Nanogate setzt bei der Restrukturierung auf Zugeständnisse der Banken anstelle von KfW-Krediten.

Nanogate

28.05.20
Wirtschaft

Restrukturierungsnews: Nanogate, Takko, KSC

Nanogate setzt auf Zugeständnisse seiner Banken, Takko gerät nach einem Rating-Downgrade unter Druck, und der Karlsruher SC kann die drohende Insolvenz abwenden: Die aktuellen Restrukturierungsnews im FINANCE-Überblick.

Nanogate braucht Zugeständnisse der Banken

Das auf Oberflächenmaterialien spezialisierte Unternehmen Nanogate plant seine Restrukturierung ohne Mittel der KfW: Anstelle einer weiteren Neuverschuldung durch KfW-Darlehen verhandele man nun „in erster Linie eine Tilgungsaussetzung für bestehende Bankdarlehen“, heißt es in einer Mitteilung. Die Zugeständnisse der Banken sind für die Zukunft des Unternehmens offenbar entscheidend: Eine Einigung sei „für eine Durchfinanzierung der Gruppe und die Sicherung des Fortbestands (‚Going Concern‘) erforderlich“, teilte Nanogate mit. Zudem verhandelt der Vorstand nach eigener Aussage über den Verkauf von Assets, etwa kleineren Tochterunternehmen. Diese Pläne seien Teil des bereits im November begonnenen Konzernumbaus.

Nanogate will mit seinen Banken nun „eine deutliche zeitliche Verschiebung von Tilgungszahlungen für bestehende Bankverbindlichkeiten“ erreichen. Die Aufnahme von zusätzlichen Krediten aus KfW-Mitteln schließt das Unternehmen zwar nicht völlig aus, sie soll aber „allenfalls noch eine untergeordnete Rolle spielen“. Ende März hatte das Unternehmen zunächst angekündigt, KfW-Hilfen beantragen zu wollen.

Fraglich ist allerdings, ob der Oberflächenspezialist die Hilfen, die für Corona-bedingt in Schieflage geratene Unternehmen vorgesehen sind, überhaupt erhalten hätte. Die Krise bei Nanogate begann bereits deutlich vor der Ausbreitung des Coronavirus. Schon zum Jahresende 2019 hatte das Unternehmen eine Covenant-Pause vereinbart. Die Zinsen für einen mit BNP Paribas, SaarLB und LBBW geschlossenen Konsortialkredit stiegen dadurch „moderat“, hieß es bei Nanogate.  

Moody’s senkt den Daumen über Takko

Die Ratingagentur Moody’s hat das Modeunternehmen Takko von Ba3 auf Caa3 mit negativem Ausblick herabgestuft und hält damit einen Zahlungsausfall für wahrscheinlich. Zuvor hatte Takko die Zinszahlungen für zwei Anleihen ausgesetzt. Die Bonds mit Laufzeit bis November 2023 stürzten daraufhin auf weniger als 20 Prozent ihres Nennwerts ab. Sollte der Modehändler die Zinsen, die eigentlich am 15. Mai fällig waren, nicht innerhalb einer 30-tägigen Gnadenfrist zahlen, will Moody’s dies als Ausfall werten. Das Modeunternehmen gehört dem britischen Private-Equity-Investor Apax. Das Takko-Management will nun „auf eine langfristige Lösung für die Kapitalstruktur“ hinarbeiten. Dieser Prozess wird begleitet von Gleiss Lutz, One Square Advisors, Simpson Thacher & Bartlett sowie Wellensiek. Eine Gruppe von Anleihegläubigern mit zusammen rund 25 Prozent Anteilen hat Moody’s zufolge Houlihan Lokey und Freshfields Bruckhaus Deringer als Berater angeheuert.  

Karlsruher SC kann Insolvenz abwenden

Aufatmen bei den Fans des Karlsruher SC: Der Fußballzweitligist hat eine drohende Insolvenz zunächst abgewendet. Voraussetzung dafür waren Vergleichs- und Abgeltungsvereinbarungen mit den Hauptgläubigern, den Unternehmern Michael Kölmel und Günter Pilarsky. Beide verzichten auf einen großen Teil ihrer Forderungen. Pilarsky erhält im Gegenzug Aktien im Bereich von 2,5 bis 5,5 Millionen Euro – der finale Wert hängt von einem noch ausstehenden Wertgutachten für Besserungsscheine ab. Kölmel erhält Aktien im Wert von 1 Million Euro sowie eine Einmalzahlung über 3 Millionen Euro. Zudem haben sich nun regionale Unternehmen im „Bündnis KSC“ zusammengeschlossen, das im Rahmen einer Kapitalerhöhung Aktien im Wert von 6 Millionen Euro zeichnen will.

