Bilder, die um die Welt gingen: Das Lazarettschiff fährt aus New York ab.

picture alliance/Xinhua News Agency/Jie Fischer

12.10.20
Wirtschaft

Wie US-CFOs die Coronakrise meistern

Andere Länder, andere Sitten: Wie haben sich Unternehmen in anderen Teilen der Welt in der Coronakrise finanziert? FINANCE schaut über den Tellerrand – und im ersten Teil unserer Serie in die USA.

Die Bilder des Lazarettschiffs, das im Frühjahr vor New York vor Anker ging, gingen um die Welt. Die Metropole, die niemals schläft, wurde zum Schreckensbild dafür, was die Pandemie anrichten kann. Seitdem haben sich in den USA mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert als in jedem anderen Land der Welt – über 7 Millionen offiziell, tatsächlich wahrscheinlich viele mehr.

Die Krankheitswelle hat die US-Wirtschaft noch stärker getroffen als die deutsche. Hierzulande trat in den Krisenmonaten die KfW massiv in die Rolle des Lenders of last resort ein, tausenden Unternehmen half sie bei der Finanzierung. Doch wie sah es auf der anderen Seite des Atlantiks aus?

USA versus Deutschland: Die Branche entscheidet

Für Fernando Vicario, Head of Corporate Banking in EMEA und Head of EU Corporate and Investment Banking der Bank of America, ist eines klar: „Die nationalen Unterschiede bei der Krisenbewältigung sind weniger ausgeprägt als die Branchenunterschiede“, sagt der Experte, der mit europäischen Konzernen und auch US-Tochterunternehmen, die in Europa aktiv sind, eng vertraut ist. Andere Rahmenbedingungen wie zum Beispiel etwa Liquiditäts- oder Cashflow-Planungshorizonte seien mittlerweile weltweit relativ standardisiert.

„Das bedeutet auch, dass dies- und jenseits des Atlantiks diejenigen Unternehmen im Vorteil waren, die das beste Data Management betrieben haben“, so der Banker. „Auch bei den US-Unternehmen hat sich gezeigt, dass ein gutes Cashflow Forecasting und Liquiditätsmanagement in dieser Krise so entscheidend waren wie nie zuvor.“ Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der die Pandemie um sich griff, sei das in diesem Jahr noch relevanter gewesen als beispielsweise in der Finanzkrise.

US-CFOs misstrauten den Banken

Bei allen Gemeinsamkeiten zeigt sich aber bei näherem Hinsehen, dass amerikanische Unternehmen zu Beginn der Krise doch anders agiert haben als die deutschen. „Im Gegensatz zu europäischen Konzernen haben US-Unternehmen sehr früh in der Krise ganz stark auf ihre nicht genutzten revolvierenden Kreditlinien zurückgegriffen“, berichtet Vicario. In Europa sei das zwar auch vorgekommen, aber längst nicht in diesem Ausmaß. „Es gab gewisse Bedenken bei US-CFOs, dass Banken ihre Commitments potentiell nicht honorieren könnten, daher die vorsorgliche Inanspruchnahme von ursprünglich ungenutzten Kreditlinien.“

„Es gab gewisse Bedenken bei US-CFOs, dass Banken ihre Commitments potentiell nicht honorieren könnten.“

Fernando Vicario, Bank of America

Diese Sorge hat sich jedoch nicht materialisiert, was klar erkennbare Folgen für die Unternehmensfinanzierung in den USA hat: Am Anfang der Coronakrise hatten laut Vicario große US-Banken einen massiven Zuwachs an Funded Loans und auch an Einlagen zu verzeichnen. Das hat sich jedoch wieder normalisiert. Es ist trotzdem bemerkenswert, dass dies im Land des Kapitalmarkts passierte, wo ein viel größerer Anteil der Unternehmen den Kapitalmarkt nutzt als in Europa. Vicario: „Bei vielen Unternehmen stellte sich heraus, dass das Geld zunächst gar nicht gebraucht wurde und deshalb wieder bei den Banken angelegt wurde.“

Die wichtige Rolle der Fed

Der Banker hat außerdem beobachtet, dass US-CFOs sehr schnell ins Gespräch mit ihren Banken und Investoren gegangen sind, „vor allem über drohende Covenant-Brüche oder mögliche Covenant-Holiday-Periods für deren bestehende Kreditfazilitäten“, erzählt der Experte. Häufiges Thema war im Land des Shareholder Values auch die potentielle temporäre Aussetzung von Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufen.

