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02.06.16
Wirtschaft

Renminbi, Rubel, Real – die Perspektiven der Schwellenländerwährungen

Was würde eine Leitzinserhöhung in den USA für die Währungen der Schwellenländer bedeuten? Nicht viel, meinen Devisenexperten. Renminbi, Rubel, Real und Co. hängen derzeit an anderen Faktoren.

Der chinesische Renminbi wertet ab, der Aufwärtstrend des russischen Rubels ist erst einmal gestoppt und der südafrikanische Rand bricht ein. Seit die US-Notenbankchefin Janet Yellen kürzlich eine Zinsanhebung „in den kommenden Monaten“ in Aussicht gestellt hat, verlieren viele Schwellenländerwährungen an Wert gegenüber dem US-Dollar.

Der Grund: Einige Analysten deuten Yellens Aussage als Signal, die Federal Reserve könne bereits in einer der kommenden zwei Sitzungen den Leitzins um 25 Basispunkte erhöhen. Der Markt habe dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent eingepreist, schreiben die Analysten der Raiffeisen Bank International. Am 15. Juni und am 27. Juli stehen die nächsten Leitzinsentscheidungen der amerikanischen Zentralbank an. 

Im vergangenen Dezember hatte die Fed erstmals seit fast zehn Jahren den Leitzins angehoben und für dieses Jahr vier weitere Zinsschritten in Aussicht gestellt, so dass der Leitzins Ende 2016 bei 1,25 bis 1,50 Prozent gelegen hätte. Zuletzt hatte die Notenbank einen zweiten Zinsschritt aber immer wieder herausgezögert – aus Angst, die heimische Konjunktur abzuwürgen, aber auch mit Rücksicht auf die globalen Wachstums- und Finanzmarktrisiken. Die Ökonomen von BNP Paribas rechneten daher schon gar nicht mehr mit einer Zinserhöhung in diesem Jahr.

US-Zinserhöhung ist keine Bedrohung für Schwellenländer

Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden, die Märkte glauben wieder an einen baldigen Anstieg des Leitzins‘ in den USA. Dies verstärkt den Abwertungsdruck auf die großen Schwellenländerwährungen, weil Investoren ihre Anlagen in den US-Dollar-Raum umschichten. Die ersten Reaktionen spiegeln diese Dynamik wider.

Doch Devisenexperten beruhigen: Sie rechnen diesmal nicht mit großen Kapitalabzügen aus den Emerging Markets – zumindest nicht aufgrund einer möglichen US-Zinserhöhung. „Sollte der US-Leitzins um 25 Basispunkte steigen, ist das im Vergleich zu Hochzinsländern wie Russland oder Brasilien sehr wenig. Entscheidend ist deshalb die mittelfristige Dynamik des US-Zinsniveaus“, sagt Volker Anhäuser, Head of Corporates, Global Markets Deutschland bei BNP Paribas. Mit anderen Worten: Nur wenn weitere Zinsanhebungen folgen, wären Auswirkungen zu spüren.

Die Fed könnte jedoch kaum langsamer vorgehen und behutsamer kommunizieren, als sie es derzeit tut. Das war auch schon mal anders: 2013 und 2014 zogen Anleger massenhaft Geld aus den Schwellenländern ab, weil die Fed ihr Quantitative Easing zurückführte. Inzwischen aber haben sich die Investoren an den Ausblick gewöhnt, dass die ultralockere Geldpolitik in den USA zu Ende geht.

HSBC: Renminbi-Abwertung folgt Marktgesetzen

Derzeit werden die großen Schwellenländerwährungen von anderen Faktoren bestimmt als von den Zinsen im US-Dollar-Raum, meint Sven Jürgensen, Co-Head of Corporate Sales bei der HSBC in Deutschland. Beispiel China: „Der Renminbi passt sich den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an.“ Eine schwächere Währung sei unter diesen Umständen nur folgerichtig, so Jürgensen.

Die Renminbi-Abwertung, die auch den chinesischen Exporteuren den dringend benötigten Rückenwind verleiht, begann im vergangenen August, als China sein Wechselkurs-Regime anpasste. Der Renminbi ist seitdem stärker den Marktkräften überlassen, er wertete um 6 Prozent gegenüber dem US-Dollar ab. Mit dieser Liberalisierung hat China ein klares Ziel verfolgt: die Aufnahme des Renminbi in die Sonderziehungsrechte des IWF und damit den Status als Weltreservewährung. Dies ist seit Ende letzten Jahres beschlossene Sache, wird aber erst in diesem Oktober umgesetzt.

