Der Autozulieferer Schlote musste seine Finanzierung neu ausrichten. Mittel des WSF und eine Landesbürgschaft waren dabei entscheidend.

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08.01.21
Wirtschaft

Krisenfinanzierung: Wie Mittelständler Schlote an WSF-Mittel kam

Erst eine Landesbürgschaft, danach Hilfsmittel aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds: Der Mittelständler Schlote musste seine Finanzierung Corona-bedingt neu aufstellen. Für die Finanzabteilung war das ein Kraftakt.

Verschärfte Sicherheitsauflagen in der Produktion, hartes Kostencontrolling, Kurzarbeit: Als die Folgen der Coronavirus-Pandemie Mitte März in Deutschland spürbar wurden, hatte der Autozulieferer Schlote aus dem niedersächsischen Harsum schnell erste Maßnahmen zur Hand. „Wir haben einen Produktionsstandort in Tianjin in China. Dort war die Produktion gerade wieder angelaufen, als der Lockdown in Deutschland kam“, berichtet Finanzchef Michael Bormann. Der Steuerberater und Gründungspartner der Kanzlei bdp Bormann Demant & Partner betreut seit 2013 die China-Aktivitäten von Schlote, im November 2018 übernahm er interimistisch den Posten als CFO der gesamten Gruppe.

Mit den Erfahrungen aus Tianjin im Hinterkopf stellte Schlote gleich Mitte März einen Antrag auf eine Landesbürgschaft, Mitte April wurde diese bewilligt. Mit Commerzbank, Deutscher Bank, Santander und der Sparkasse Hildesheim-Goslar-Peine stellten vier Häuser ein Darlehen von insgesamt 20 Millionen Euro, dieses ist zu 90 Prozent durch die Landesbürgschaft abgesichert. Doch schon nach wenigen Wochen war klar, dass dies nicht reichen würde. Nach Konzernen wie Lufthansa und Tui entschloss sich auch der mittelständische Autozulieferer Ende Mai, einen Antrag auf Gelder aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) vorzubereiten.

Harte Due Diligence für WSF-Mittel

Die Vorprüfungen für den Antrag auf WSF-Mittel liefen über die Wirtschaftsprüfer von PwC. „Die Due Diligence war deutlich umfassender als bei der Landesbürgschaft. Man wird auseinandergenommen, als ob der Bund Schlote kaufen wollte“, erinnert sich Bormann. 

Eine Herausforderung: Da Schlote mit seinem Mitte Juli eingereichten Antrag auf WSF-Mittel zu den ersten Antragstellern gehörte, waren die Prozesse noch nicht eingeschliffen, Erfahrungswerte und Best Practices fehlten. Mitte Oktober, als der Antrag bereits beim Bundeswirtschaftsministerium lag, kam noch einmal eine Vorgabe, die das Vorhaben fast ins Wanken gebracht hätte: Der Bund forderte, dass die ursprünglich nur bis 2024 laufende Landesbürgschaft um ein Jahr bis 2025 verlängert werden sollte. „Dafür mussten wir beim Bankenkonsortium noch einmal Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Bormann. 

„Man wird auseinandergenommen, als ob der Bund Schlote kaufen wollte.“

Schlote-CFO Michael Bormann

Mitte November schließlich, rund vier Monate nach Antragstellung, kam der positive Bescheid vom WSF: Aus dem Fonds erhält Bormann insgesamt 25,5 Millionen Euro, aufgeteilt auf eine stille Beteiligung sowie ein Nachrangdarlehen. 

Ausgleich für Corona-Verlust

Die Zweiteilung hat regulatorische Gründe: „Eine stille Beteiligung durch den WSF darf lediglich den durch die Corona-Pandemie verursachten Effekt ausgleichen“, erklärt Bormann. Schlote musste also nachweisen, wie sich die Krise auf die Finanzen auswirkt. Für das erste Halbjahr stehen die Zahlen inzwischen fest: Der Konzernumsatz lag in den ersten sechs Monaten 2020 bei 78,3 Millionen Euro, nach knapp 119 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern fiel mit minus 9 Millionen Euro negativ aus, nach einem Plus von gut 5 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2019. 

Für das Gesamtjahr 2020 prognostiziert Schlote einen Verlust von 17 Millionen Euro. Diesen Umfang hat auch die durch den WSF gewährte stille Beteiligung. Diese partizipiert auch an Verlusten und kann buchhalterisch als Eigenkapital bilanziert werden. Weitere 8,5 Millionen Euro erhält Schlote als Nachrangdarlehen. Die genaue Verzinsung nennt das Unternehmen nicht, im Mittel sind die Maßnahmen insgesamt aber „geringfügig niedriger verzinst“ als eine bis 2024 laufende Mittelstandsanleihe des Unternehmens, die einen Kupon von 6,75 Prozent aufweist.

Für Schlote war es enorm wichtig, dass die WSF-Einlage als Eigenkapital bilanziert werden kann. „Wir haben nun eine Eigenkapitalquote von 23 Prozent, das entspricht in etwa dem Niveau der Vorkrisenzeit. Hätten wir das Volumen der WSF-Mittel komplett über Fremdkapital aufgenommen, wäre die Quote unter 10 Prozent gefallen“, erklärt der Finanzchef.

