Sorgenkind Solarworld: Trotz der jahrelangen Schieflage bekommt der nach Air Berlin zweitgrößte Insolvenzfall in diesem Jahr noch einmal eine neue Chance.

Solarworld

17.10.17
Wirtschaft

Zahl der Großinsolvenzen zieht weiter an

Neues vom deutschen Insolvenzmarkt: Während im dritten Quartal die Zahl der Großinsolvenzen deutlich anzog, hat Insolvenzverwalter Horst Piepenburg das Mega-Projekt Solarworld nahezu abgeschlossen – dank der Sicherungsgläubiger.

Während die Gesamtzahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland auf Grund der guten Konjunkturlage weiter zurückgeht – um 5 Prozent im ersten Halbjahr –, zeichnet sich im gehobenen Mittelstand ein gegenläufiger Trend ab: Sowohl bei Unternehmen zwischen 10 und 20 Millionen Euro Umsatz als auch bei den noch größeren ziehen die Insolvenzzahlen deutlich an. Dies geht aus dem neuesten FINANCE-Insolvenz-Report zum dritten Quartal hervor, den das Beratungshaus Falkensteg exklusiv für FINANCE erstellt hat. Registrierte Mein FINANCE-Nutzer können den Report kostenlos aus der FINANCE-Datenbank herunterladen.

Vorjahres-Insolvenzwerte fast erreicht

Das dritte Quartal brachte die höchste Anzahl an Großinsolvenzen im bisherigen Jahresverlauf – 25 an der Zahl. Damit erreicht die Gesamtzahl der Großinsolvenzen von Unternehmen mit mehr als 20 Millionen Euro Umsatz mit insgesamt 69 Pleiten schon nach drei Quartalen die Gesamtwerte der beiden vergangenen Jahre. 

Auch auf der Ebene darunter – bei Unternehmen mit 10 bis 20 Millionen Euro Umsatz – rollte im dritten Quartal eine Antragswelle über die Insolvenzgerichte hinweg. 65 neue Insolvenzanträge im dritten Quartal waren fast so viel wie die 70 aus den ersten beiden Quartalen zusammen. Damit zeichnet sich ab, dass in beiden Segmenten am Jahresende ein deutlicher Zuwachs der Insolvenzfälle zu Buche stehen wird. Die hohen Werte der Jahre 2009 sowie 2012 und 2013 dürften aber nicht erreicht werden. 

„Viele Stakeholder signalisierten mir, dass meine Sanierungsanstrengungen keinen Zweck hätten.“

Horst Piepenburg, Insolvenzverwalter von Solarworld

Kaltstart für Piepenburg

Die drei größten Unternehmenspleiten im dritten Quartal waren Air Berlin, der Küchenhersteller Alno und das Josef-Hospital in Delmenhorst. Abgeschlossen wurden im gleichen Zeitraum die Insolvenzfälle Solarworld und Butlers. Sowohl bei der abgestürzten Solarikone als auch dem Einzelhändler aus Köln gelang es, weite Teile des Betriebs fortzuführen und viele Mitarbeiter an Bord zu halten. In Form eines Asset-Deals hingegen verwertet wurden der mit 300 Millionen Euro Umsatz in die Insolvenz gerutschte Fleischwarenproduzent Lutz und der Fahrradhersteller Mifa

Vor allem bei Solarworld war dieser Ausgang anfangs nicht absehbar, wie Solarworld-Insolvenzverwalter Horst Piepenburg im FINANCE-Insolvenz-Report berichtet: „Ungewöhnlich viele Stakeholder hatten mir signalisiert, dass meine Sanierungsanstrengungen doch keinen Zweck hätten. Das konnte ich nicht akzeptieren.“ 

Obwohl Piepenburg nach eigener Aussage zu Beginn seines Mandats „praktisch keinerlei Liquidität“ vorfand und die Konten „vollständig verpfändet“ gewesen seien, konnten am Ende 500 Arbeitsplätze gerettet werden. Diese Mitarbeiter werden Teil des Neuanfangs unter der Regie des Solarworld-Gründers Frank Asbeck, der gemeinsam mit anderen Investoren für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag von Piepenburg den Zuschlag für zentrale Teile des Europageschäfts von Solarworld erhielt. Weitere 1.200 Solarworld-Mitarbeiter gingen in eine Transfergesellschaft. 

Solarworld-Tochter Deutsche Lithium steht zum Verkauf

Möglich wurde dies laut Piepenburg, weil die Sicherungsgläubiger zuvor auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet hatten. Dadurch konnte ein Teil der Millionenzahlungen des Asbeck-Konsortiums in die Insolvenzmasse fließen.

Diese dürfte in den kommenden Monaten noch weiter aufgefüllt werden. Piepenburg bemüht sich gerade darum, die Solarworld-Anteile an dem Projektierer Solarparc zu verkaufen. Außerdem sucht Piepenburg einen Käufer für die von Solarworld gegründete sächsische Explorationsgesellschaft Deutsche Lithium. Ein großer Verkaufserlös ist aus dieser Transaktion jedoch nicht zu erwarten.

Als Solarworld im Februar auf der Suche nach frischer Liquidität den Projektentwickler Bacanora an Bord holte, kassierte der Solarriese lediglich 5 Millionen Euro für einen 50-Prozent-Anteil an der Deutschen Lithium. Insgesamt dürfte die Insolvenzquote bei Solarworld nicht über eine niedrige einstellige Prozentzahl hinauskommen. 

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Der neue FINANCE-Insolvenz-Report steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Wie es zu den Pleiten von Solarworld, Alno und Mifa kam, finden Sie auf den jeweiligen FINANCE-Themenseiten zu diesen Fällen – zur Übersicht geht es hier.