Bei Wirecard spitzt sich die Lage immer weiter zu. Der FINANCE-Ticker fasst die wichtigsten Geschehnisse zu dem Zahlungsdienstleister zusammen.

Wirecard AG

03.07.20
Wirtschaft

Wirecard-Ticker: Das Aktuellste zum Bilanzskandal

Arbeitet Wirecard schon seit 2014 mit falschen Zahlen? Uns was steckt hinter dem Hilfsangebot der Deutschen Bank? Alle neuen Entwicklungen zum Wirtschaftskrimi in unserem Wirecard-Ticker.

3. Juli 2020

10.30 Uhr: Fälscht Wirecard schon seit 2014?

Gehen die Bilanzmanipulationen bei Wirecard länger zurück als gedacht? Einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge soll die Führungsriege bereits 2014 damit angefangen haben, Umsätze und Erlöse aufzupumpen. Davon gehe die Staatsanwaltschaft München I aus. Ziel der mutmaßlichen Betrügereien sei es gewesen, den Konzern finanzkräftiger und somit attraktiver erscheinen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft stütze sich dabei auf zahlreiche interne Unterlagen von Wirecard, heißt es weiter.

2. Juli 2020

17.09 Uhr: Deutsche Bank an Wirecard Bank interessiert?

Die Deutsche Bank prüft in Abstimmung mit der Bafin, dem Insolvenzverwalter der Obergesellschaft Wirecard AG und dem Vorstand der Wirecard Bank mögliche finanzielle Hilfen. „Wir können uns grundsätzlich vorstellen, im Rahmen der Fortführung der Geschäftsaktivitäten diese Unterstützung zu gewähren, sofern es erforderlich werden sollte“, hieß es seitens der Bank.

Einem Bericht des „Handelsblatt“ zufolge, bringt sich die Deutsche Bank damit womöglich in eine gute Ausgangsposition für eine Übernahme der Wirecard Bank, welche im Gegensatz zur Mutter nicht insolvent ist. Eine mit dem Thema vertraute Person sagte dem Handelsblatt, dass die Deutsche Bank über einen Überbrückungskredit nachdenke, um dann zu einem späteren Zeitpunkt dort einzusteigen. Das Frankfurter Institut wolle stärker im Zahlungsverkehr aktiv werden, lautete die Begründung.

12:56 Uhr: Sechs Wirecard-Töchter insolvent

Wirecard hat nun auch für sechs seiner Töchter Insolvenz angemeldet, wie das Amtsgericht München bekannt gab. Auch dafür übernimmt Michael Jaffé die Insolvenzverwaltung. Es handelt sich dabei um Wirecard Acceptance Technologies, Wirecard Sales International Holding, Wirecard Service Technologies, Wirecard Issuing Technologies, Wirecard Technologies und Wirecard Global Sales.

11.55 Uhr: Softbank will wohl Zusammenarbeit beenden

Ein weiterer schwerer Schlag für Wirecard: Nun will wohl die Softbank das fünfjährige Abkommen zur Zusammenarbeit kündigen, berichtet das „Wall Street Journal“ unter Verweis auf Insider. Der Deal hatte für viel Aufmerksamkeit gesorgt: Die Softbank hatte im April 2019 über eine Wandelanlehie etwa eine halbe Milliarde Dollar investiert.

Zudem wurde ein strategischer Kooperationsvertrag geschlossen, wonach Wirecard digitale Zahlungen für andere Unternehmen aus dem Softbank-Portfolio übernehmen sollte – ein wichtiger Deal für Wirecard. Außerdem sollte die Softbank die Expansion in Japan und Südkorea unterstützen.

10.44 Uhr: Aldi Süd kehrt Wirecard den Rücken

Und wieder springt ein wichtiger Kunde bei Wirecard ab: Jetzt hat Aldi Süd dem Zahlungsdienstleister den Rücken gekehrt. Die Meldung, über die „Finanzszene.de“ zuerst berichtete, hat Aldi Süd bestätigt. Der Handelskonzern setzt nun auf Payone, ein Joint Venture der deutschen Sparkassen und der französischen Ingenico. Zuvor hatten sich etwa schon der Mitfahrdienst Grab oder der Telekomkonzern Orange von Wirecard verabschiedet.

