Frankreichs CFOs hatten mit einem harten Lockdown zu kämpfen. So haben sie sich in der Krise finanziert.

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26.10.20
Wirtschaft

So agieren französische CFOs in der Coronakrise

In Frankreich geht die Angst vor einem zweiten Lockdown um. Wie meistern die französischen CFOs die Corona-Krise bislang, und was machen sie anders als die deutschen?

Der Blick auf die Zahl der Neuinfektionen in Frankreich stimmt sorgenvoll. Die Marke von 50.000 Neuinfektionen an einem Tag ist bereits überschritten, und der Trend zeigt immer noch nach oben. Ob die zweite Welle der Coronavirus-Pandemie Frankreich ein zweites Mal in den Lockdown zwingt, wird großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung der französischen Unternehmen.

Dabei sind Frankreichs CFOs bislang noch glimpflich durch die Krise gekommen, berichtet Jean-Baptiste Giros, Head of Corporate Coverage and Advisory bei BNP Paribas in Paris: „Wir haben den Tiefpunkt der Liquiditätskrise hinter uns, diese haben die CFOs in Summe gut überwunden.“ Nun steuern die Finanzchefs aber auf die nächste Phase der Krise zu, in der es nicht nur auf die kurzfristige Liquidität, sondern auch auf die langfristige Zahlungsfähigkeit ankommen wird. 

CFOs schlossen einjährige Linien ab

Immerhin konnten sich auch die französischen CFOs in den vergangenen Jahren in eine gute Position bringen, um die aktuelle Krise zu überstehen. „Gerade die finanzielle Struktur der Großkonzerne war vor der Krise sehr solide, die Finanzstrategien sehr konservativ“, so Giros. Die Finanzchefs hätten sich auf hohe Liquiditätspolster stützen können, als der französische Lockdown begann, der deutlich länger und härter ausfiel als der Lockdown in Deutschland.

Wie Giros erzählt, haben die Finanzchefs der Großkonzerne zum Höhepunkt der Krise vor allem auf zwei Finanzierungsmittel zurückgegriffen: den Kapitalmarkt und kurzfristige Liquiditätslinien. „Ein Teil von ihnen hat bestehende Revolver gezogen, um sich Cash zu verschaffen. Die Mehrheit schloss dagegen neue Linien mit einjähriger Laufzeit ab“, berichtet der Banker. Für die größten Unternehmen haben Banken bei diesen Linien als Underwriter fungiert. Grund für den kurzfristigen Cash-Bedarf der CFOs trotz starker Liquiditätspolster war, dass der Commercial-Paper-Markt auf dem Höhepunkt der Krise wochenlang geschlossen war. 

„Ein Teil der Großkonzerne hat bestehende Revolver gezogen, um sich Cash zu verschaffen. Die Mehrheit schloss dagegen neue Linien mit einjähriger Laufzeit ab.“

Jean-Baptiste Giros, Head of Corporate Coverage and Advisory bei BNP Paribas in Paris

Auch am Corporate-Bond-Markt waren Emissionen zeitweise schwierig. „Aber nachdem sich der Markt schnell wieder geöffnet hatte, gab es dann eine sehr hohe Zahl an neuen Emissionen aus Frankreich“, erklärt der Banker. Die Spreads seien zwar weiter gewesen als vor Corona, aber immer noch attraktiv. Für viele CFOs war es vor allem aus kommunikationstaktischen Gründen zentral zu zeigen, dass sie den Markt trotz der insgesamt schwierigen Lage anzapfen konnten. „Zusätzlich zur Beschaffung finanzieller Mittel war dies für sie ein Weg, um ihren Status und ihre Robustheit am Kapitalmarkt zu stärken“, erklärt Giros.

Mittelstand nutzt Staatsgarantien

Staatshilfen hätten für die CFOs der Großkonzerne hingegen nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Vor allem die staatlichen Kreditgarantien, die der Staat – ähnlich der deutschen KfW – ausgibt, hätten die meisten nicht genutzt. „Abgesehen von einigen Unternehmen aus besonders betroffenen Branchen wurde dieses Instrument in dieser Größenklasse wenig genutzt“, so Giros. Schwer getroffene Firmen wie etwa Air France/KLM konnten aber auf den Staat als Kreditgeber zählen.

Für kleine und mittelständische Unternehmen stellte sich die Lage anders dar, dort wurden die sogenannten „prêt garanti par l’État“ (PGE) deutlich häufiger genutzt. Giros: „Der Staat hat viele Initiativen gestartet, um die Wirtschaft zu unterstützen, diese Garantien waren eines davon.“ Bei den Krediten, die ganz klassisch über die Hausbanken vergeben werden, übernimmt der Staat zwischen 70 und 90 Prozent des Risikos. Bei allen Garantien, die an Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern oder mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz ausgegeben werden sollen, muss allerdings das französische Wirtschaftsministerium erst grünes Licht erteilen. Giros zufolge wurden solche Garantien mit Segen des Ministers ein paar Dutzend Mal ausgegeben.

„Die Unternehmen, die unter dieser Hürde lagen, haben diese Garantien stärker gebraucht, die Krise hat sie härter getroffen“, berichtet der Banker. Darüber hinaus hätten Mittelständler verstärkt bereits bestehende Kreditlinien gezogen. Zum Neuabschluss von zusätzlichen Liquiditätslinien ohne staatliche Unterstützung sei es dagegen weniger gekommen.

Frankreich setzt auf Kurzarbeit

Ein Instrument der staatlichen Unterstützung, das allerdings auch in Frankreich viele Finanzchefs großer Konzerne eingesetzt haben, ist die Kurzarbeit – oder „Chômage partiel“. Das französische Programm dafür gilt als eines der großzügigsten weltweit.

„Wir haben die Zahlung der Gehälter verstaatlicht.“

Emmanuel Macron, Französischer Staatspräsident

Auf dem Höhepunkt der Krise soll fast die Hälfte der Beschäftigen im Privatsektor in Kurzarbeit gewesen sein. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron formulierte es so: „Wir haben die Zahlung der Gehälter verstaatlicht.“

Doch nicht alle CFOs haben zugeschlagen: Einige Konzerne aus dem für Frankreich so wichtigen Luxussegment – etwa Chanel oder Hermes – hatten sich aber öffentlich gegen die Nutzung von Kurzarbeitergeld in Frankreich ausgesprochen. Für viele dürfte das eine Frage des Prestiges gewesen sein.

Wie reagieren CFOs auf die zweite Welle?

Mit den nun aber wieder strenger werdenden Beschränkungen des Wirtschaftslebens stehen die französischen Finanzchefs aber schon wieder vor einer Herausforderung. Die Sorge vor einem zweiten Lockdown geht um. „Wir sehen eine gewisse Nervosität, aber keine Anzeichen von Panik“, beobachtet Giros. Er glaubt, dass die CFOs sich darauf verlassen, dass die Banken sie auch in der nächsten Phase der Pandemie unterstützen werden.

Langfristig gesehen könnten auch Equity-Transaktionen eine größere Rolle spielen, ebenso wie Abspaltungen von Geschäftsteilen. „Solche strategischen Entscheidungen werden sicherlich in den nächsten zwei drei Jahren auf viele Finanzchefs zukommen“, erwartet Giros.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

FINANCE hat für Sie über den Tellerrand geschaut. Wie haben CFOs in anderen Ländern auf die Krise reagiert? In den ersten beiden Teilen dieser Serie haben wir einen Blick auf die USA und Japan geworfen.