Staatliche Hilfsmaßnahmen retten gerade viele Unternehmen. Doch die Furcht vor Zombie-Unternehmen steigt.

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19.11.20
Wirtschaft

Warum die große Insolvenzwelle bisher ausbleibt

Mit Hilfskrediten, Kurzarbeitergeld und der phasenweisen Aussetzung der Antragspflicht stemmt sich die Bundesregierung gegen die drohende Insolvenzwelle. Trotzdem gibt es schon jetzt mehr Großinsolvenzen als im Vorjahr – und ein großes Risiko.

Insgesamt 138 Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 20 Millionen Euro mussten in den ersten drei Quartalen dieses Jahres Insolvenz beantragen. Das zeigt der FINANCE-Insolvenz-Report, den die Restrukturierungsberatung Falkensteg exklusiv für FINANCE anfertigt und den Sie hier kostenlos herunterladen können. Damit liegt die Zahl der Großinsolvenzen schon jetzt über der Gesamtzahl des Jahres 2019, als in dieser Größenordnung 120 Insolvenzen gezählt wurden.

Die Dynamik hat sich im Jahresverlauf allerdings etwas abgemildert: Gab es im zweiten Quartal 2020 infolge der Coronavirus-Pandemie noch 61 Großinsolvenzen, wurden im dritten Quartal mit 31 Unternehmen nur noch halb so viele Anträge gestellt. 

Mehr Zombies durch niedrige Insolvenzzahlen?

Dass die Zahlen zurückgegangen sind, liegt auch an umfassenden staatlichen Maßnahmen wie Hilfskrediten und dem Kurzarbeitergeld. Auch die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, die für überschuldete Unternehmen noch bis Jahresende greift, hält die Zahlen derzeit niedrig. Allerdings gibt es auch eine Schattenseite dieser Hilfsmaßnahmen: So würden „die selbstregulierenden Kräfte des Marktes aufgehoben“, moniert Falkensteg-Partner Johannes von Neumann-Cosel.

Jetzt bahnt sich noch ein mögliches weiteres Risiko an: Die von vielen Sanierern lang ersehnte präventive Sanierung als vorinsolvenzliches Verfahren, deren Umsetzung bislang für den Jahreswechsel erwartet wurde, könnte sich womöglich verzögern. Gestern diskutierte der Bundestag über den Gesetzesentwurf, in der kommenden Woche berät der Rechtsausschuss zum Thema.

Im Markt kursieren Gerüchte, dass die Umsetzung erst zum Beginn des zweiten Quartals 2021 erfolgen könnte, da einige Details, unter anderem zur Beendigung von Vertragsverhältnissen im präventiven Rahmen, noch strittig sind. Sollte die präventive Sanierung jedoch erst später nutzbar sein, stellt sich die Frage, ob dann nicht auch die Insolvenzantragspflicht noch länger ausgesetzt bleiben sollte. Andernfalls dürfte in der Phase dazwischen weiteren Unternehmen der Gang in die Insolvenz drohen.

„Es werden derzeit viele tote Geschäftsmodelle finanziert.“

Johannes von Neumann-Cosel, Falkensteg

Die staatlichen Eingriffe schüren die Sorge vor sogenannten Zombie-Unternehmen, die lediglich durch günstige Kredite künstlich am Leben gehalten werden. Es würden derzeit „viele tote Geschäftsmodelle finanziert“, beobachtet von Neumann-Cosel. Erst in rund zwölf Monaten werde sich zeigen, welche Unternehmen wirklich gut durch die Krise gekommen seien.

„Die Unternehmen müssen die Zeit nutzen, um aufzuräumen und ihre strategischen sowie operativen Probleme zu lösen“, rät er. Für besonders gefährdet hält der Distressed M&A-Spezialist angesichts des zweiten Teil-Lockdowns Einzelhändler, die den Sprung in den Online-Handel noch nicht geschafft haben. 

Insolvenz in Eigenverwaltung ist gefragt

Besonders viele Unternehmen wählen für ihre Restrukturierung derzeit den Weg über eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Im dritten Quartal wählten 23 der 31 Unternehmen, die in der FINANCE/Falkensteg-Statistik für Großinsolvenzen erfasst sind, diesen Weg. Unter den zehn größten Insolvenzen sind acht Eigenverwaltungen, darunter auch das nach Umsatz größte Verfahren der KSM Castings Gruppe mit 360 Millionen Euro Umsatz, die ein Schutzschirmverfahren anstrebt. 

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Auch Rehms Building Technology (150 Millionen Euro Umsatz) hat beim Antrag im Juli die Eigenverwaltung gewählt. Die besondere Herausforderung lag bei Rehms darin, dass die Gruppe nach einer Buy-and-Build-Strategie aus vielen Unternehmen mit unterschiedlichen Strukturen bestand. Die nicht-insolventen Geschäftsteile mussten aus diesem Strudel herausgehalten werden, berichten die Sanierungsgeschäftsführer Nils Meißner und Mike Westkamp (beide Görg) im Insolvenz-Report. Inzwischen wurden die Unternehmen an mehrere Investoren veräußert. 

Fast jedes zweite Insolvenzverfahren beendet

Mehr als 40 Prozent der 2020 beantragten Insolvenzverfahren sind nach Ablauf des dritten Quartals bereits abgeschlossen: In 30 Fällen erfolgte wie bei Rehms eine Übertragung im Zuge eines Asset Deals, in 20 Fällen mussten die Unternehmen liquidiert werden. Zwei Insolvenzanträge wurden zurückgezogen, acht Unternehmen sanierten sich über einen Insolvenzplan.

Damit sind 78 Fälle aus dem laufenden Jahr noch unbearbeitet. Auch aus dem Vorjahr warten 17 Insolvenzverfahren noch auf einen Abschluss, sogar aus 2018 sind noch fünf Verfahren anhängig.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Wie sich die Zahl der von Kurzarbeit und Insolvenz betroffenen Mitarbeiter in den vergangenen Monaten verändert hat, welche großen Verfahren im dritten Quartal zum Abschluss gekommen sind und wie die Sanierungsgeschäftsführer bei der Rehms-Gruppe gegen Abwerbeversuche von Wettbewerbern kämpfen mussten, lesen Sie im neuen FINANCE-Insolvenz-Report.

Welche rechtlichen Vorgaben bei Insolvenzanträgen gelten und wie betroffene Unternehmen mit der Situation umgehen, lesen Sie auf der Themenseite Insolvenz.