1. Juli 2020

11.28 Uhr: Razzia bei Wirecard

Am Mittwochmorgen ist die Staatsanwaltschaft beim Skandalkonzern Wirecard angerückt. Dutzende Ermittler hätten in einer groß angelegten Durchsuchung fünf Gebäude in Deutschland und Österreich durchsucht, darunter waren die Firmenzentrale im Münchner Vorort Aschheim und zwei Objekte in Österreich. Das erklärte die Staatsanwaltschaft München.

Dabei sei es in erster Linie um die Vorwürfe der Bilanz- und Marktmanipulation gegangen, die unter anderem gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun erhoben werden. Der "Süddeutschen Zeitung" zufolge soll auch das Privathaus von Braun in Wien durchsucht worden sein.

08.38 Uhr: Oldenburger haben Brauns Deals finanziert

Nach einem Bericht des „Spiegel“ könnte die Oldenburgische Landesbank die jüngsten Aktienkäufe von Markus Braun finanziert haben, mit denen der Ex-CEO noch im Mai versucht hatte, sich gegen die nervöse Investorenstimmung zu stemmen – innerhalb der Periode, in der Vorstände eigentlich keine Aktien des eigenen Unternehmens kaufen dürfen. Etwa zur gleichen Zeit habe Braun einen Kredit über 120 Millionen Euro bei der Oldenburgischen Landesbank aufgenommen, der mit zwei seiner Immobilien im Wert von 30 Millionen Euro besichert gewesen sei. Auf eine Anzeige eines österreichischen Anwalts hin ermitteln nun auch die österreichischen Behörden gegen den seit gestern Abend auch offiziell gefeuerten Braun und seinen Adlatus Jan Marsalek wegen Marktmanipulation und Betrugs. 

08.03 Uhr: Investorensuche gestartet

Der Gläubigerausschuss von Wirecard und Insolvenzverwalter Michael Jaffé haben einen internationalen Investorenprozess für diverse Unternehmensteile von Wirecard gestartet. Dafür sollen mehrere Investmentbanken eingeschaltet werden. Die Details bekommen Sie hier.

30. Juni 2020

9.21 Uhr: Wirecards US-Tochter setzt sich ab

Das Wirecard-Reich zerfällt: Nun hat die US-Tochter des Pleitekonzerns angekündigt, sich selbst zum Verkauf zu stellen, um in einen sicheren Hafen zu gelangen. Die Amerikaner betonen, eine „sich selbst tragende Einheit“ zu sein, die „weitgehend autonom“ vom insolventen Mutterkonzern agiere. Sie war entstanden, nachdem Wirecard im Jahr 2016 das Prepaid-Kreditkartengeschäft der Citigroup übernommen hatte. Dafür hatte Wirecard über 200 Millionen Euro bezahlt.

29. Juni 2020

14.02 Uhr: Marsalek will sich doch nicht stellen

Nun scheint es offiziell zu sein: Wirecards Ex-Vorstand Jan Marsalek, der sowohl das Drittpartner- als auch das Asiengeschäft des Skandalkonzerns verantwortet hat, befindet sich auf der Flucht. Seine Aussage aus der vergangenen Woche, sich der Justiz stellen zu wollen, ist hinfällig, wie NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ berichten. Der Manager ist in Asien untergetaucht und soll sich jüngsten Informationen zufolge auf den Philippinen oder in China aufhalten. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor. Nach Informationen des „Handelsblatts“ sucht inzwischen auch Interpol nach dem Österreicher.  

12.49 Uhr: Deutsche Börse will Dax-Regeln ändern

Die Deutsche Börse will als Lehre aus dem Wirecard-Skandal die Regeln zur Mitgliedschaft im Dax überprüfen. „Das Vertrauen in den Kapitalmarkt hat offensichtlich gelitten”, erklärte der Börsenbetreiber. „Deshalb haben wir uns entschlossen, die Regelwerke unter Einbindung der Regulatoren und die Regeln für die Zugehörigkeit zur Dax-Familie einer vertieften Prüfung zu unterziehen und zu überarbeiten.” Bis zum Abschluss dieses Konsultationsprozesses dürften allerdings noch mehrere Monate vergehen.

