Ratingagenturen gewähren ihren Herkunftsländern Heimvorteile, zeigt eine aktuelle Studie.

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29.01.14
Wirtschaft

Studie: Ratingagenturen sind bei Länderratings befangen

Ratings beeinflussen Entscheidungen in Unternehmen und haben Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit ganzer Staaten. Doch auch die Agenturen selbst werden beim Erstellen ihrer Ratings beeinflusst – und gewähren bestimmten Ländern offenbar Heimvorteile. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Heidelberg, die die Angaben von neun Agenturen aus sechs Ländern untersucht hat.

Ratingagenturen stehen spätestens seit dem Ausbruch der Finanzkrise in der Kritik, nicht immer unabhängige Bonitätsbewertungen vorgenommen zu haben. Denjenigen, die seither mehr Konkurrenz für die großen drei Agenturen Standard & Poor‘s, Moody’s und Fitch fordern, gibt ein Diskussionspapier der Universität Heidelberg neue Argumentationshilfe.

Ausgangspunkt der Studie „The Home Bias in Sovereign Ratings“ ist die Frage, ob das Herkunftsland der Ratingagenturen Einfluss auf das jeweilige Länderrating hat. Die Autoren Andreas Fuchs und Kai Gehring haben dafür Daten von neun Ratingagenturen aus sechs Ländern zwischen Januar 1990 und Juni 2013 untersucht. Die Ratings betreffen bis zu 143 Länder. Außer den großen Drei sind außerdem Angaben von Capital Intelligence (Zypern), Dagong Global (China), Dominion Bond Rating Services (Kanada), Feri EuroRating Services (Deutschland), Japan Credit Rating Agency und Rating and Investment Information (Japan) in die Untersuchung eingeflossen.

Sicher ist, dass Ratings Entscheidungen beeinflussen. So haben Länderratings Einfluss auf Unternehmensbewertungen und damit letztendlich auch auf die Kosten für Unternehmensfinanzierungen. Wichtig ist daher, dass sie zutreffend sind. Im Idealfall sollten Agenturen den Anreiz haben, durch Wettbewerb und aus Sorge um ihren guten Ruf zutreffende und unvoreingenommene Ratings zu veröffentlichen, schreiben die Autoren der Studie.

Ratingagenturen sind voreingenommen

Doch laut den Ergebnissen der Studie sind die Agenturen bei vielen ihrer Länderbewertungen tatsächlich voreingenommen. Demnach gibt eine Agentur dem Land, in dem sie ihren Hauptsitz hat, eine um etwa einen Punkt bessere Ratingbewertung. Besonders augenfällig seien die positiveren Noten nach dem Ausbruch der Finanzkrise im September 2008 geworden.

Dabei gibt es laut Studie durchaus größere Unterschiede zwischen den einzelnen Agenturen. So geben manche Agenturen ihrem Heimatland eine bessere Note im Vergleich zu ihrer Bewertung der wirtschaftlichen und politischen Basisdaten anderer Länder. Andere Ratingagenturen bewerten wiederum diejenigen Länder besser, die mit ihrem Heimatland besonders stark verbunden sind oder aber einem höheren Gefährdungspotential ausgesetzt sind. Ein Beispiel für die verzerrten Ratings gibt die Studie mit der chinesischen Agentur Dagong. Diese hätte sowohl den chinesischen Territorien Hongkong und Macao als auch den BRIC-Staaten höhere Ratings als den westlichen Ländern gegeben. Gleichzeitig habe Dagong vielen westlichen Ländern niedrigere Bonitätsnoten bescheinigt als die Wettbewerber von S&P, Moody’s und Fitch.

Die Autoren fordern daher mehr Wettbewerb für die großen Ratingagenturen. Die Abhängigkeit von einigen wenigen Agenturen gelte es zu verringern. Stattdessen sollten Ratings von mehreren Agenturen aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund verpflichtend sein. Das würde auch zu einem umfassenderen Risikomanagement in den Unternehmen führen. CFOs sollten beim Blick auf die nächste Bonitätsbewertung im Hinterkopf haben, woher die Agentur kommt, die die Note vergeben hat.

anne-kathrin.meves[at]finance-magazin.de

Wenn Sie sich selbst ein Bild über Länderratings machen wollen, laden Sie die vollständige Studie The Home Bias in Sovereign Ratings der Universität Heidelberg in unserer White Paper Library herunter.