Aber auch den für die USA so wichtigen Kapitalmarkt haben amerikanischen Unternehmen massiv genutzt. Insgesamt hat der US-Corporate-Bondmarkt mit einem Emissionsvolumen von 1,64 Billionen US-Dollar in diesem Jahr einen neuen Rekord für die ersten neun Monate erreicht, im Vergleich zu 997 Milliarden Dollar im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Auch in den USA war es die Notenbank Fed, die mit ihrer Ankündigung, erstmals auch Corporate Bonds zu kaufen, eine gefürchtete Liquiditätsblockade schnell aus dem Weg räumte. Da das Kaufprogramm der Fed – anders als das Pendant der EZB – auch spekulative Bonds umfasste, konnte sich der Markt für Hochzinsanleihen in den USA noch schneller erholen als in Europa.

Insgesamt hat die Fed bislang Corporate-Bonds über 12,2 Milliarden Dollar gekauft. „An dieser relativ geringen Summe sieht man deutlich, dass die Ankündigung der Fed vor allem einen psychologischen Effekt hatte“, so Vicario.

US-CFOs wollen die volle Kontrolle

Auch auf Eigenkapitalfinanzierungen haben US-CFOs in der Krise stark zugegriffen. „Gerade bei Unternehmen mit schwächeren Bonitäten stand Equity hoch im Kurs“, beschreibt Vicario das Geschehene. In diesem Jahr lag das Volumen von ECM-Transaktionen in den USA bis einschließlich Ende September bei 312 Milliarden Dollar gegenüber 184 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Im Vergleich zu Deutschland und Europa allgemein habe frisches Eigenkapital für schwer von der Pandemie gebeutelte Unternehmen in den USA eine größere Rolle gespielt als Staatshilfen.

Anders sieht das für Firmen aus der Luftfahrtbranche aus. Für sie und für Unternehmen, die für die nationale Sicherheit relevant sind, enthält das Corona-Hilfspaket „Cares Act“ der US-Regierung spezielle Unterstützungsprogramme, die etwa den gebeutelten Airlines milliardenschwere Hilfen verschafften. Über eine mögliche Verlängerung der Programme wird in Washington derzeit heftig diskutiert.

„Diese Staatshilfen sind in den USA allerdings stärker auf kleinere und mittelgroße Firmen ausgerichtet.“

Fernando Vicario, Bank of America

Darüber hinaus gibt es im Rahmen des Cares Act für Unternehmen aus allen anderen Branchen Steuererleichterungen, Kreditprogramme und Unterstützung bei der Zahlung von Gehältern. „Diese Staatshilfen sind in den USA allerdings stärker auf kleinere und mittelgroße Firmen ausgerichtet“, so Vicario. Auch einige Tochterfirmen von deutschen Unternehmen hätten in den USA solche Hilfen in Anspruch genommen. „US-Großkonzerne setzen aber stärker auf den Kapitalmarkt.“

Was können deutsche CFOs bei der Krisenbewältigung von ihren US-Pendants lernen? Vicario kommt auf eine unerwartete Antwort: „In den USA ist der Centralized-Financial-Control-Ansatz bereits sehr verbreitet. In den vergangenen Monaten hat man deutlich gesehen, dass US-Unternehmen das weiter intensivieren und auch europäische Unternehmen hier nachlegen.“ Manche Dinge, die Krisenzeiten auslösen, sind also überall gleich: Die Konzernzentrale will in schwierigen Zeiten den vollen Überblick und auch die Kontrolle behalten. Die US-CFOs machen vor, wie das geht.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Wie haben CFOs in anderen Ländern auf die Coronakrise reagiert? FINANCE befasst sich in dieser Miniserie für Sie mit dieser Frage. Im ersten Teil haben wir einen Blick auf die USA geworfen. In der kommenden Woche geht es mit Teil 2 weiter. Dann schweift unser Blick in die entgegengesetzte Himmelsrichtung, und zwar nach Japan.