11.44 Uhr: Fahnder suchen verschwundene Millionen

Wie das „Handelsblatt“ berichtet, untersuchen Fahnder bei Wirecard nun auch diverse Transaktionen und Darlehensgeschäfte, über die Gelder in stattlicher Millionenhöhe aus dem Konzern abgeflossen sein sollen – an unbekannte Empfänger. Im Zentrum der Untersuchungen steht der Kauf eines indischen Zahlungsdienstleisters im Oktober 2015 für 340 Millionen Euro, die größte Akquisition der Wirecard-Geschichte. Nach Informationen der Zeitung hat der Konzern überraschend auch seinen Rechtsbeistand ausgetauscht. Die Compliance-Kanzlei Ufer Knauer ist ihr Mandat demnach schon nach wenigen Wochen wieder los. Nun lässt sich Wirecard von dem Compliance-Anwalt André Große Vorholt von der Kanzlei Luther vertreten. 

11.15 Uhr: Hedgefonds machen Riesen-Reibach

Über 1,1 Milliarde Euro haben Shortseller nach einer Zählung der „Financial Times“ in der vergangenen Woche durch die Wirecard-Pleite verdient. Am meisten kassierte mit 220 Millionen Euro der US-Hedgefonds Slate Path Capital. Der Hedgefonds TCI des bekannten Investors Chris Hohn machte 192 Millionen Euro, Marshall Wace 150 Millionen. 

10.03 Uhr: Erste Kaufinteressenten für Wirecard

Nach Informationen der FAZ bringen sich die ersten Kaufinteressenten für bestimmte Teile von Wirecard in Stellung. In ihrem Bericht nennt die Zeitung den Zahlungsdienstleister Worldline, der gerade auch Ingenico übernimmt, sowie ungenannte Private-Equity-Investoren.  

26. Juni 2020

12.22 Uhr: Brüssel setzt die Esma auf Wirecard an

Die EU-Kommission setzt die europäische Finanzaufsicht Esma auf den Wirecard-Skandal an. Einen ersten Untersuchungsbericht soll die Esma schon bis zum 15. Juli abliefern. Die Esma soll laut der Vorgabe aus Brüssel auch untersuchen, ob die Reaktion der Aufsichtsbehörden angemessen gewesen ist.

9.08 Uhr: Befindet sich Jan Marsalek in China?

Die SZ berichtet, dass sich der ehemalige COO von Wirecard womöglich in China aufhalten könnte. Daten der philippinischen Einwanderungsbehörde zufolge soll Jan Marsalek am Dienstag in das südostasische Land eingereist sein und sich am Mittwoch über den Flughafen Cebu nach China aufgemacht haben. Es gibt jedoch keine Videoaufnahmen, die belegen, dass er auch tatsächlich an Bord der Flugzeugs gegangen ist. Gegen Marsalek und andere ehemalige Wirecard-Vorstände ermittelt die Staatsanwaltschaft München, es liegen Haftbefehle vor. 

25. Juni 2020

18.11 Uhr: Michael Jaffe soll Insolvenzverwalter werden

Der Münchner Rechtsanwalt und Sanierungsexperte Michael Jaffe soll sich um den Insolvenzfall Wirecard kümmern, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Dem Amtsgericht München zufolge sei Jaffe als Sachverständiger bestellt worden, um ein Gutachten über den Insolvenzantrag zu erstellen. Bekannt wurde Jaffe in seiner Rolle als Insolvenzverwalter des Medienkonzerns von Leo Kirch. Derzeit ist Jaffe auch Insolvenzverwalter der Firma P&R, die Schiffscontainer in großem Stil als Anlageobjekt verkauft hat. Es stellte sich heraus, dass ein großer Teil der Container überhaupt nicht existierte.

16.26 Uhr: Shortseller Hohn: „Wirecard ist nicht zu retten.“

Der britische Hedgefonds-Mangager Christopher Hohn hat mit Leerverkäufen der Wirecard-Aktie bereits 200 Millionen Dollar verdient. Er glaubt, dass die Lage bei Wirecard aussichtslos ist: „Wirecard hat in meinen Augen keine Assets, die als Übernahmekandidat attraktiv wären“, sagte er im „Handelsblatt“. Die Firma sei nicht zu retten. Hohn kritisiert auch den Aufsichtsrat von Wirecard, der diese Machenschaften viel zu lange zugelassen habe. „Der gesamte Aufsichtsrat hat versagt und sollte zur Verantwortung gezogen werden“, so Hohn, der bei Wirecard schon Ende April personelle Konsequenzen gefordert hat. Seine in Verruf geratene Branche sieht er durch den Fall Wirecard rehabilitiert: „Shortseller spielen eine wichtige Rolle, um Betrug ans Licht zu bringen.“

