Managementfehler, exponentiell steigende Lohnkosten, fehlgeschlagene Expansionspläne: Viele Probleme haben bei dem Autozulieferer Borgers eine handfeste Unternehmenskrise ausgelöst.

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07.11.19
Wirtschaft

Ist die Krise bei Borgers abgewendet?

Vor allem hausgemachte Probleme lösten beim Automobilzulieferer Borgers eine handfeste Unternehmenskrise aus. Sanierer, OEMs und Banken haben das Feuer gelöscht. Doch jetzt taucht ein neues Problemfeld auf.

Managementfehler, exponentiell steigende Lohnkosten, fehlgeschlagene Expansionspläne: Die finanzielle Krise, in die das Familienunternehmen Borgers 2018 rutschte, haben sich die Bocholter zu großen Teilen selbst zuzuschreiben.

Der westfälische Automobilzulieferer, tätig im Bereich „Interior Commodity“, fertigt für namhafte Abnehmer textile Verkleidungen und Dämmungen für die KFZ-Inneneinrichtung an. Mit seinen Produkten erwirtschaftete Borgers im Jahr 2018 einen Umsatz von 901 Millionen Euro. Damit gehören die Bocholter zu den größeren mittelständischen Zulieferern in Deutschland.

Expansion in USA brachte Borgers in Schieflage

Viele Jahre funktionierte das Geschäftsmodell – auch weil es von dem Umstieg der Autoindustrie zum E-Antrieb nicht betroffen ist. Bis zum vergangenen Jahr: Ende 2018 brannte es bei Borgers plötzlich „lichterloh“, wie der Restrukturierungsexperte Ralf Schmitz berichtet, der damals als Chief Restructuring Officer (CRO) mit operativer Entscheidungsgewalt zu den Bocholtern stieß: „Neben einigen kleinen Fehlern gab es vier große Brandherde mit zum Teil externen Ursachen“, erinnert sich Schmitz, der inzwischen sogar als Co-CEO fungiert, gemeinsam mit Werner Borgers aus der Gründerfamilie.

„Zunächst gab es Probleme in den USA. Dort hatte Borgers seit 2004 ein Werk in Vance, Alabama. Borgers erhielt jedoch mehr Abrufe von Kunden, während gleichzeitig ungeahnt viele Mitarbeiter das Werk verließen und zu Wettbewerbern gingen, die höhere Löhne zahlen konnten“, erzählt Schmitz. Diese Kombination sorgte in der Konsequenz dafür, dass Borgers sein US-Werk schließen und anschließend die Immobilie verkaufen musste. Insgesamt verlor Borgers dadurch knapp 20 Millionen Euro.

Borgers versäumte Investitionen

Der zweite und dritte Brandherd: „In Tschechien, unserem größten Auslandsstandort mit über 2.000 Mitarbeitern, sowie in Polen stiegen die Lohnkosten in den vergangenen Jahren exponentiell an – eine Entwicklung, die Borgers, wie andere Automobilzulieferer, nicht einkalkuliert hatte“, berichtet Schmitz. Die Folge: Auch in Osteuropa begann ein Mitarbeiterexodus, und durch den nicht vorhersehbaren Lohnanstieg gingen die Kalkulationen nicht mehr auf. Es wurden Verluste gemacht.

Der vierte Brandherd findet sich in Dingden, unweit vom Borgers-Stammsitz in Bocholt. In das dort ansässige Werk hat der Automobilzulieferer über Jahrzehnte hinweg zu wenig investiert. „Borgers hat nicht in die Automatisierung der Prozesse investiert, da die Kunden zunehmend aus Polen beliefert werden wollten“, fasst Schmitz zusammen. Das führte letztlich dazu, dass in Dingden strukturelle Verluste entstanden.