Der KSC kann seinen Gesamtschuldenstand von über 30 Millionen auf 10 Millionen Euro senken. Ein Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung aufgrund drohender Zahlungsunfähigkeit ist damit zunächst vom Tisch. Um die Restschulden zu senken, sollen weitere Vergleiche und Aktienverkäufe folgen. Der KSC habe nun ein Restrukturierungskonzept vorliegen, mit dem die laufende Spielzeit sowie die Saison 2020/21 finanziell gesichert seien. Dirk Adam, Partner der Kanzlei Wellensiek, hat die Erstellung des Restrukturierungskonzepts begleitet.

Weitere Restrukturierungen und Branchennews

Der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz und Sachwalter Frank Kebekus rechnen bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro bei der Kaufhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, sagten sie gegenüber der „Wirtschaftswoche“. Die Zukunft von 80 Warenhäusern sei derzeit ungewiss. Manche Standorte ließen sich nicht einmal profitabel betreiben, wenn das Unternehmen überhaupt keine Miete zahlen müsste, sagte Kebekus demnach. Andere Standorte könnte bei Zugeständnissen von Vermietern und weiteren Stakeholdern noch eine Chance haben. Von den insgesamt 172 Kaufhäusern könnten „im Idealfall“ nahezu zwei Drittel den Betrieb fortsetzen. Über einen Insolvenzplan sollen die Gläubiger im Juli abstimmen. 

Mitarbeiter des kriselnden Modehauses Gerry Weber und die Gewerkschaft IG Metall fürchten eine zweite Insolvenz der Westfalen: Das Unternehmen musste nach der gerade erst überstandenen Insolvenz in Eigenverwaltung seine Gläubiger um Zugeständnisse bitten, um die wirtschaftlichen Schäden der Coronakrise abwenden zu können. Laut Angaben der IG Metall von Ende Mai sollen sich jedoch 20 Sparkassen gegen dieses Konzept sperren.

Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main hat eine Schadensersatzklage von Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz gegen Beiersdorf, Procter & Gamble und weitere Drogerieartikelhersteller in zweiter Instanz zurückgewiesen. Geiwitz wollte Schadensersatzansprüche über rund 212 Millionen Euro zuzüglich Zinsen geltend machen. Die Klage war auf ein Bußgeldverfahren des Bundeskartellamtes gestützt, das einen wettbewerbswidrigen Informationsaustausch ermittelt hatte. Das Gericht sah es aber nicht als erwiesen an, dass Schlecker infolge des Informationsaustausches einen Schaden erlitten hätte. Procter & Gamble wurde in dem Prozess von Allen & Overy vertreten.

Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Das Modeunternehmen Promod hat eine Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Marco Kuhlmann (Kreplin & Partner) wurde zum vorläufigen Sachwalter bestellt. Promod unterhält bundesweit 32 Filialen. Henrik Schindler und Christoph Poertzgen (CMS Hasche Sigle) beraten die Geschäftsführung bei der Sanierung.

Der Handtaschenhersteller Picard will sich über eine Insolvenz im Schutzschirmverfahren sanieren. Das Unternehmen war stark von den vorübergehenden Schließungen des wichtigen Vertriebspartners Galeria Karstadt Kaufhof betroffen. Gegenüber der F.A.Z. kündigte Geschäftsführer Georg Picard einen Stellenabbau an und sprach von „gravierenden Einschnitten“. Das Unternehmen ist derzeit auf der Suche nach einem strategischen Investor. Picard machte zuletzt einen Jahresumsatz von 27 Millionen Euro und beschäftigte weltweit 2.000 Mitarbeiter, davon noch 150 am Stammsitz im hessischen Obertshausen.  

Der auf Kunststoffbauteile spezialisierte Automobilzulieferer Weberit Dräbing Gruppe hat Insolvenzantrag gestellt. Die Anträge umfassen die Weberit Werke Dräbing sowie die Töchter Blasformtechnik und Teetronic. Jens Lieser (Lieser Rechtsanwälte) wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Geschäftsführer Norbert Dräbing hatte aus Altersgründen einen Verkauf der Gruppe geplant, die Transaktion sei jedoch nach Unterzeichnung der Kaufverträge aufgrund der Corona-Pandemie noch „kurz vor Erreichen der Zielgeraden gescheitert“, heißt es in einer Mitteilung.