15.34 Uhr: Welche Rolle spielten die Banken?

Wirecard muss Insolvenz anmelden – und es steht die Frage im Raum, welche Rolle die kreditgebenden Banken dabei gespielt haben. Nach Informationen der F.A.Z. fanden die Verhandlungen mit den Banken unter großem Zeitdruck statt. Die gesamte Liquidität des Konzerns, die in der Wirecard-Bank liegt, stand laut F.A.Z. dem Wirecard-Konzern nicht mehr zur Verfügung. Das Geld hätte somit nicht einmal mehr gereicht, um etwa die Gehälter der Mitarbeiter zu zahlen. Die Gläubigerbanken wollten hier aber nicht einspringen, heißt es.

Doch es gibt auch andere Stimmen aus dem Umfeld der Verhandlungen. So zitiert die F.A.Z. eine Person mit dem Satz: „Von uns hat keiner den Stecker gezogen. Die Gespräche waren bis zuletzt konstruktiv.“ Eigentlich hatten sich die Banken gerade erst darauf verständigt, wenigstens noch bis Freitag still zu halten und danach zu entscheiden.

Die größten Verluste verzeichnen laut F.A.Z. Commerzbank, LBBW, ABN Amro und ING. Diese hätten Wirecard jeweils 200 Millionen Euro an Kreditlinie zugesagt, die je nach Bank von Wirecard zu 90 bis 95 Prozent gezogen worden sein sollen. 80 Millionen Euro kamen von der DZ Bank und der Deutschen Bank, 175 Millionen Euro von der österreichischen Raiffeisenbankengruppe.

14.49 Uhr: Bafin hat Warnungen eines Whistleblowers erhalten

Einem Bloomberg-Bericht zufolge soll die Bafin schon vor mehr als einem Jahr Insiderinformationen zu Unregelmäßigkeiten bei Wirecard erhalten haben. Das gehe aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage von Bundestagsabgeordneten hervor. Das erhöht den Druck auf Bafin-Chef Felix Hufeld, der bereits Fehler eingestanden hatte. Er muss am 1. Juli dem Finanzausschuss des Bundestags Rede und Antwort stehen.

10.31 Uhr: Wirecard stellt Insolvenzantrag

Jetzt ist es passiert: Wirecard hat Insolvenzantrag gestellt. Als Gründe nennt der Dax-Konzern drohende Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Für Tochtergesellschaften werden weitere Insolvenzanträge geprüft.

Wird Wirecard den Bilanzskandal überleben?

24. Juni 2020

18.30 Uhr: Marsalek will sich wohl Justiz stellen

Einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge will sich Wirecards Ex-COO Jan Marsalek offenbar der Münchener Staatsanwaltschaft stellen. Sein Kalkül sei es, dafür im Gegenzug gegen Kaution und weitere Auflagen nicht in Untersuchungshaft zu müssen, schreibt die Zeitung weiter. So war es zumindest bei dem Ex-CEO Markus Braun abgelaufen.

Marsalek soll sich jetzt auf den Philippinen aufhalten. Auch die Philippinen selbst haben inzwischen Ermittlungen im Zuge des Bilanzskandals bei Wirecard eingeleitet und suchen Marsalek. Laut Justizminister Menardo Guevarra habe er die Einwanderungsbehörde angewiesen, die Möglichkeit zu prüfen, ob Marsalek im Land sein könnte.

13.55 Uhr: Banken halten noch ein paar Tage still

Wirecard hat noch Luft zum Atmen. Wie die Nachrichtenagentur „Bloomberg“ erfahren hat, wollen die kreditgebenden Banken bei ihrer Entscheidung, ihre Wirecard-Kredite fällig zu stellen, noch einige Tage warten. Es geht um 1,75 Milliarden Euro. Die Zeit wollen sie nutzen, um sich ein besseres Bild von der langfristigen Überlebensfähigkeit des taumelnden Dax-Konzerns zu machen. Dabei sprechen sie auch mit zentralen Geschäftspartnern von Wirecard wie den Kreditkartenanbietern Visa und Mastercard. Sollten diese Wirecard als Mittelsmann nicht mehr akzeptieren, wäre dies ein schwerer Schlag für die Geschäftsperspektiven des Zahlungsdienstleisters.

