Kurs halten trotz Flaute

Die Coronakrise traf die auf Kreuzfahrtschiffe spezialisierte Meyer-Werft hart. Wie es gelang, Banken und Kautionsversicherer dennoch an Bord und die Werft auf Kurs zu halten.

Anfang 2020 waren die Auftragsbücher der Meyer-Werft aus Papenburg gut gefüllt. Bis Ende 2023, so der Plan, würden jährlich drei Kreuzfahrtschiffe an Reedereikunden ausgeliefert werden. Und auch für die Folgejahre sah es dank des anhaltenden Kreuzfahrtbooms gut aus. Die Finanzierungsstruktur war anspruchsvoll, aber gesichert: 20 Prozent des Gesamtkaufpreises werden während der Bauphase fällig, die die Meyer-Werft mit Anzahlungsbürgschaften absicherte. Die verbliebenen 80 Prozent wurden nach Fertigstellung fällig. Mit Bankbarlinien wurden die Produktionskosten zwischenfinanziert. Doch dann kam die Coronakrise und stellte die bisherige Planung vollkommen auf den Kopf.

Finanzierungsstruktur auf Probe

Kreuzfahrtschiffe fuhren nicht mehr, und niemand wusste, wann und wie es weitergehen würde in der Branche. Den Kunden der Meyer-Werft fehlten urplötzlich Einnahmen. Wer konnte, finanzierte sich teuer über den Kapitalmarkt mit Fremdkapital. Für die Niedersachsen wurde das Problem schon schnell akut, weil bereits im Mai 2020 ein Kreuzfahrtschiff ausgeliefert werden sollte.

Doch will der Kunde das Schiff dann überhaupt abnehmen? Und was wird aus den weiteren Schiffen in Planung und Bau? Bei der Meyer-Werft begann ein komplexer Abstimmungsprozess mit den Kunden: Wer erhält wann welches Schiff, wie weit kann oder muss aufgeschoben werden? War mit einem Kunden eine Einigung erzielt worden, musste der Zeitplan anschließend mit den weiteren Kunden koordiniert werden. Wenn die Zeitpläne nicht für alle passten, musste die Abstimmung von vorne beginnen. Am Ende wurde die für den Mai geplante Auslieferung um sechs Monate verschoben. Das war nicht nur eine große Herausforderung für das operative Geschäft, sondern wirkte sich ebenfalls massiv auf die Finanzierungsstruktur aus: Bürgschaften mussten länger laufen als geplant, Einnahmen aus der Fertigstellung verzögerten sich und führten zu entsprechenden Belastungen der Liquidität.

Überzeugungsarbeit notwendig

Banken und Kautionsversicherer mussten nicht nur regelmäßig über den Gesprächsstand mit den Kunden informiert werden, sondern auch – mitten in der Coronakrise – von der Verlängerung und Ausweitung der bisherigen Avale und Barlinien überzeugt werden. Es war illusorisch, in dieser Phase neue Finanzierungspartner zu finden. Aber gemeinsam mit Makler, bestehenden Kautionsversicherungen und Banken konnten Lösungen gefunden werden. Dabei halfen die Corona-Hilfskredite der KfW und das vertrauensvolle Verhältnis untereinander. Auch die Tatsache, dass die Anzahlungsbürgschaften je Auftrag nur jeweils von einem Bürgen gestellt worden waren, nahm Komplexität aus den Verhandlungen. Die Konditionen hatten sich zwischenzeitlich deutlich verschärft, die Prämien für die Bürgschaften teils mehr als verdoppelt.

Doch es gab ein mündliches Gentlemen’s Agreement: Langfristige Partnerschaft, aber nur fallweise Verträge, um möglichst schnell wieder zu Vor-Krisen-Konditionen zurückkehren zu können. Das Agreement wurde von allen Seiten eingehalten. Gemeinsam wurde die akute Krise gemeistert und eine neue Struktur gefunden – obwohl sich der Lieferplan von drei Schiffen pro Jahr auf zwei reduziert hat. Die Kreuzfahrtbranche läuft inzwischen wieder unter Volldampf, dennoch hat die Meyer-Werft die Coronakrise auch zur Diversifizierung genutzt. Die Papenburger haben Ende 2021 unter anderem den Zuschlag für den Bau eines Forschungsschiffs erhalten.

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