Das Unternehmen Walter Hundhausen, ein Hersteller von Eisengussteilen, hat Insolvenz beantragt. Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde Dirk Andres (Kanzlei Andres Partner) bestellt. Sanierungsberater der Geschäftsführung ist Thomas Kluth (Kluth Rechtsanwälte). Die Muttergesellschaft von Walter Hundhausen, GMH Guss, befindet sich in einem vorläufigen Schutzschirmverfahren.

Der Automobilzulieferer Flabeg hat für seine beiden deutschen Gesellschaften Flabeg Automotive und Flabeg Deutschland Insolvenzantrag gestellt. Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde Volker Böhm von Schultze & Braun bestellt. Die ausländischen Gesellschaften der Gruppe sind nicht betroffen. Einer Mitteilung zufolge hat Flabeg in den vergangenen Jahren einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag in die Entwicklung von Gläsern für Fahrzeug-Innenräume investiert. Durch die Absatzkrise in der Automobilbranche und den Lockdown geriet das Unternehmen nun in Schieflage. Während der Sanierungsphase tritt Alfred Hagebusch von der Kanzlei Wellensiek in die Geschäftsführung ein.

Der Garnproduzent Enka will sich über ein Schutzschirmverfahren sanieren. Betroffen ist die deutsche Produktionsgesellschaft Enka GmbH, weitere Gesellschaften der Gruppe sind von dem Verfahren nicht betroffen. Das Geschäft mit der Modeindustrie sei durch den Ausbruch der Coronakrise schwer getroffen worden, hieß es zur Begründung. Während des Schutzschirmverfahrens unterstützt Detlef Specovius (Schultze & Braun) das Unternehmen. Er begleitete unter anderem bereits Sinn Leffers sowie den Textilhersteller Lindenfarb durch die Restrukturierung. Derzeit begleitet Specovius das Schutzschirmverfahren bei Esprit. Marcus Winkler (BBL Bernsau Brockdorff) ist als vorläufiger Sachwalter bestellt worden.

Der deutsch-französische Recyclex-Konzern hat Schutzschirmverfahren für die deutschen Gruppen-Unternehmen Norzinco, PPM Pure Metals, Weser-Metall und Harz-Metall beantragt. Für drei weitere deutsche Gesellschaften wurde Eigenverwaltung unter Gläubigerschutz angemeldet. Die französischen Gesellschaften der Gruppe sind nicht betroffen. Norzinco und PPM werden von einem Team der Kanzlei FPS um die Insolvenzrechtler Daniel Herper und Holger Jakob als Generalbevollmächtigte begleitet. Weser-Metall und Harz-Metall werden von der Kanzlei Dentons bei der Restrukturierung in Eigenverwaltung begleitet. Das Team um Andreas Ziegenhagen und Dirk Schoene berät zudem das deutsche Management der Recyclex-Gruppe.

Der Wäsche-Filialist Herzog & Bräuer will sich über ein Eigenverwaltungsverfahren sanieren. Vorläufiger Sachwalter ist Jörg Schädlich (Kanzlei Stapper Jacobi Schädlich). Als Generalbevollmächtigter tritt Stefan Ettelt (Kanzlei Kulitzscher & Ettelt) in die Geschäftsleitung ein. Simon Leopold (ABG Consulting-Partner) kommt als Sanierungsgeschäftsführer in das Unternehmen.  Der Einzelhandelsfilialist betreibt insgesamt 115 Fachgeschäfte für Wäschekollektionen, die im Frühjahr aufgrund der Coronakrise für mehrere Wochen geschlossen werden mussten.

Distressed M&A-Deals

Ein Bieterkonsortium um den ehemaligen CEO International Franchising der Vapiano-Gruppe, Mario C. Bauer, will die Vapiano-Tochtergesellschaften in Frankreich und Luxemburg übernehmen. Der Gläubigerausschuss der insolventen Restaurantkette hat dem Angebot zugestimmt. Das Konsortium will 75 Prozent der Anteile an dem Tochterunternehmen L’Avenir sowie nicht näher bezifferte Forderungen und Vermögensgegenstände der Tochtergesellschaften in Frankreich und Luxemburg zu einem Gesamtkaufpreis von 22 Millionen Euro übernehmen. Die M&A-Transaktion soll im Juni abgeschlossen werden und muss noch mit dem Bankenkonsortium abgestimmt werden. Aus den Erlösen sollen zunächst vorrangig besicherte Gläubiger befriedigt werden, der Rest soll ins Unternehmen fließen. Zwölf österreichische Standorte hat bereits Josef Donhauer übernommen, Betreiber des Cateringunternehmens DoN.  