13.30 Uhr: Besteht Haftbefehl gegen Marsalek?

Nach Informationen des „Handelsblatt“ soll ein Haftbefehl gegen den früheren Wirecard-COO Jan Marsalek ausgestellt worden sein. Der österreichische Manager wurde zuletzt in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, vermutet. Dem Bericht zufolge taucht Marsalek in der Datenbank der philippinischen Einwanderungsbehörde letztmalig mit einer Reise Anfang März auf, es gebe nun aber „Indizien“, dass er kürzlich zurückgekehrt sein könnte. Aus Marsaleks Umfeld heißt es der Zeitung zufolge, er sei nicht auf der Flucht und stehe über einen Anwalt im Kontakt mit der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft kommentierte dies bisher nicht.

11.02 Uhr: Markus Braun kassiert Margin Call

Ex-Chef Markus Braun hat einen Großteil seiner Wirecard-Aktien verkauft – und das offenbar nicht ganz freiwillig. Auslöser war nach Medienberichten ein Margin Call der Deutschen Bank, die dem Manager 2017 einen Wertpapierkredit über 150 Millionen Euro gegeben hatte. Im Schnitt erzielte Braun immer noch einen Kurs von fast 30 Euro je Aktie. Mehr dazu lesen Sie hier.

08.51 Uhr: Befindet sich Ex-COO Marsalek in Asien?

Laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ soll sich Jan Marsalek, der in der vergangenen Woche gefeuerte COO von Wirecard, nach Asien abgesetzt haben. Nach Informationen der Zeitung, die sich auf Unternehmenskreise beruft, soll sich Marsalek, die rechte Hand von Wirecard-Chef Markus Braun, in der philippinischen Hauptstadt Manila aufhalten. Dort befindet sich auch das Zentrum des Bilanzbetrugs, da es zwei philippinische Banken waren, bei denen die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro eigentlich hätten deponiert sein sollen. Marsalek war im Vorstand sowohl für das Asien- als auch für das Drittpartnergeschäft zuständig, für dessen Betrieb die Treuhandkonten hätten dienen sollen.

Es ist möglich, dass nach Marsalek bereits gefahndet wird. Auf die Frage, ob der Manager per Haftbefehl gesucht werde, sagte eine Sprecherin der Münchener Staatsanwaltschaft: „Das kann ich weder bestätigen noch dementieren.“ Nach Aussagen von Freunden Marsaleks soll er dort nach entlastendem Material suchen. Ex-Wirecard-Chef Braun hatte sich vorgestern der Polizei gestellt und wurde gestern nach einem Termin bei der Haftrichterin gegen Zahlung einer Kaution von 5 Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt.

23. Juni 2020

14.55 Uhr: Markus Braun kommt gegen Kaution frei

Der am Montagabend festgenommene Ex-Vorstandschef Markus Braun kommt gegen 5 Millionen Euro Kaution und weitere Auflagen frei. Das hat die zuständige Ermittlungsrichterin in München am Dienstagnachmittag entschieden. Braun muss sich nun jede Woche einmal bei der Polizei in München melden. Der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge kann Braun, der Österreicher ist und einen Wohnsitz in Wien hat, Deutschland verlassen. Er muss aber die wöchentliche Meldeauflage in München einhalten; ansonsten droht Untersuchungshaft.

13.10 Uhr: Weitere Wirecard-Manager im Visier

Neben Markus Braun rücken offenbar weitere ehemalige Manager von Wirecard ins Visier der Ermittler. Auch dem inzwischen entlassenen COO Jan Marsalek droht dem Online-Portal der Wochenzeitung "Zeit" zufolge die Untersuchungshaft. Eine Sprecherin der Münchener Staatsanwaltschaft, die in dem Fall ermittelt, wollte gegenüber der Nachrichtenagentur Dpa weder bestätigen noch dementieren, dass Marsalek ebenfalls per Haftbefehl gesucht werde.

10.00 Uhr: Ex-Wirecard-Chef Markus Braun in Haft

Die Münchener Staatsanwaltschaft hat den ehemaligen Wirecard-Chef, Markus Braun, festgenommen. Der Manager stellte sich der Justiz, nach dem ein Haftbefehl erlassen worden war, wie die Staatsanwaltschaft am Dienstagvormittag mitteilte. Braun will nach Angaben der Staatsanwaltschaft mit den Ermittlern koopieren. Ihm werden Marktmanipulation sowie "unrichtige Anagben" in Bilanzen vorgeworfen.

