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01.12.17
Wirtschaft

Restrukturierer distanzieren sich von „Grenzgängern“

Die TMA Deutschland, der Verband der Restrukturierer, distanziert sich vehement von jüngst aufgetauchten Praktiken einzelner Dienstleister: „Diese Grenzgänger gefährden die Akzeptanz des Insolvenzrechts“. Mit diesem ist die TMA weitgehend zufrieden, wie sich heute zeigte.

Der Restrukturiererverband TMA Deutschland hat bestimmte Anwälte und Berater scharf kritisiert, die Unternehmen dazu ermutigen, sich auf dem Rücken der Gesellschaft über ein Insolvenzplanverfahren zu entschulden. Eine gewisse Ausbreitung dieser Vertriebspraxis hatte zuletzt in der Restrukturierungsbranche Wellen geschlagen. Der Verband bezeichnete diese Anbieter auf seiner heutigen Jahrestagung als „Grenzgänger, die die Akzeptanz des Insolvenzrechts als Sanierungsinstrument für notleidende Unternehmen gefährden, um Mandate zu gewinnen“.

„Die TMA als Verband distanziert sich von diesen Praktiken“, sagte der Vorsitzende von TMA Deutschland, Kolja von Bismarck. Der Appell des Verbandes an die Branche ist eindeutig: Nicht alles, was rechtlich möglich ist, sei auch ethisch akzeptabel.

TMA Deutschland lobt den Gesetzgeber

Der Verband möchte damit vermeiden, dass der Ruf der Branche in Verruf gerät. Viele Spezialisten für Restrukturierung haben damit zu kämpfen, dass die Hochkonjunktur die Anzahl der Mandate deutlich reduziert hat. Zuletzt hatten manche von ihnen damit begonnen, Unternehmern rechtliche Kniffe zu empfehlen, wie sie mit den neu eingeführten Mitteln des Insolvenzrechts zu Lasten der Gläubiger ihre Schuldenlast abschütteln könnten. Medial hohe Wellen schlug vor kurzem vor allem die Beschwerde des Trigema-Chefs Wolfgang Grupp, dem nach eigenen Angaben solch ein Sanierungsangebot auf Kosten der Steuerzahler unterbreitet worden sei. 

Und genau diese Instrumente hält die TMA für wichtig und wirkungsvoll – auch wenn es nach Ansicht der TMA noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Kolja von Bismarck fordert, dass Unternehmen mit Unterstützung der Gläubigermehrheit auch in Deutschland außerhalb des Insolvenzverfahrens eine zweite Chance gegeben werden müsse, sofern dies wirtschaftlich sinnvoll und erfolgversprechend sei. Ein wichtiger Schritt dafür sei ein zum 21. April 2018 in Kraft tretendes Gesetz, über das Konzerninsolvenzen leichter zu bewältigen seien. 

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TMA fordert spezialisierte Insolvenzgerichte

Der sogenannte neue Gruppengerichtsstand werde in der Praxis vielfältige Möglichkeiten bieten, um eine Gruppeninsolvenz zu bewältigen und das am besten geeignete Insolvenzgericht einzubinden. Die TMA begrüßt diese Entwicklung und hofft, dass sich die Insolvenzgerichte im Zuge dessen stärker spezialisieren. Anstatt Insolvenzverfahren, die in mehrere Gerichtsstände zersplittern, erhofft sich die TMA Deutschland durch die neue Gesetzgebung konzentrierte und damit effizientere große Verfahren".

Nach Meinung der TMA ist es auch notwendig, das Gesetz zur Erleichterung und Sanierung von Unternehmen (ESUG) zu überarbeiten. Die TMA fordert ein gläubigerautonomes Sanierungsverfahren für Krisenunternehmen, solange diese noch nicht zahlungsunfähig sind.

Damit könnte verhindert werden, dass Unternehmen nach dem Insolvenzantrag stigmatisiert werden. In Großbritannien stünde dafür das bewährte „Scheme of Arrangement“ zur Verfügung, bei dem ein Gericht einen Vergleich zwischen einem Unternehmen und seinen Gläubigern genehmigen kann. Viele deutsche Unternehmen, die in eine Krise geraten sind, haben deshalb ihren Konzernsitz kurzerhand nach London verlegt, um an einem Scheme of Arrangement teilnehmen zu können. 

TMA warnt die Autobranche

Die neuen Tools könnten für deutsche Unternehmen schneller relevant werden, als gewollt – erwartet zumindest die TMA. Trotz einer aktuell sehr starken Konjunktur rechnet der Restrukturierungsverband im nächsten Jahr mit neuen Restrukturierungen. Anlass dafür sollen „strukturelle Veränderungen im Marktgeschehen“ sein, allen voran die Megatrends Digitalisierung, Substitution des Verbrennungsmotors sowie der Übergang der Erneuerbare-Energien-Branche hin zu Auktionsverfahren.

Vor allem die Autoindustrie hält die TMA für gefährdet. Neben den Herstellern stünden auch die Zulieferer vor großen Herausforderungen, und nicht alle würden diese gut meistern können, einige womöglich gar nicht, warnen die Sanierer: „Wir erwarten in diesem Sektor bereits 2018 erste Restrukturierungen“, sagte TMA-Vorstandsmitglied Georg Bernsau.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

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