Eine CO2-freie Zukunft muss gut vorbereitet sein. Und sie kann schon heute zu Vorteilen verhelfen: Überzeugende Transformationspläne verbessern den Kapitalzugang und senken die Finanzierungskosten. Mit Produkten, die einen niedrigen CO2-Fußabruck aufweisen, lassen sich zudem neue Absatzmärkte und Kundengruppen erschließen. Und letztlich forcieren auch die ambitionierten EU-Klimaziele die Dekarbonisierung. Die Folge: Zulieferer ohne Net-Zero-Verpflichtung können sich nicht in einer Lieferkette behaupten.
Deshalb brauchen sie eine Transformationsstrategie, die den Weg in eine möglichst emissionsfreie Produktion aufzeigt. Wissenschaftlich basierte Reduktionsziele in Übereinstimmung mit dem Pariser Klimaabkommen sind die Richtschnur. Das gilt für Automobilzulieferer genauso wie für andere energieintensive Produzenten etwa von Papier, Stahl und Zement – und auch für einzelne Lebensmittelproduzenten. Ihre Kosten werden zusätzlich durch hohe und schwankende Aufwendungen für fossile Energieträger und den europäischen Emissionsrechtehandel getrieben. Die unternehmerischen Ziele heißen also CO2-freie Energie, Preis- und Versorgungssicherheit.
Energiebeschaffung: Elektrifizieren und diversifizieren
Mit Energieeffizienzprojekten lassen sich in der Regel 5 bis 10 Prozent Energiekosten sparen. Doch eine umfassende Dekarbonisierungsstrategie greift weiter: Durch Elektrifizierung wird hier fossile Energie durch grünen Strom ersetzt. Führende Automobilzulieferer haben bereits rund 75 Prozent ihrer Produktion elektrifiziert. Sektoren wie die Stahl- oder Glasindustrie starten jetzt damit.
Für ein Plus an Versorgungs- und Preissicherheit kommt es zudem auf die Diversifizierung der Strombezugsquellen an. Das beinhaltet den Kauf von Herkunftsnachweisen ebenso wie Stromabnahmeverträge mit nachhaltigen Erzeugern (Green Power Purchase Agreements). Zentraler Bestandteil der Strategie müssen auch gezielte Investitionen in eigene Stromerzeugungskapazitäten sein. Nur mit einem Mix aus grünen Energiequellen lassen sich Stromkosten, Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung langfristig in Einklang bringen.
Dekarbonisierung ist auch eine Frage der Finanzierung
Daraus ergeben sich für die Finanzverantwortlichen in den Unternehmen wichtige bilanzielle Fragen. Zuerst und vor allem ist der Investitionsbedarf zu klären. Soll dieser eher über eine zusätzliche Verschuldung gedeckt werden oder off Balance in einer Projektgesellschaft? Hinzu kommen Themen wie Bewertungsrisiken und der Breakeven – der Punkt, ab dem sich die Investition rechnet. Viele Unternehmen sind gerade dabei, Antworten zu entwickeln. Initiativen wie EE-Industrie zur Eigenversorgung mit Grünstrom im Mittelstand können dabei hilfreich sein. Die Initiative unterstützt Unternehmen dabei, die für die Dekarbonisierung zwingend benötigten Grünstrommengen zu sichern, Bündeleffekte zu nutzen und die Erzeugungskosten zu minimieren.
Zudem braucht es die Expertise der Banken. Sie haben eine entscheidende Rolle als Berater – auch im Hinblick auf die Chancen- und Risikobewertung eines solchen Großprojekts. Außerdem arrangieren sie den Zugang zu grüner Finanzierung, zum Beispiel über bilaterale und syndizierte Kredite sowie über Fördermittel. Die Unternehmen profitieren zudem von den Strukturierungskenntnissen der Geldhäuser. Fest steht: Der beste Zeitpunkt für Unternehmen, sich den strategischen Vorteil einer durchdachten Dekarbonisierungsstrategie zu sichern, ist jetzt.
Autor
Wolfgang Vitzthum
Wolfgang Vitzthum ist Managing Director „ESG & Sustainable Finance Solutions“ bei der Commerzbank in Frankfurt am Main.