22. Juni 2020

16.49 Uhr: Wirecard kündigt COO Jan Marsalek außerordentlich

Wirecard hat Jan Marsalek mit sofortiger Wirkung als Vorstand abberufen. Überraschend kommt der Schritt nicht: Der Konzern hatte den COO bereits am 18. Juni bis zum Ende des Monats freigestellt, nun folgte die außerordentliche Kündigung. Eine Begründung liefert der Zahlungsdienstleister damals nicht. Auch in der nun erfolgten Mitteilung nannte der Konzern keine weiteren Hintergründe zur Abberufung.

15.30 Uhr: Bafin-Chef Hufeld spricht von „totalem Desaster“

Der Präsident der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, sprach auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt von einem „totalen Desaster“ und räumte Fehler der Behörde ein. „Es ist eine Schande, das so etwas passiert ist“, zitiert ihn Reuters. So hätten private und öffentliche Institutionen, inklusive seiner eigenen Behörde, versagt. „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern. Ich nehme die öffentliche Kritik voll und ganz an“, heißt es weiter laut Reuters.

14.30 Uhr: Bankbestätigungen waren wohl offensichtlich falsch

Laut Cezar Consing, dem Chef der Bank of the Philippine Islands (BPI), seien die angeblichen Bankbestätigungen für Treuhandkonten von Wirecard bei der philippinischen Bank wohl offensichtlich gefälscht gewesen.

„Als man uns das sogenannte Zertifikat gezeigt hat, war sehr klar, dass es falsch war“, sagte er gegenüber Reuters. Er habe am 15. Juni davon erfahren, als die Wirtschaftsprüfer von EY angefragt hätten, ob das Dokument echt sei, so Reuters weiter. Die Bank habe dann festgestellt, dass ein „sehr niedrigrangiger“ Manager das gefälschte Zertifikat unterzeichnet habe. Er sei entlassen worden.

13.00 Uhr: Moody’s setzt Rating aus

Nach einer Herabstufung auf Ramsch-Niveau hat Moody’s wenige Tage später nun das Rating für Wirecard komplett zurückgezogen. Es gebe Unregelmäßigkeiten in der Bilanz, die noch aufzuklären seien, heißt es. Die Agentur verfüge nicht mehr über ausreichende Informationen, um eine Bewertung über die Kreditwürdigkeit des Zahlungsabwicklers abzugeben.

02.48 Uhr: 1,9 Milliarden existieren wohl nicht

Wirecard lässt eine weitere Bombe platzen: Die 1,9 Milliarden Euro, die sich eigentlich auf Treuhandkonten in den Philippinen befinden sollten, bestehen „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht“, schreibt das Unternehmen.

„Der Vorstand geht außerdem davon aus, dass die bisherigen Beschreibungen des sogenannten Drittpartnergeschäfts (Third Party Aquiring) durch die Gesellschaft unzutreffend sind. Die Gesellschaft untersucht weiter, ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang dieses Geschäft tatsächlich zugunsten der Gesellschaft geführt wurde“, heißt es weiter.

Da die 1,9 Milliarden Euro auf der Aktivseite der Bilanz fehlen, nimmt Wirecard die vorläufigen Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2019 und das 1. Quartal 2020 zurück sowie weitere Prognosen. Auswirkungen auf Abschlüsse vergangener Geschäftsjahre könnten nicht ausgeschlossen werden.

Die Gespräche mit den Banken über die Fortführung von Kreditlinien dauernd derweil an. Darüber hinaus prüfe Wirecard weitere Maßnahmen, um eine Fortsetzung des Geschäftsbetriebs zu gewährleisten. 

19. Juni 2020

21.29 Uhr: Wirecard arbeitet mit Houlihan Lokey

Wirecard hat die Investmentbank Houlihan Lokey mandatiert. Houlihan Lokey werde nun gemeinsam mit Wirecard einen Plan zur „nachhaltigen Finanzierungsstrategie“ des Unternehmens entwickeln, heißt es seitens des Unternehmens.

Wirecard stehe derzeit in Verhandlungen mit einem Bankenkonsortium, bekräftigt der Zahlungsdienstleister weiter.

