Die Unsicherheit vor einem harten Brexit wächst in vielen Unternehmen. Welche Konzerne wären nach Analysteneinschätzung besonders betroffen?

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12.03.19
Wirtschaft

Harter Brexit: Diese Unternehmen träfe er besonders

Die Angst vor einem harten Brexit wächst von Tag zu Tag. Welche börsennotierten Unternehmen ein ungeordneter EU-Austritt der Briten besonders treffen würde, zeigt jetzt eine Analyse.

Verhandlungsnächte in Straßburg und Brüssel, Parlamentsvoten in Westminster: Es sind Schicksalstage in der Brexit-Frage. Je näher das Austrittsdatum rückt, umso größer wird die Sorge vor einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU. Das Worst-Case-Szenario ist keine drei Wochen mehr entfernt. Welche Unternehmen ein harter Brexit besonders stark treffen würde, hat das Analysehaus Warburg Research in einer aktuellen Studie untersucht.

Die Analysten haben sich rund 170 börsennotierte Unternehmen angeschaut, die sie regelmäßig beurteilen, und untersucht, wie stark die Auswirkungen eines harten Brexit diese treffen würden. Das Ergebnis: Für rund 90 Unternehmen und damit mehr als die Hälfte erwarten die Analysten zumindest leichte Auswirkungen bei einem No-Deal Brexit. Darunter fassen sie Ergebniseffekte von bis zu 10 Prozent. Es gibt aber auch Unternehmen, für die Warburg deutlich schwerere Folgen befürchtet.

Ein harter Brexit träfe BMW stark

Besonders negativ wäre ein harter Brexit für Unternehmen mit hohem Umsatz in Großbritannien sowie mit großen Produktionsstätten oder mit Lieferketten, die über Großbritannien laufen. Als besonders gefährdet sieht Warburg Research BMW an. Der Konzern muss den Analysten zufolge schwere Folgen mit einem Einfluss von mehr als 10 Prozent auf die Erträge befürchten, sollte es zu einem No-Deal-Szenario kommen.

Zollschranken könnten für das Unternehmen, das beispielsweise sein Modell Mini auch in Großbritannien produzieren lässt, auf Dauer negative Folgen haben. Rund 9,6 Prozent der Umsätze erzielte BMW demnach im zurückliegenden Geschäftsjahr in Großbritannien. Gegenmaßnahmen sind bei BMW bereits im Gespräch: Eine Verlagerung von Teilen der Produktion beispielsweise in die Niederlande könnte die Abhängigkeit von britischen Standorten verringern. 

Das BMW-Management hat zudem angekündigt, die jährliche Wartungsperiode in seinen britischen Werken von Juli auf April vorzuziehen, um mit dieser geplanten Produktionspause einen geordneten Übergang zu ermöglichen und das Risiko von Unterbrechungen in der Versorgungskette zu reduzieren. Ein verschobener Brexit-Termin mit weiterer Unsicherheit wäre vor diesem Hintergrund keine positive Entwicklung für BMW, sagt der Dax-Konzern selbst. 

Bayer und Merck bereiten sich vor

Größere Auswirkungen könnte ein harter Brexit Warburg Research zufolge auch auf den Dämmstoffspezialisten Steico haben. Dieser erwirtschaftete 2018 einen Umsatz von rund 252 Millionen Euro, etwa 35,5 Millionen Euro entfielen den Analysten zufolge auf Großbritannien – ein Anteil von 14,1 Prozent. Steico habe die Lagerbestände hochgefahren, um die Nachfrage auch im Falle eines harten Brexits in jedem Fall für sechs bis acht Wochen bedienen zu können, schreibt Warburg Research. Steico selbst gibt sich in seinem Ausblick für 2019 zwar grundsätzlich optimistisch, bezeichnet den unklaren Verlauf des Brexits aber als „Unsicherheitsfaktor“, den das Management „intensiv“ beobachte. 

Einige Unternehmen, die von einem Brexit zumindest leicht betroffen wären, bereiten sich bereits auf ein No-Deal-Szenario vor. Zu diesen zählt Warburg Research den Pharmakonzern Bayer. Dieser habe bereits zusätzliche Lagerräume gemietet und den Medikamentenvorrat für mehrere Monate aufgestockt. Auch die Zahl der Mitarbeiter, die sich um Zollthemen kümmern, sei erhöht worden. Wettbewerber Merck hat ebenfalls die Medikamentenvorräte auf der Insel aufgestockt. 

Auch der Laserspezialist LPKF ist den Analysten zufolge dabei, mögliche Brexit-bezogene Risiken bei seinen Zulieferern zu untersuchen. Bislang seien dabei noch keine Gefahren für die eigene Lieferkette zutage getreten. Der Autozulieferer Schaeffler, der für seine Automotive-Sparte kürzlich eine Neuausrichtung angekündigt hat, schließt zwei seiner Werke in Großbritannien – ein Schritt, den der Brexit dem Unternehmen zufolge nicht ausgelöst, wohl aber beschleunigt hat. Nur 15 Prozent der in Großbritannien produzierten Schaeffler-Produkte bleiben in Großbritannien, der Rest wird exportiert. Dieses Geschäftsmodell käme bei einem ungeordneten Brexit in schweres Fahrwasser.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Wie sich Unternehmen und Banken auf die verschiedenen denkbaren Szenarien vorbereiten, lesen Sie auf unserer Themenseite zum Brexit.