Sieht so die Revolution aus? Die Internetwährung Bitcoin will sich als Zahlungsmittel und für die Geldanlage etablieren.

Bitcoin.de

24.07.13
Wirtschaft

Bitcoin: Ernsthafte Euro-Alternative oder abenteuerliche Spinnerei?

Die virtuelle Währung Bitcoin ist bisher ein Spielzeug und Studienobjekt für Computer-Nerds, Hacker und Wissenschaftler. Nun bietet die Internet-Direktbank Fidor als erste deutsche Bank ihren Kunden Konten mit Bitcoin an. Die Kooperation soll der digitalen Währung mehr Seriosität verleihen und sie langfristig als Alternative zum Euro etablieren. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Es ist eine Mischung aus Anarchie, Experimentierfreudigkeit und Größenwahn, die die Verfechter der Internet-Währung Bitcoin antreibt. „Bitcoin ist eine Antwort auf die Finanzkrise und die Blase, die durch eine immer schnellere Geldschöpfung der Zentralbanken entstanden ist. Ziel ist es, eine Währung zu etablieren, die außerhalb des politischen Einflussbereiches liegt“, sagt Oliver Flaskämper von Bitcoin.de, der größten deutschen Börse für die virtuelle Währung.

Das klingt vermessen – und ist es wahrscheinlich auch. Doch die digitale Währung macht kleine Fortschritte, um sich irgendwann als Alternative zu Euro, Dollar und Co. etablieren zu können: Der Marktplatz Bitcoin.de ist eine Kooperation mit der Internet-Direktbank Fidor eingegangen. Fidor-Kunden sollen ihre Sparguthaben künftig in der Internet-Währung halten dürfen. Die Finanzmarktaufsicht Bafin prüft das Vorhaben derzeit noch. Damit soll das Cybergeld das Image einer Währung für Computer-Nerds und Kriminelle, die Bitcoin für Geldwäsche nutzen könnten, entkommen und der breiten Masse zugänglich gemacht werden. „Wir wollen Hemmungen gegenüber Bitcoin abbauen und mehr Seriosität vermitteln“, sagt Flaskämper. Bei Fidor liegen die Bitcoins auf insolvenzgeschützten Konten, für die die Einlagensicherung greift – und nicht auf den Konten der zumeist ausländischen Börsenbetreiber.

Teil des Bitcoin-Netzwerkes zu werden, ist relativ simpel: Wer sich eine kostenlose Software herunterlädt und installiert, kann sofort Zahlungen in der digitalen Währung empfangen. Um Überweisungen zu tätigen, muss man Bitcoins kaufen, was über Handelsplätze wie Bitcoin.de oder den in Japan ansässigen Marktführer Mt. Gox läuft. Lange Zeit ging das vollständig anonym – was der Währung den Vorwurf der Begünstigung von Geldwäsche einbrachte und sie in den Fokus der Regulierer gerückt hat. Nun müssen sich Nutzer immerhin verifizieren. Trotzdem wurde erst gestern ein weiterer Fall bekannt: Der Investor Trendon Shavers soll Anleger mithilfe eines Schneeball-Systems um einen mittleren einstelligen Millionen Betrag betrogen haben. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC reichte Klage ein.

Bitcoin ist eine Währung für Spekulanten

Europaweit nutzen angeblich 70.000 Personen die Währung – bisher primär um durch Spekulation Gewinne erzielen, wie Flaskämper zugibt. Denn die Preisschwankungen sind enorm: Im April brach der Kurs innerhalb eines Tages von 266 Dollar (201 Euro) um 60 Prozent ein auf 105 Dollar (80 Euro) und kletterte dann noch am selben Tag wieder auf 191 Dollar (144 Euro). Heute notiert ein Bitcoin bei 68 Euro. Damit ziehen Bitcoins derzeit noch viele Spekulanten an und die Anfälligkeit für Blasen, die ja eigentlich minimiert werden sollte, ist noch höher. Für die langfristige Geldanlage taugt die digitale Währung daher zumindest noch nicht. Doch die Volatilität soll sinken, wenn sich die Bestände der Bitcoins auf mehr Köpfe verteilen und das Netzwerk wächst.

Als Zahlungsmittel akzeptieren schon heute einige kleine Onlinehändler Bitcoins. Ob als PR-Gag oder weil es ihnen einen ernsthaften Mehrwert bietet, bleibt unklar. Gegenüber FINANCE beantwortete keiner der angefragten Händler diese Frage. Große Namen fehlen in Deutschland noch, international gibt es jedoch größere Vorreiter wie die bekannte Blogging Software WordPress. Flaskämper träumt von Amazon: „Vielleicht in fünf Jahren.“ Für produzierende Unternehmen spielt Bitcoin dagegen noch keine Rolle.

Ökonomisch interessante Idee mit Schwächen

Wissenschaftlich ist die Idee durchaus von Interesse. Denn dass derzeit viele Zentralbanken wie die amerikanische Fed, die japanische Bank of Japan und im kleineren Stil auch die EZB durch Gelddrucken die Wirtschaft ankurbeln wollen, stößt vielen Ökonomen auf: Sie werfen den Notenbanken Staatsfinanzierung vor und warnen vor Inflation. Der Bitcoin-Schöpfer – angeblich ein Japaner mit dem Namen Satoshi Nakamoto, der 2008 die Idee dafür lieferte – und seine Jünger wollen dies verhindern, indem sie die Menge an Bitcoins deckeln. Die Währung wird durch komplizierte mathematische Algorithmen erzeugt: Alle zehn Minuten entstehen derzeit 25 Bitcoins. Alle vier Jahre halbiert sich dieser Wert automatisch, sodass ab 2130 die maximale Menge erreicht sein wird. Die Idee, die Geldmenge zu begrenzen, ist nicht neu: der Goldstandard beruhte auf einer ähnlichen Raison. Ein realer Wert sollte dem Geldwachstum gegenüber stehen.

Das Problem bei Bitcoins ist jedoch nicht nur, dass Hacker den Algorithmus knacken und verändern können – auch rein ökonomisch betrachtet, hat die Idee Schwächen: Eine wachsende Volkswirtschaft, die mehr Güter oder Dienstleistungen produziert, braucht eine wachsende Geldmenge, damit die realen Preise gleich bleiben. Ökonomen warnen daher vor einer Deflation, wenn die Gütermenge schneller steigt als die Geldmenge.

Die Vorreiter nehmen sich die Kritik an, doch sie träumen auch. Flaskämper sagt: „Irgendwann mal sollen Bitcoins eine Weltwährung werden.“

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de