Gefahrenzone: Das Auswärtige Amt rät dringend von Reisen nach Kairo, Oberägypten und in das Nildelta ab. Auch einige Unternehmen haben die Reißleine gezogen.

sxc

16.08.13
Wirtschaft

Supply Chain: Deutsche Unternehmen produzieren trotz Gewalt in Ägypten

Die Lage in Ägypten spitzt sich täglich zu. Noch harrt die Mehrzahl der deutschen Unternehmen im Land aus – anders als die US-Kollegen. Doch für Symrise, Henkel, Leoni und Co. steigt täglich das Risiko, dass die Lieferketten reißen.

Ägypten steht am Rande des Bürgerkriegs. Die Regierung hat mittlerweile landesweit den Ausnahmezustand verhängt, das Auswärtige Amt in Deutschland reagierte bereits mit einer Teilreisewarnung. Insbesondere von Reisen nach Kairo, Oberägypten und in das Nildelta rät das Amt dringend ab. Mittlerweile haben auch einige Unternehmen schon die Reißleine gezogen.

Der Handelskonzern Metro hat seinen Sitz in Kairo vorübergehend geschlossen. Die beiden Märkte in der ägyptischen Hauptstadt sollen laut einer Unternehmenssprecherin „voraussichtlich zwischen 16 und 17 Uhr schließen“, damit die Mitarbeiter genügend Zeit hätten, noch vor der Ausgangssperre nach Hause zu kommen. Shuttle-Busse für Mitarbeiter habe der Konzern ebenfalls bereit gestellt.

Symrise, Henkel und Leoni produzieren

Auch der amerikanische Autobauer General Motors und der schwedische Haushaltsgerätehersteller Electrolux haben ihre Produktion in Ägypten inzwischen gestoppt. Doch trotz der blutigen Aufstände scheint die Mehrzahl der deutschen Unternehmen noch auszuharren. So produziert der niedersächsische Hersteller von Duftstoffen und Aromen Symrise weiterhin in seinem Werk in einem Außenbezirk von Kairo.

Die Produktion mit ihren etwa 100 Mitarbeitern sei bislang von den Gewaltexzessen verschont geblieben, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage von FINANCE. Tageweise seien Mitarbeiter jedoch schon früher nach Hause geschickt oder die Produktion ganz geschlossen worden. "Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat höchste Priorität", heißt es bei Symrise. Zeitweilig sei es schon zu Verzögerungen in der Lieferkette gekommen. Sollte sich die Situation weiter zuspitzen, könne die Produktion grundsätzlich auch an den Standort nach Dubai verlagert werden, um die Region weiterhin versorgen zu können.

Auch bei der RWE-Tochter Dea und beim Konsumgüterkonzern Henkel geht die Produktion offenbar weiter. Henkel beschäftigt in seiner Waschmittelproduktion in Port Said rund 600 Mitarbeiter. Die 190 Mitarbeiter in der Verwaltung in Kairo könnten allerdings von zu Hause arbeiten, meldet die Nachrichtenagentur dpa. Das Öl- und Gasförderunternehmen Dea habe ebenfalls noch nicht mit speziellen Maßnahmen auf die Aufstände reagiert.

Etwas anders sieht es beim Automobilzulieferer Leoni aus. Zwar geht auch hier die Produktion mit 4.500 Mitarbeiter an drei Standorten weiter, aber es musste umorganisiert werden. Statt der normalen drei gebe es nur noch zwei Schichten, Frauen würden ganz zu Hause bleiben. „Wir haben aus der Zeit der Revolution schon Erfahrung mit solchen Situationen – und haben Waren für zwei Wochen vorproduziert“, zitiert Der Spiegel einen Unternehmenssprecher.

Deutsche Unternehmen bleiben Ägypten vorerst treu

Die deutschen Unternehmen kennen sich offenbar mit Krisensituationen im Land aus und bleiben dem Standort Ägypten erst einmal treu. Doch die Unruhe wächst. Schon Anfang Juli meldete der DIHK in einer Analyse, die Unsicherheit sei unter den rund 80 mit eigenen Standorten vertretenen deutschen Unternehmen hoch. Deshalb würden bereits einige der größeren Betriebe ihre ausländischen Mitarbeiter in Sicherheit bringen. Ein größerer Rückzug war zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt.

Bislang hat sich offenbar noch nicht allzu viel verändert für deutsche Unternehmen. Doch angesichts der sich täglich zuspitzenden Lage am Nil ist fraglich, wie lange sie ihre Produktion noch aufrecht erhalten können. Insgesamt beschäftigen laut DIHK deutsche Unternehmen in Ägypten rund 24.000 Mitarbeiter in 80 Vertriebs- und Produktionsstandorten. Einige Unternehmen dürften in ihrem Risikomanagement inzwischen an Notfallplänen für einen Ausfall der Lieferketten arbeiten.

anne-kathrin.meves[at]finance-magazin.de