Das hätte Schlote zum Verhängnis werden können, da das Unternehmen seinerseits Vorprodukte von Zulieferern bezieht, die stark auf das Rating der Warenkreditversicherer achten. Doch dieses Rating wäre bei einer stark schrumpfenden Eigenkapitalquote in Gefahr gewesen. 

Bond, Landesbürgschaft, WSF-Mittel

Für die kommenden Jahre hat Schlote nun erst einmal Luft, danach steht aber gleich eine ganze Palette an Fälligkeiten bevor: 2024 muss die 25 Millionen Euro schwere Anleihe refinanziert werden, 2025 läuft die Landesbürgschaft für das 20 Millionen schwere Darlehen aus, dessen Tilgungsphase im Frühjahr 2022 beginnt, und die beiden Tranchen der WSF-Hilfsmittel muss der Mittelständler ab dem 30. Juni 2025 stufenweise zurückzahlen.

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Dass die WSF-Mittel länger laufen als die Anleihe, findet Bormann sinnvoll: „Würde der Bond aufgrund einer vorherigen umfassenden Rückführung von Hilfsmitteln scheitern, wäre Schlote für Jahre am Kapitalmarkt verbrannt.“

Zusätzliche Sicherheiten musste das Unternehmen für die WSF-Mittel nicht stellen, allerdings verlangt der Bund eine Eigenleistung der Gesellschafter. In diesem Fall ist dies eine persönliche Bürgschaft über einen prozentualen Anteil des 8,5 Millionen Euro schweren Nachrangdarlehens. Zudem darf ein 5 Millionen Euro schweres Gesellschafterdarlehen nicht vor Ablauf der WSF-Finanzierung zurückgezahlt werden. 

Schlote muss hohen Kapitaldienst leisten

Für den Mittelständler, der 2019 einen Jahresumsatz von 237 Millionen Euro erzielte, sind die umfassenden Finanzierungen eine große Belastung: „Wir haben den Leverage ordentlich hochgefahren“, räumt CFO Bormann ein. Genaue Zahlen für das Geschäftsjahr 2020 liegen noch nicht vor, doch schon jetzt ist klar, dass der Mittelständler sich in der kommenden Zeit keine Schwäche erlauben kann. 

Im Vor-Corona-Jahr 2019 lag das Ebitda des Zulieferers bei rund 37 Millionen Euro. Um die Kapitaldienstfähigkeit garantieren zu können und handlungsfähig zu bleiben, sollte das Ergebnis für 2021 sogar noch darüber liegen: „Wenn wir ein Ebitda von etwa 43 Millionen Euro erzielen könnten, dann bräuchten wir etwa 75 Prozent davon für den Kapitaldienst“, sagt Bormann. Ein Großteil der Ergebnisse der kommenden Jahre ist damit durch die gestiegenen Finanzierungskosten bereits verplant.

Bei anderen größeren Ausgaben hat künftig der WSF ein Wörtchen mitzusprechen. „Investitionen sind nicht kategorisch ausgeschlossen, aber genehmigungspflichtig“, berichtet Bormann. Zweimal im Monat berichtet er seinen zuständigen Betreuern über die aktuelle Lage des Unternehmens. Das enge Monitoring erzeugt zwar Aufwand, doch Bormann zeigt sich verständnisvoll: „Wenn ich mich über eine Vorgehensweise ärgere, versuche ich mir immer vor Augen zu führen, dass ich ja auch selbst Steuerzahler bin. Es ist wichtig, dass die Verwendung der Mittel sorgfältig geprüft wird.“

WSF-Antrag für Mittelständler herausfordernd

Für die Finanzabteilung, in der neben dem CFO ein Team aus nur fünf Leuten mit der Antragstellung befasst war, waren die zurückliegenden Monate ein Kraftakt: „Mancher Arbeitstag begann um 6 Uhr morgens und endete nach 23 Uhr“, sagt der CFO. Sein Fazit zum WSF fällt dennoch positiv aus: „Es ist ein sehr gutes Instrument, auch wenn die Beantragung gerade für Mittelständler herausfordernd ist.“ 

Schlote profitierte von den Unterlagen und Reporting-Strukturen, die der Mittelständler für die Begebung der Anleihe 2019 sowie für die Beantragung der Landesbürgschaft bereits erstellt hatte. Hätten diese Strukturen mit umfassender Hilfe durch externe Berater erst geschaffen werden müssen, wären die Einmalkosten für die Finanzierung deutlich in die Höhe geschnellt.

„Es ist ein sehr gutes Instrument, auch wenn die Beantragung herausfordernd ist.“

Schlote-CFO Bormanns Fazit zum WSF

Abgesehen von etwaigen Beratergebühren hält Bormann die Kosten für den WSF-Antrag für überschaubar: „Bei Antragstellung muss man eine Gebührenübernahmeerklärung abgeben, das waren bei uns rund 75.000 Euro“, berichtet der CFO. Das Geld ist allerdings weg – auch bei Unternehmen, deren Antrag auf Hilfsmittel abgelehnt werden sollte.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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