17.30 Uhr: Spekulanten erhöhen Wetten auf Wirecard

Einem Reuters-Bericht zufolge haben Hedgefonds ihre Wetten auf fallende Wirecard-Kurse deutlich erhöht. Demnach liegen die Netto-Leeverkaufspositioneninzwischen bei fast 17 Prozent. Die größte Position hält mit 2,5 Prozent der Hedgefonds Coatue. Vor der Nachricht, dass EY die Bilanz nicht testiert, lagen die Netto-Leeverkaufspositionen insgesamt noch bei etwa 10 Prozent.

14.06 Uhr: Wirecard spricht mit Banken

Wirecard gibt bekannt, dass sich das Unternehmen „in konstruktiven Gesprächen mit seinen kreditgebenden Banken befindet hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung“. Sollte Wirecard im Laufe des heutigen Tages keine testierte Bilanz vorlegen, könnten Kredite von bis zu 2 Milliarden Euro gekündigt werden.

12.48 Uhr: CEO Markus Braun tritt zurück

In einer knappen Mitteilung gibt Wirecard bekannt, dass CEO Markus Braun im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat mit sofortiger Wirkung zurücktritt. James H. Freis wird zum Interims-CEO mit Einzelvertretungsberechtigung berufen.

Der Druck auf den langjährigen CEO war massiv angestiegen, nachdem die Banken BDO Unibank und die Bank of the Philippine Islands (BPI), bei denen 1,9 Milliarden auf Treuhandkonten liegen sollten, laut Bloomberg jede Geschäftsbeziehung mit Wirecard abstritten.

Zudem kündigten sich von immer mehr Seiten Klagen gegen Wirecard an. Sowohl die DWS als auch Union Investment haben angekündigt, die Einleitung rechtlicher Schritte gegen Wirecard zu prüfen. Auch Aktionärsvertreter werden gegen Wirecard aktiv.

18. Juni 2020

18.18 Uhr: Vorstand Jan Marsalek geht

Vorstandsmitglied Jan Marsalek wird mit sofortiger Wirkung widerruflich bis zum 30. Juni 2020 von seiner Tätigkeit als Vorstand freigestellt. Eine Begründung liefert der Zahlungsdienstleister nicht.

Zudem wird James H. Freis mit sofortiger Wirkung zum Compliance-Vorstand bestellt. Der 49-Jährige sollte den Posten ursprünglich erst zum 1. Juli übernehmen. Er wird das neugeschaffene Ressort „Integrity, Legal and Compliance“ verantworten.

11.08 Uhr: Wirecard spricht von „betrügerischen Vorgängen“

Wirecard präzisiert die Ursache dafür, dass EY noch weitere Prüfungen vornehmen muss, um ein Testat auszustellen. „Der Grund liegt in aktuellen Mitteilungen der beiden die Treuhandkonten seit 2019 führenden Banken, wonach die betreffenden Kontonummern nicht zugeordnet werden konnten. Der verantwortliche Treuhänder steht in kontinuierlichem Kontakt mit den Banken und der Wirecard AG“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Bei den die Treuhandkonten führenden Banken handele es sich um zwei asiatische Banken, die über Investmentgrade-Ratings verfügen. Der seit 2019 amtierende Treuhänder nehme in Asien zahlreiche Mandate wahr.

„Wir stehen im Austausch mit dem vor Ort anwesenden Treuhänder“, so CEO Markus Braun. „Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil der Wirecard AG vorliegen, ist derzeit unklar. Die Wirecard AG wird Anzeige gegen unbekannt erstatten", heißt es weiter.

10.43 Uhr: Wirecard verschiebt Jahresabschluss 2019

Schlechte Nachrichten für Wirecard-Aktionäre: Der Zahlungsdienstleister verschiebt nun schon zum vierten Mal die Vorlage der Geschäftszahlen 2019. Der Grund: EY kann noch kein Testat erteilen, weil der Wirtschaftsprüfer keine „ausreichenden Prüfungsnachweise“ für Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro erlangen konnte.

„Es bestehen Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder beziehungsweise aus dem Bereich der Banken, welche die Treuhandkonten führen, unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden, damit dieser ein unrichtiges Vorstellungsbild über das Vorhandensein der Bankguthaben beziehungsweise die Führung von Bankkonten zugunsten der Wirecard-Gesellschaften erhalte“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Sollte der testierte Abschluss bis zum 19. Juni nicht vorliegen, könnten Wirecard Kredite in Höhe von bis zu 2 Milliarden Euro gekündigt werden. Die Aktionäre sind entsetzt, der Aktienkurs rutscht zeitweise um 66 Prozent auf knapp 35 Euro in den Keller.

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