Corona wirft seine Schatten voraus: Besonders in zuvor schon angeschlagenen Branchen häuften sich im ersten Quartal die Großinsolvenzen.

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08.06.20
Wirtschaft

Großinsolvenzen steigen auf Acht-Jahres-Hoch

Die Zahl der Großinsolvenzen lag im ersten Quartal so hoch wie seit acht Jahren nicht – eine erste Auswirkung der Coronakrise. Nach Einschätzung von Insolvenzverwaltern ist dies jedoch erst der Anfang.

Die Folgen des Coronavirus haben sich bereits im ersten Quartal 2020 in der Unternehmenslandschaft gezeigt: Zwischen Januar und März haben in Deutschland 45 Unternehmen mit einem Jahresumsatz über 20 Millionen Euro Insolvenz beantragt, zeigt der FINANCE-Insolvenz-Report, den die Restrukturierungsberatung Falkensteg exklusiv für FINANCE anfertigt und den Sie hier kostenlos herunterladen können.

Das ist ein Plus von zehn Unternehmen gegenüber dem vierten Quartal 2019 und ein Plus von 16 Insolvenzanmeldungen gegenüber dem ersten Quartal 2019. Lagen die Fallzahlen im Januar und Februar nur unwesentlich über den Werten der Vorjahre, gab es im März einen deutlichen Anstieg: Allein 20 der 45 Insolvenzanträge entfallen auf diesen Monat, in dem sich die Probleme durch unterbrochene Lieferketten aus Asien, Lieferstopps und Produktionsausfälle auch in Deutschland häuften.

Damit verzeichnet der März 2020 die höchste Zahl an Insolvenzanträgen im Bereich über 20 Millionen Euro, die in den zurückliegenden acht Jahren auf Monatsbasis erfasst wurde. Auch auf das Quartal gerechnet stieg die Zahl der Insolvenzen auf ein Acht-Jahres-Hoch. 

Corona-Folgen treffen angeschlagene Branchen

Die zusätzlichen Schwierigkeiten durch die Corona-Folgen trafen dabei besonders Unternehmen aus solchen Branchen hart, die bereits zuvor zu kämpfen hatten. Besonders häufig finden sich Falkensteg zufolge in der Statistik Automobilzulieferer, Textilunternehmen, Lebensmittelproduzenten sowie Unternehmen der Metallindustrie.

Nach Einschätzung von Insolvenzverwaltern dürften sich die Corona-Folgen allerdings im Jahresverlauf noch deutlich stärker zeigen: Rund 14 Prozent erwarten einer Umfrage zufolge eine erste Welle an Insolvenzanträgen im Juni. 42 Prozent rechnen für Herbst mit einer Insolvenzwelle – dann endet nach aktuellem Stand die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für Unternehmen, die durch das Coronavirus in die Krise gerutscht sind.

Fast jede zweite Insolvenz läuft in Eigenverwaltung

Das am Umsatz gemessen größte Unternehmen, das im ersten Quartal Insolvenz beantragen musste, ist der Modekonzern Esprit: Das Unternehmen mit 712 Millionen Euro Umsatz will sich über eine Eigenverwaltung im Schutzschirmverfahren sanieren. Insgesamt entschieden sich von den 45 großen Antragstellern des ersten Quartals 24 für eine Regelinsolvenz und 21 für eine Insolvenz in Eigenverwaltung.

Von den insgesamt 118 Großinsolvenzen aus dem Jahr 2019 konnten im ersten Quartal dieses Jahres acht beendet werden, 51 Verfahren sind noch offen. Gut jedes fünfte Verfahren endete mit der Liquidation des Unternehmens. In zwölf Fällen wurde das Unternehmen über einen Insolvenzplan saniert, 29 Insolvenzen endeten mit einem Asset Deal. 

Öger Tours über Asset Deal verkauft

Eine schnelle Lösung gab es zunächst auch für die Thomas-Cook-Tochter Bucher Reisen & Öger Tours: Der Reiseanbieter mit 750 Millionen Euro Jahresumsatz wurde zwei Monate nach Stellung des Insolvenzantrags an den Wettbewerber Anex verkauft. 

Eine besondere Herausforderung beim Verkauf des Reiseanbieters war laut Insolvenzverwalterin Julia Kappel-Gnirs von der Kanzlei HWW Hermann Wienberg Wilhelm der enorme Umfang des Verfahrens: Von den insgesamt 350.000 Gläubigern hielten zwei Drittel Forderungen gegen Thomas Cook, ein Drittel wollte Forderungen gegen Bucher Reisen & Öger Tours geltend machen. Viele Betroffene waren Kunden, die bereits Anzahlungen für eine Reise geleistet hatten.

Die Insolvenzverwalter setzten daher auf digitale Tools, etwa ein Portal zur Anmeldung der Forderungen. Bislang sind 100.000 Forderungsanmeldungen bei Thomas Cook Touristik, 80.000 bei Bucher Reisen & Öger Tours und weitere Zehntausende bei Hotels und Dienstleistern eingegangen – die Anzahl „sprengt bisherige Dimensionen“, so das Fazit der Insolvenzverwalterin. Trotz des abgeschlossenen Asset Deals bleibt die Zukunft von Bucher Reisen & Öger Tours ungewiss – aufgrund der Corona-Pandemie musste der Käufer Anex alle Reisen bis Mitte Juni 2020 absagen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Weitere interessante Fakten und Statistiken zur Entwicklung bei Großinsolvenzen in Deutschland sowie ein ausführliches Interview mit Öger-Tours-Insolvenzverwalterin Julia Kappel-Gnirs finden Sie im neuen FINANCE-Insolvenz-Report.

Welche rechtlichen Vorgaben bei Insolvenzanträgen gelten und wie betroffene Unternehmen mit der Situation umgehen, lesen Sie auf der Themenseite Insolvenz.