Bis dahin bleibt eine Restunsicherheit, weshalb China keinen zu schwachen Renminbi möchte, glauben Experten. Die chinesische Zentralbank stemmte sich zunächst mit massiven Verkäufen von Devisenreserven gegen eine Abwertung. Zudem verhängte China Kapitalverkehrskontrollen, um die Abflüsse zu stoppen. Eine US-Zinserhöhung könnte die Kapitalabflüsse nun wieder verstärken, doch HSBC-Experte Jürgensen beschwichtigt: „Die wirtschaftliche Situation in China hat sich seit Anfang des Jahres stabilisiert.“ Auch die Lage an den chinesischen Börsen hat sich inzwischen beruhigt.

Rubel-Erholung dank steigendem Ölpreis

In Russland dagegen hängt der Rubelkurs vor allem am Ölpreis und an den Sanktionen von EU und USA. An beiden Fronten gab es zuletzt Lichtblicke, weshalb sich der Rubel nach dramatischen Kursstürzen in den vergangenen anderthalb Jahren seit Ende März stabilisiert hat: Ein Dollar ist derzeit 65 Rubel wert, zu den Spitzenzeiten Ende 2015 waren es mehr als 80 Rubel.

Der für den Ölexporteur Russland wichtige Ölpreis hat zugelegt, aktuell kostet ein Barrel der Sorte Brent 50,50 US-Dollar. Die EU-Sanktionen gegen Russland laufen derweil turnusmäßig Ende Juli aus, eine Verlängerung muss einstimmig beschlossen werden. Doch der Rückhalt bröckelte schon bei der letzten Verlängerung im Dezember. Beide Faktoren haben den Rubel zuletzt gestützt. „Dennoch ist Volatilität des Währungspaares Dollar/Rubel extrem hoch: In den vergangenen zwölf Monaten lag sie bei 20 Prozent“, sagt Jürgensen. Die hohe Volatilität – gepaart mit dem extrem hohen Zinsniveau in Russland – macht es für deutsche Unternehmen extrem teuer, den Rubel zu hedgen. Viele Unternehmen unterlassen es daher komplett.

Der brasilianische Real hängt an der Politik

Sowohl der Renminbi als auch der Rubel spielen im Währungsmix vieler deutscher Unternehmen eine wichtige Rolle. Anders sieht es laut Jürgensen beim brasilianischen Real aus: „Wegen der umfangreichen Kapitalverkehrskontrollen in Brasilien und des strengen Währungsregimes fakturieren viele deutsche Unternehmen vor Ort lieber in US-Dollar“, sagt der FX-Experte. Zudem agieren die lokalen Tochtergesellschaften oft recht autonom.

Dennoch dürften einige deutsche Unternehmen mit Sorge auf das größte südamerikanische Land blicken. Dort wird der Wechselkurs – neben den Rohstoffpreisen – derzeit vor allem von der politischen Situation geprägt: Seit der Suspendierung von Brasiliens Regierungschefin Dilma Rousseff Mitte Mai wertete der Real gegenüber dem Dollar um 4 Prozent auf. Wie sich der Real weiter entwickelt, dürfte vor allem vom weiteren Fortgang der politischen Ereignisse abhängen und weniger vom US-Zinsniveau.

US-Zinserhöhung trifft am ehesten die indische Rupie

Den potentiell größten Einfluss könnte die US-Zinswende auf die indische Rupie haben, glaubt HSBC-Experte Jürgensen: „Indien ist ein großer Ölimporteur. Der Wechselkurs Dollar/Rupie hat großen Einfluss auf die Energiekosten des Landes und ist daher für die Politik immens wichtig.“ Anders als in Russland oder Brasilien liegt der Leitzins der indischen Zentralbank zudem „nur“ bei 6,5 Prozent. „Das Zinsdifferential der Rupie zum US-Dollar ist daher kleiner, hier könnte eine Zinserhöhung der Fed stärker ins Gewicht fallen.“

Vorausgesetzt, die US-Notenbank reagiert tatsächlich. Handelt sie gegen die Erwartung der Märkte, könnte der Dollar auch erst einmal an Wert verlieren.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de