener Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 15 Einzelpersonen und Gruppen in verschiedenen Ländern, darunter auch Viceroy-Gründer Fraser Perring. Ist das der von vielen deutschen Vorständen erhoffte große Rückschlag gegen die Shortseller?
Nein, so weit sind wir noch nicht. Zunächst einmal wird geklärt, ob es sich überhaupt um eine Straftat handelt. Wenn jemand wissentlich falsche Informationen verbreitet, ist das eine Marktmanipulation und damit strafbar. Doch die Grenze zwischen Manipulation und bloßer Meinungsäußerung ist nicht trennscharf. Shortseller suchen sich geschickt Themen aus, die Interpretationsspielräume bieten.

Geben Sie uns bitte mal ein Beispiel!
Oft sind es Bilanzierungsthemen. Der Shortseller schreibt in seinem Bericht, die Bilanzierung eines Unternehmens sei falsch. Dann propagiert er seine Sicht auf die Dinge – das kann man als Meinung werten. Shortseller profitieren davon, dass viele Marktteilnehmer allein auf das Schlagwort „Falschbilanzierung“ extrem sensibel reagieren. Und es gibt immer wieder Fälle, in denen tatsächlich Ungereimtheiten auftauchen. Einige Häuser, darunter auch Viceroy, haben im vergangenen Jahr die Bilanzierungspraxis bei Steinhoff angeprangert, kurz darauf musste das Unternehmen selbst Unregelmäßigkeiten einräumen. Fälle wie Steinhoff spielen Shortsellern in die Hände. Sie stärken ihre Reputation.

Die Grenzen von Bafin und Staatsanwaltschaft

Nun hat die Bafin den Fall von ProSiebenSat.1 an die Staatsanwaltschaft geleitet. Wie bewerten Sie das?
Ich habe den Eindruck, die Bafin will es jetzt wissen. Es gibt keinen Präzedenzfall, was nun Meinung ist und was Manipulation. Den kann es auch nicht geben.

Jeder Fall ist anders gelagert, manche skeptische Haltung ist berechtigt. Ein pauschales Verbot kritischer Veröffentlichungen käme einer Zensur gleich, das will niemand. Die Bafin zeigt aber bei der Staatsanwaltschaft nur Fälle an, bei denen sie eine gute Chance sieht, dass die Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen aufnimmt. Bei ProSiebenSat.1 ist die Bafin offenbar optimistisch. 

Die Bafin stößt bei Untersuchungen regelmäßig an Grenzen, wenn die Urheber kritischer Unternehmensanalysen vom Ausland aus über verworrene Netzwerke agieren. Selbst wenn die Staatsanwaltschaft jetzt eine strafbare Handlung erkennen würde – könnte sie die Verantwortlichen überhaupt belangen?
Die große Herausforderung besteht darin, die Personen zu finden. Die Reports können aus allen Ecken der Welt ins Netz gestellt werden. Auf den Homepages der Research-Häuser fehlen häufig die Kontaktdaten und Adressen, man findet die Hintermänner selten. Da Marktmanipulationen häufig nur mit Bußgeldern geahndet werden, kann man die Leute auch nicht zur Fahndung ausschreiben, beispielsweise per internationalem Haftbefehl.

Shortselling als Geschäftsmodell

Das klingt, als könnte man sich die Mühe dann auch sparen.
Vieles ist in der Tat Sisyphos-Arbeit. Eine Verurteilung kann zwar ein Research-Haus diskreditieren, die Hintermänner könnten aber unter anderem Namen weitermachen. Der einzige Ausweg ist, das Geschäftsmodell und die Vorgehensweise der Shortseller transparent zu machen.

Deshalb sind die Ermittlungen von Bafin und Staatsanwaltschaft wichtig, selbst wenn am Ende nicht alle Hintermänner juristisch belang werden können.

„Vieles ist Sisyphos-Arbeit.“

Hendrik Haag, Hengeler Mueller

Die betroffenen Unternehmen dürfte das wenig trösten.
Da widerspreche ich. Allein die Tatsache, dass eine Ermittlung eingeleitet wurde, kann den betroffenen Unternehmen helfen. Shortseller-Attacken schädigen den Ruf am Kapitalmarkt. Eine Ermittlung ist ein öffentliches Zeichen, dass auch die Strafverfolgungsbehörden der Meinung sind, es sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Je stärker der breiten Masse der Aktionäre bewusst wird, dass Shortselling kombiniert mit Research ein Geschäftsmodell ist, umso stärker wird der Markt gegen diese Masche immun.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Welche Unternehmen zuletzt ins Visier der Angreifer geraten sind und wie sie sich zu wehren versuchen, das lesen Sie auf unserer Themenseite zu Shortseller-Attacken.