Flüchtet die Lufthansa unter ein Schutzschirmverfahren, weil ihr das Hilfspaket der Regierung nicht passt?

Lufthansa

29.04.20
Wirtschaft

Lufthansa pokert mit dem Bund

Hat sich der Spieß umgedreht? Die Lufthansa ist offenbar mit dem Rettungspaket der Bundesregierung unzufrieden und erwägt stattdessen, unter ein Schutzschirmverfahren zu flüchten.

Neue Wendung bei der Lufthansa: Offenbar erwägt die vom Coronavirus schwer getroffene Airline, die Verhandlungen mit der Regierung über ein Hilfspaket scheitern zu lassen und stattdessen unter ein insolvenzähnliches Schutzschirmverfahren flüchten. Das berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter Berufung auf Konzernkreise.

Das Hilfspaket, über das die Lufthansa mit dem Bund verhandelt, könnte dem Bericht zufolge bis zu 10 Milliarden Euro schwer sein. Die Lufthansa wollte auf FINANCE-Nachfrage weder die Gerüchte um das Schutzschirmverfahren, noch die Gespräche in Berlin im Allgemeinen kommentieren. Ob ein Schutzschirmverfahren eine ernstgemeinte Option oder doch nur eine Drohgebärde ist, bleibt also unklar. Immerhin weiß Lufthansa-Chef Carsten Spohr, dass der Bund eine Insolvenz der Airline vermeiden will.

Lufthansa will Bund wohl lieber als „stillen Teilhaber“

Zwischen Lufthansa und dem Bund gibt es mehrere Streitpunkte bei der Ausgestaltung eines möglichen Rettungspakets. Noch bis vor kurzem war die Rede davon, die Regierung könnte sich an der Lufthansa direkt beteiligen. Eine solche Beteiligung des Bundes an deutschen Unternehmen ist im Rahmen des Corona-Wirtschaftsstabilisierungsfonds möglich – und würde voraussichtlich umfangreiche Entscheidungsbefugnisse für den Bund als Aktionär einräumen.

Die Lufthansa soll sich daher gegen eine solche direkte Staatsbeteiligung ausgesprochen haben, berichten mehrere Medien. So soll Lufthansa-Chef Carsten Spohr in dieser Woche deutlich gemacht haben, dass er die Regierung lieber als stillen Teilhaber sehen würde, also eine Beteiligung ohne einschlägige Mitspracherechte vorzieht, berichtet die FAZ. Und auch gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“ fand Spohr deutliche Worte: „Wenn die Bundesrepublik zu große Einflussnahme auf operative Geschäftsaufgaben nehmen wollte, fordert das vielleicht die österreichische Regierung ebenso ein, dann möglicherweise auch die Schweiz, Belgien, Bayern oder Hessen.“

Bund will für Corona-Beteiligung 9 Prozent Zinsen

Die Regierung fordere offenbar eine Sperrminorität von mindestens 25 Prozent, heißt es bei der FAZ. Ausgehen soll diese Forderung offenbar von Seiten der SPD, die unter anderem ein Mitspracherecht haben möchte, wenn es um einen möglichen Stellenabbau geht. CDU/CSU hingegen sollen für eine stille Beteiligung plädieren.

Zudem stört sich die Lufthansa offenbar an weiteren Eckpunkten des Hilfspakets: Der FAZ zufolge liegt der Zinssatz für die Staatsbeteiligung bei 9 Prozent. Dieser Zinssatz ist Expertenschätzungen zufolge zwar marktgerecht, sei aber höher als bei dem millionenschweren Hilfspaket für den Ferienflieger Condor. Zusätzlich will die Regierung auch im Kontrollgremium der Lufthansa mitreden: Wie die FAZ schreibt, verlangt sie offenbar zwei Sitze im Aufsichtsrat der Airline.

Lufthansa-Aktie mit Auf und Ab

Die Regierung reagierte auf die Gerüchte scheinbar gelassen. „Die Verhandlungen und Gespräche dauern an“, zitiert die FAZ Regierungskreise. Der Machtkampf zwischen Frankfurt und Berlin schickt die Aktie auf eine Achterbahnfahrt. In der vergangenen Woche bewegte sich der Wert des Papiers noch bei rund 7,80 Euro – als die Lufthansa Ende der vergangenen Woche ihre schlechten Quartalszahlen präsentierte, rutsche die Aktie auf fast 7 Euro ab.

Mit dem Hochbrodeln der Gerüchte sprang der Kurs auf zeitweise knapp 8,70 Euro – möglicherweise auch, weil Aktionäre davon ausgegangen waren, dass sich der Bund und die Lufthansa doch noch einigen würden. Aktuell ist die Kranich-Aktie wieder knapp 8,10 Euro wert. Zum Vergleich: Anfang Februar, noch vor dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland, war das Papier fast 15 Euro wert.

Lufthansa-Aktie hebt nach Sinkflug wieder ab

Sollten die Gespräche zwischen der Regierung und der Lufthansa tatsächlich scheitern, und die Airline eine Sanierung im Schutzschirmverfahren einleiten, stünde die Regierung nicht gut da. Unter dem Schutzschirmverfahren könnte sich die Lufthansa vieler Forderungen entledigen und ihre Kosten massiv senken. Das ginge nicht nur zu Lasten der Mitarbeiter, sondern auch der Geschäftspartner, zu denen auch staatliche Flughäfen gehören. Negative Auswirkungen für die Beschäftigten und staatliche Unternehmen sind aber genau das, was die Regierung bei einer Beteiligung mit einer Einflussnahme verhindern möchte.

Unkomplizierter scheinen da die Gespräche in der Schweiz für die Tochtergesellschaft Swiss zu laufen. Die Airline soll Bankkredite von 1,5 Milliarden Franken erhalten, wie die Zeitung „Tages-Anzeiger” berichtete. Der Bund stelle Bürgschaften für die Kredite zur Verfügung. Und auch bei der Österreich-Tochter AUA geht es voran, sie hat inzwischen in Österreich Staatshilfen von 767 Millionen Euro beantragt.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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