Ein Klägeranwalt erhöht den Druck auf EY. Der Wirtschaftsprüfer steht wegen des Bilanzskandals bei Wirecard unter Beschuss.

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08.10.20
Wirtschaft

Klägeranwalt erhöht Druck auf EY

Um im Fall Wirecard erfolgreich entschädigt zu werden, empfiehlt ein Klägeranwalt Geschädigten, anstatt auf Sammel- auf Individualklagen zu setzen. Fruchtet sein Appell, könnte es für EY ungemütlich werden.

Für EY könnte es im Wirecard-Skandal bald ungemütlich werden, denn ein Klägeranwalt erhöht den Druck auf den Wirtschaftsprüfer. Der Rechtsanwalt Jens Graf fordert, dass die im Fall Wirecard Geschädigten ihre Zeit und Kraft nicht mit Sammelklagen vergeuden sollten.

Die größeren Erfolgschancen haben aus seiner Sicht Individualklagen, weshalb er seinen Mandaten dazu rät, auf Einzelklagen zu setzen. Diesen Appell begründet der Anwalt auch mit dem Verhalten von EY in einem bereits laufenden Zivilprozess zum Thema Wirecard.

Fall Wirecard: Das spricht gegen Sammelklagen

Dort sieht Graf Zeitspiel am Werk: „Die Analyse einer dort vorgetragenen Stellungnahme von EY erweckt den Eindruck, als habe das Unternehmen [den Vorwürfen] nichts entgegenzusetzen. Das lässt erwarten, dass die Verantwortlichen darauf setzen werden, die Sammelverfahren auszusitzen.“

Tatsächlich könnte das WP-Haus mit dieser ihm unterstellten Vorgehensweise gewisse Erfolgschancen haben, glaubt Rechtsanwalt Graf. Zum einen dauert es erheblich länger, bis Sammelklagen auf den Weg gebracht werden können und bis ein finales Urteil feststeht. Selbst im Erfolgsfall der Klage könnte es Jahre dauern, bis die Kläger ihren Schadensersatz bekommen würden, so der Anwalt. Und mehr noch: „Wenn es erst in zehn Jahren zu einem Urteil kommt, besteht die Möglichkeit, dass die Geschädigten das Urteil nicht mehr vollstrecken können“, sagte Graf gegenüber FINANCE. Prozessfinanzierer äußerten die Besorgnis, dass  greifbares Vermögen dann nicht mehr vorhanden ist.

Auch prozesstaktisch könne EY von einer längeren Prozessdauer profitieren. „Das Big-Four-Haus hätte in diesem Fall viel Zeit, um sich in Ruhe auf das Verfahren und mögliche Worst-Case-Szenarien vorzubereiten“, erläutert der Rechtsanwalt. Gleichzeitig wächst bei solch langen Zeiträumen der finanzielle Druck auf Kläger und Prozessfinanzierer, weil es selbst im Erfolgsfall Jahre dauert, bis sie Geld sehen. „Noch kein einziger Kläger hat derzeit einen Prozessfinanzierungsvertrag unterschrieben vorliegen“, vermutet Graf.

Individualklagen werden oft schneller bearbeitet

Aus diesen Gründen erachtet der Rechtsanwalt die Erfolgschancen für Einzelklagen als aussichtsreicher. „Kläger, die dem Gericht deutlich machen können, dass es nicht lange dauert, das Verfahren zu bearbeiten, haben mehr Erfolg.“

Der Anwalt setzt auf eine Taktik, die seinen Prozessgegnern noch Kopfzerbrechen bereiten könnte. Er will die einzelnen Klagen nicht bei einem zentralen Gericht einreichen, sondern bei den jeweiligen Gerichten der Wohnsitze der Geschädigten. Graf hofft, dass zumindest einige Gerichte die Einzelklagen dann schneller bearbeiten als ein zentrales Gericht eine Sammelklage. Für EY hätte dies gleich zwei problematische Aspekte: Schnellere Urteile und ein massiver Anstieg von Einzelprozessen. Die ganze Causa wäre dann deutlich schwerer zu managen als bei einem einzelnen langen Großprozess.

Noch aber ist diese Bedrohung nicht akut: Aus prozesstaktischen Gründen veröffentlicht Graf seine aktuelle Mandatenzahl nicht. Er behauptet aber, genügend Interessenten zu haben, dass daraus eine mehrstellige Anzahl an Mandanten werden könnte.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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