Der Fluglinie Condor hofft nach der gescheiterten Übernahme durch die polnische Lot auf ein baldiges Ende des Schutzschirmverfahrens. Laut CEO Ralf Teckentrup werde derzeit ein neuer Sanierungsplan für die Airline erarbeitet, der weitgehend dem vorherigen Plan entspreche, zitierte das Fachmagazin „fvw“. Vor einem erneuten Verkaufsanlauf müsse sich der Markt beruhigen. Condor war im September 2019 in ein Schutzschirmverfahren gegangen. 

Der Verlag Bastei Lübbe verkauft über einen Management-Buy-out einen 41-prozentigen Anteil am Spieleentwickler Daedalic Entertainment an den Gründungsgesellschafter Carsten Fichtelmann sowie den kaufmännischen Geschäftsführer Stephan Harms. Über die Höhe des Kaufpreises wurde Stillschweigen vereinbart. Bastei Lübbe behält eine Minderheitsbeteiligung von 10 Prozent an Daedalic. Auf den Spieleentwickler musste der Verlag zuletzt hohe Abschreibungen vornehmen. Ein Team von Osborne Clarke (Federführung Rudolf-Matthias Hübner) hat Bastei Lübbe beim Verkauf beraten.

 

Der Messedienstleister HMS Easy Stretch aus Heilbronn hat einen Investor gefunden. Es handele sich um einen mittelständischen Geldgeber aus der Region, dessen Name nicht veröffentlicht werden soll. Über das Vermögen von HMS war Anfang April das Insolvenzverfahren eröffnet worden, als Insolvenzverwalterin war Heike Metzger (Pluta) eingesetzt. Die Gespräche mit dem Investor liefen seit März, im April unterzeichnete dieser einen unverbindlichen Vorvertrag. Die Heilbronner Kanzlei Legasus hat den Investor beraten. Das Geschäft wird künftig in der neuen Gesellschaft HMS Design Solutions geführt.

Die US-amerikanische Precision Surfacing Solutions Gruppe (PSS) übernimmt die Assets der insolventen ISOG Technology, darunter Patente, Rechte, Technologie-Know-how sowie Vorräte. ISOG hatte vom Oktober 2016 an bereits ein Eigenverwaltungsverfahren durchlaufen, damals waren die Bayerische Beteiligungsgesellschaft sowie Endurance Capital als Investoren eingestiegen. Ein Auftragseinbruch im zweiten Halbjahr 2019 führte nun zur erneuten Krise, ISOG musste Ende Januar Insolvenz anmelden. Insolvenzverwalter Robert Hänel (Anchor Rechtsanwälte) hatte das Beratungshaus Falkensteg mit dem Vermarktungsprozess beauftragt. Der Käufer PSS wurde von Elsässer Rechtsanwälte beraten.  

Beendete Insolvenz- und Sanierungsverfahren

Die Forderungen der Gläubiger des insolventen IT-Unternehmens Di Omega aus Frankfurt können laut Insolvenzverwalter Frank Mößle (Pluta) vollständig befriedigt werden. Das Unternehmen hatte im April 2018 wegen Liquiditätsproblemen einen Insolvenzantrag gestellt. Maßgeblich für die hohe Quote sei es gewesen, dass das Unternehmen alle wichtigen Projekte planmäßig habe beenden können. Zudem seien Dauerschuldverhältnisse zügig beendet worden. Die Ausschüttung an die Gläubiger ist bereits erfolgt, auch der Gesellschafter erhielt einen noch verbliebenen Erlös ausgezahlt.

Die neuesten Restrukturierer-Personalien

Der Insolvenzrechtler André Wehner wechselt zum 1. Juni zu Pluta Rechtsanwälte. Er wird im Team von Stefan Meyer an den Standorten Bielefeld, Lübbecke, Münster, Osnabrück und Paderborn arbeiten. Wehner war mehrere Jahre als Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter für die Kanzlei Flöther & Wissing tätig und arbeitete seit 2015 als Syndikusrechtsanwalt für E.on sowie als niedergelassener Anwalt.

Anne Deike Riewe ist als Counsel in die Praxisgruppe Restrukturierung von Eversheds Sutherland eingetreten. Sie war seit 2014 mit einer eigenen Kanzlei am Markt und arbeitete zuvor für Beiten Burkhardt und CMS Hasche Sigle. Riewe ist stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht und Sanierung im Deutschen Anwaltverein.

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