Kabel- und Bordnetzspezialist Leoni: Die Auswirkungen des Coronavirus dürften im IDW-S6-Gutachten noch nicht reflektiert worden sein.

Leoni

16.03.20
Wirtschaft

Wie belastbar ist das Leoni-Gutachten?

Dank eines positiven Sanierungsgutachtens hat sich der kriselnde Kabel- und Bordnetzspezialist Leoni mit seinen kreditgebenden Banken auf ein Finanzierungspaket geeinigt. Aber wie sehr sind da auch schon die Corona-Verwerfungen reflektiert?

Der kriselnde Automobilzulieferer Leoni hat seine finanzierenden Banken vorerst an Bord gehalten: Ein Sanierungsgutachten nach IDW S6 habe die Sanierungsfähigkeit und die Durchfinanzierung bestätigt, ließ das Nürnberger Unternehmen mitteilen. Dieses hatten die kreditgebenden Geldhäuser zur Bedingung gemacht, um weitere 200 Millionen Euro als zusätzliche Liquidität bereitzustellen.

Das Gutachten beruht auf einem Konzept zur Restrukturierung, das Leoni mit externen Sachverständigen für die Jahre 2020 bis 2022 ausgearbeitet hat. Dieses knüpft an das bereits in der Umsetzung befindliche Performance-Programm „Value 21“ an.

„Das vorliegende Gutachten gibt uns, unseren Mitarbeitern und allen unseren Partner zusätzliche Sicherheit und bestätigt, dass wir uns mit unserem Perfomance - und Strategieprogramm Value 21 auf dem richtigen Weg befinden“, sagte Leoni-CEO Aldo Kamper. Mit Hilfe des Programms will Leoni bis 2022 jährliche Kosteneinsparungen in Höhe von 500 Millionen Euro realisieren.

Leoni will Maßnahmenpaket umsetzen

Gleichzeitig einigte sich der Konzern nun mit Kreditgebern, bei denen es sich nach FINANCE-Informationen um die Deutsche Bank, die Commerzbank, die BayernLB, die Unicredit, die HSBC und die Citibank handeln soll, auf ein Maßnahmenpaket. Dieses sieht vor allem die „erhebliche Ausweitung“ von Factoring-Programmen sowie Sale-and-Leaseback-Transaktionen von Vermögenswerten in Deutschland und China vor.

Am seidenen Kabel

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Zudem sollen die bestehenden bilateralen Kreditlinien in eine weitere Konsortialkreditlinie umstrukturiert werden. Dies führt Leoni zufolge zu einer Verbesserung der Fälligkeitsstruktur, da die Finanzmittel bis Ende 2022 fest verfügbar seien. Eine bestehende Konsortialkreditlinie aus dem Jahr 2018 sei von den Maßnahmen nicht berührt. Bis zur Rückzahlung der neu aufgenommenen Kredite will Leoni keine Dividende mehr auszahlen.

Mit dem nun beschlossenen Maßnahmenpaket kann Leoni seine Liquidität nach eigenen Angaben um mindestens 200 Millionen Euro erhöhen – das ist ziemlich genau die Summe, die der Konzern in den kommenden Monaten für auslaufende Schuldscheindarlehen aufbringen muss.

Wie hart trifft die Corona-Krise Leoni?

Aus dem Schneider ist Leoni trotz der neuen Finanzierung jedoch nicht, mahnt Warburg-Analyst Marc-Rene Tonn in einer aktuellen Studie. Sein Hauptkritikpunkt: Das IDW-S6-Gutachten reflektiere nicht den aktuellen Stand der Entwicklungen in der Coronakrise. Der Analyst hat die Sorge, dass sich die Grundannahmen des Gutachtens als zu optimistisch erweisen könnten. Wie ein Unternehmenssprecher gegenüber FINANCE sagte, seien in das Gutachten Datenstände aus dem Februar eingeflossen. Es seien jedoch auch verschiedene corona-bezogene Szenarien modelliert worden.

Die Berechnungen von Warburg Research sind nicht sehr optimistisch: Das Analysehaus rechnete ohnehin bereits mit einem negativen Free Cashflow von minus 132 Millionen Euro für dieses Jahr – es sei sehr wahrscheinlich, dass das Endergebnis deutlich schlechter ausfallen könnte, warnt Tonn. Die Liquiditätsposition könnte daher trotz der jüngsten Maßnahmen zum Problem werden. Das Analysehaus geht davon aus, dass die Nettoverschuldung (inklusive Pensionsverpflichtungen und Factoring-Maßnahmen) mit 1,85 Milliarden Euro Ende 2021 ihren Höhepunkt erreichen dürfte.

Auch an der Börse ging es mit dem allgemeinen Corona-Abwärtsstrudel auch für die im SDax-gelistete Leoni nach unten. Die Aktien verloren am Montag weitere 16 Prozent und notieren nun unter 6 Euro.

Leoni holt Sanierer in den Vorstand

Umsetzen und Koordinieren soll die Maßnahmen zur Leoni-Rettung der bisherige Generalbevollmächtigte Hans-Joachim Ziems. Der Sanierungsexperte, bereits seit August 2019 bei Leoni als Berater mandatiert, wechselt zum 1. April 2020 als Chief Restructuring Officer (CRO) in den Vorstand.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

Lesen Sie mehr über die aktuellen Entwicklungen bei dem Automobilzulieferer auf unserer Themenseite zu Leoni. Mehr über die bisherige Karriere von Finanzchefin Ingrid Jägering erfahren Sie auf ihrem Profil bei FINANCE-Köpfe.