Die eskalierenden Schwierigkeiten in der Produktion trafen auf eine schwer zu steuernde Finanzierungsstruktur: Einerseits verfügen die Bocholter über einen syndizierten Kredit, gestellt von deutschen und tschechischen Großbanken, zudem nutzen die Bocholter für ihre Forderungen Factoring. Doch darüber hinaus hatte Borgers auch noch eine Vielzahl an bilateralen Finanzierungszusagen in Amerika sowie Süd- und Osteuropa vereinbart.

Die eskalierende Lage führte dazu, dass Anfang 2019 neue Finanzmittel zur Finanzierung der Verluste als auch zur Finanzierung der Restrukturierung notwendig waren. Eine harte Restrukturierung war unausweichlich, Roland Berger fertigte ein Sanierungsgutachten an. „Dieses Gutachten haben wir als Leitfaden für die Restrukturierung genutzt“, erklärt Schmitz. „Kern des Restrukturierungsplans ist dabei ein ‚Solidarpakt‘, der Beiträge aller Beteiligten vorsieht.“

Borgers muss Werk in Dingden schließen

Die Finanzierung der Restrukturierung umfasst drei Komponenten: Bei einigen Autoherstellern setzte Borgers Preiserhöhungen durch. „Zudem haben die Banken zugesagt, ihre bestehende Kreditlinie weiterzuführen und neue Mittel zur Verfügung zu stellen. Den wohl schmerzhaftesten Beitrag mussten aber die Mitarbeiter leisten“, erzählt der Sanierer. Das Werk in Dingden wird Ende 2020 geschlossen, rund 400 Mitarbeiter müssen gehen, viele weitere verzichteten auf Weihnachtsgeld und Lohnerhöhungen. Dies spart dem Unternehmen nach Angaben von Sanierer Schmitz einen zweistelligen Millionenbetrag.

Doch die Finanzlage ist nach wie vor angespannt, es stehen noch mehr als 300 Millionen Euro Finanzschulden zu Buche. Hier im Lead sind deutsche Großbanken, Landes- und Genossenschaftsbanken. Auch einigen Auslandsbanken schuldet Borgers Geld. Die Finanzierung ist zunächst bis Ende 2021 zugesagt – eine Atempause, die Schmitz und seine Kollegen nutzen müssen, um Borgers auch dauerhaft wieder stabil aufzustellen. „Nach Abschluss der Sanierung wird man bei Borgers über eine neue Finanzierung nachdenken müssen.“

Neue Probleme für Borgers im Maschinenbau

Die Frage, ob die Krise bei Borgers abgewendet ist, beantwortet Schmitz so: „Ja und nein: Einerseits sind unsere Produkte am Markt anerkannt und wettbewerbsfähig. Andererseits hat Borgers kaum finanzielle Reserven und sitzt auf einem großen Schuldenberg. Sollte sich die Nachfrage nach unseren Produkten in den nächsten Jahren stabilisieren, sieht es für Borgers aber nicht schlecht aus. Am Ende sind die Abrufe der Kunden entscheidend. Wir sind aber in jedem Fall deutlich weiter als viele andere Zulieferer, die nun in die Krise kommen.“

Doch ein weiterer Krisenherd, der sich neu entwickelt hat, erschwert die Sanierung. Nun schwächelt auch die Maschinenbausparte mit einem Umsatz von rund 200 Millionen Euro. Nach dem Automobilgeschäft muss jetzt dieser Arm operativ restrukturiert werden. Die geplante Schließung des Werks in Dingden und die Sicherung der Finanzierung sind also nur Zwischenschritte. Daher sieht auch Schmitz seine Mission noch nicht als abgeschlossen an: „Ich verlasse Borgers nach Abschluss der Restrukturierung erst dann, wenn ein neuer CEO kommt.“

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Sparprogramme, Verlagerungen, Bilanzsanierung: Kaum ein Unternehmen kommt über die Jahre ohne eine Restrukturierung aus – so auch Borgers. Mehr zu dem Thema erfahren Sie auf unserer FINANCE-Themenseite Restrukturierung.