Trübe Stimmung bei der deutschen Wirtschaft: Die Zahl der Gewinnwarnung legte 2019 deutlich zu.

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18.02.20
Wirtschaft

Trauriger Rekord bei Gewinnwarnungen

Deutschlands CFOs mussten 2019 so oft ihre Gewinnprognosen kassieren wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Auch für 2020 sehen Experten schwarz – das liegt unter anderem an dem Coronavirus.

In Deutschland ist die Zahl der Gewinnwarnungen im vergangenen Jahr auf ein neues Rekordniveau gestiegen. Die 306 im Prime Standard gelisteten Unternehmen mussten insgesamt 171 mal eingestehen, dass sie die zuvor ausgegebenen Umsatz- und Gewinnziele verfehlen werden, wie aus einer aktuellen Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) hervorgeht. Noch nie seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2011 gab es mehr Gewinnwarnungen, allein im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies einen Anstieg um 25 Prozent.

CFOs von kleineren Unternehmen lagen im vergangenen Jahr mit ihren Prognosen besonders oft daneben: Während im deutschen Leitindex Dax die Anzahl der Warnungen von 16 auf 11 zurückging, verdoppelte sich die Anzahl im SDax beispielsweise auf 50. Im Schnitt korrigierten die Unternehmen ihre Erwartungen für das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 37 Prozent nach unten.

„2019 war ein sehr schwieriges Jahr für viele deutsche Unternehmen. Die Aussichten waren zwar ohnehin nicht übermäßig positiv – tatsächlich entwickelten sich die Geschäfte aber vielfach noch schlechter als erwartet“, kommentiert Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY das Ergebnis.

Automobilbranche fast flächendeckend betroffen

Wenig überraschend kommen die meisten Berichtigungen aus der Automobilbranche, die nahezu flächendeckend ihre Ziele verpasste: Zehn der zwölf börsennotierten Hersteller beziehungsweise Zulieferer kassierten ihre Prognose. So schockte Daimler Mitte 2019 die Anleger, indem der Konzern innerhalb von drei Wochen zwei Gewinnwarnungen hintereinander verkündete. VW und BMW mussten in Sachen Prognose ebenfalls die Notbremse ziehen.

„Die weltweite Autokonjunktur entwickelt sich schwach, die technologischen Herausforderungen sind enorm“, sagt Marc Förstemann, Partner bei EY in der operativen Restrukturierungsberatung. Daran dürfte sich in diesem und nächstem Jahr nichts ändern. Neben den Nachwehen der Dieselkrise und dem Erfüllen der ambitionierten CO2-Vorgaben der EU-Kommission koste vor allem der Ausbau der Elektromobilität die Autokonzerne Milliarden, so der EY-Experte.

Meldungen sorgten für erhebliche Kursbewegungen

Ebenfalls vom Negativstrudel erfasst wurden eng mit der Autobranche verbundene Wirtschaftszweige, wie etwa der Chemiesektor, wo mehr als die Hälfte der Unternehmen mindestens eine Warnung herausgab. Prominentes Beispiel war der Dax-Konzern BASF, der seine Gewinnziele im vergangenen Juli massiv senkte.

Trotz der allgemein bekannten konjunkturellen Eintrübung ließen die Anleger die börsennotierten Unternehmen ihren Unmut deutlich spüren: So brach der Aktienkurs am Tag der Gewinnwarnung  durchschnittlich um 7 Prozent ein. Zum Vergleich: Bei einem Übertreffen der Prognose, die im Schnitt bei 18 Prozent lag, ging es hingegen um 4 Prozent nach oben.

Energie-CFOs heben Prognosen an

Für positive Nachrichten sorgte hingegen der Energiesektor: Hier kam es im Branchenvergleich zu den meisten Prognoseanhebungen. So konnten mehr als die Hälfte die eigene Zielvorgabe übertreffen.

Ebenfalls überdurchschnittlich positiv schlugen sich die Branchen Pharma, Medizintechnik, Biotechnologie, Technologie und die Finanzdienstleister. Hier legten zwei von fünf Unternehmen bei der eigenen Prognose noch einmal zu. Aufgrund dieser Entwicklung will EY-Partner Marc Förstemann denn auch nicht von einer flächendeckenden Krise sprechen.

Allerdings: Erstmals seit 2014 lag die Zahl der Unternehmen mit positiven Prognoseänderungen wieder unter denen mit verfehlten Prognosen. So standen den 171 Gewinn- oder Umsatzwarnungen lediglich 125 positive Mitteilungen gegenüber. 2018 hielten sich beide Seiten noch die Waage.

Coronavirus wird 2020 zur Belastung

Und der Ausblick für 2020 sieht kaum besser aus: So rechnen die EY-Experten angesichts der Ausbreitung des Coronavirus mit einer schwachen weltweiten Konjunkturentwicklung im ersten Quartal und – damit verbunden – weiteren Prognosekorrekturen. „Die Ausbreitung des Coronavirus wird neben den humanitären auch erhebliche wirtschaftliche Folgen haben“, meint Förstemann. So würden die massiven Maßnahmen der chinesischen Behörden zur Eindämmung der Epidemie die chinesische Wirtschaft samt weltweiten Lieferketten bremsen.

„China dürfte als Wachstumslokomotive im ersten Quartal ausfallen – das werden wir auch in Europa zu spüren bekommen“, so der Experte. Neben dem Transport- und dem Rohstoffsektor dürften auch viele Konsumgüterhersteller und die Autobranche betroffen sein.

Einen Vorgeschmack lieferte am gestrigen Montagabend Apple. Das US-Unternehmen kassierte aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der chinesischen Epidemie seine Umsatzprognose für das laufende Quartal. So sei die iPhone-Produktion langsamer als geplant hochgefahren worden, was zu Lieferengpässe geführt habe, ließ der Konzern aus Cubertino mitteilen. Auch fiel der Absatz von Apple-Produkten in China selbst zurück, da viele Geschäfte und auch die Apple-Stores zeitweise geschlossen blieben.


martin.barwitzki[at]finance-magazin.de